Feminismus als Lehre vom Opfer?

Frauen sollten keine Opfer sein, vor allem sollten sie nicht durch eine Debatte zu Opfern gemacht werden! Aber das Frauen im Allgemeinen für sich selbst sprechen können, scheint keine Relevanz mehr zu haben, betrachtet man die derzeitigen Geschehnisse. Die #metoo Bewegung erschuf ein überempfindliches Umfeld, in dem sogar die Bewunderung an eine Frau mit dem Sexismus Stempel versehen wird. Und dieser Stempel ist vergleichbar mit dem zwangsvollsteckerischen Kuckuck, denn ist er einmal aufgebracht ist die Pfändung bzw. Eliminierung nicht mehr weit.

Jüngst geschehen mit einem Gedicht an der Fassade einer Berliner Hochschule. An der Fassade der Alice Salomon Hochschule in Berlin steht seit 2011 das Gedicht des Lyrikers und Gewinners des Alice Salomon Poetik Preises Eugen Gomringer. Das Gedicht “avenidas” lautet in deutscher Übersetzung wie folgt:

„Alleen / Alleen und Blumen / Blumen / Blumen und Frauen / Alleen / Alleen und Frauen / Alleen und Blumen und Frauen und ein Bewunderer“

Dieses Gedicht soll nun entfernt werden. Der Studierendenrat sieht darin eine Provokation durch klassisch patriarchale Klischees, in welcher ein männlicher Künstler von einer Frau zu Kunst inspiriert wird. 

Alleine dieser Sachverhalt macht mich ziemlich sprachlos. Was daran ist sexistisch? Ist es die Inspiration? Ist es die Bewunderung? Vermutet werden kann viel, dass die Hochschule diesem Antrag aber wirklich statt gibt, lässt mich schier verzweifeln.

Wie nur kann eine Hochschule einen kruden Gedanken und den Hype um Sexismus einem Grundrecht vorziehen? Den was hier geschieht ist eine klare Einschränkung der Kunst und somit ein Verstoß gegen das Grundrecht der Kunstfreiheit Artikel 5 Absatz 3 des Grundgesetzes.

Wie nur kann es dazu kommen? Die Ursache hierin mag in dem überpolitischen Ansinnen liegen nur ja niemanden zu verletzen, der es vermeintlich schwer genug hat. Das sind momentan die Frauen, welche durch die #metoo Debatte als Generalopfer dargestellt werden. Jede Frau hat bereits ein #metoo erlebt und muss mit allen Mitteln vor möglichen weiteren #metoos bewahrt werden. Wenn es sein muss auch mit Zensur und Einschränkung der Freiheit.

Ob nun wirklich alle Frauen derart beschützt werden wollen, diese Frage ist an mir vorbei gegangen. Aber darum scheint es auch nicht zu gehen. Es geht zunehmend um Macht. Die #metoo Sympathisanten suchen mit allen Mitteln nach männlichem Machtmissbrauch und werden selbst mehr und mehr zum Machtmissbrauchenden. Denn mit der Offenlegung ist es längst nicht mehr getan. Es geht um mediale Hetze und um Ausmerzung von allem, was auch nur im Entferntesten einen Hauch Sexismus an sich trägt. Man bekommt eine Ahnung davon, was die Leute im Mittelalter an der Hexenverfolgung fanden, nämlich den Spaß daran einer guten Sache zu dienen und seine Wut an den Schuldigen auszulassen, bis man sie vernichtet hatte. Die dramatischen Folgen so einer Hexenjagd verlieren sich in der Euphorie der Hatz.

Das die #metoo Debatte dabei gänzlich aus dem Ruder gelaufen ist und ihrem eigentlichen Ansinnen nur noch schadet, dürfte klar sein. Vor allem schadet sie dem Ansehen des Feminismus, der in den letzten Jahrzehnten bereits Schaden genommen hat. Nun dürfte der Ruf gänzlich dahin sein. Denn der heutige Feminismus, ich möchte ihn Neo-Feminismus nennen, sieht in den Frauen nur eines: Opfer. Ein Opfer ist nicht in der Lage sich selbst zu schützen und muss folglich beschützt werden. Somit sind es auch nicht die eigentlich Betroffenen, die den größten Wirbel machen, sondern es sind die selbsternannten Beschützer, man könnte sie auch Helikopter-Beschützer nenne, die sich aufspielen und alles kurz und klein machen, was ihren Schützlingen eventuell schaden könnten. Und eben dieser Umstand macht die ganze Sache so bodenlos.

Liebe Neo-Feministen, bitte hört auf in allen Frauen Opfer zu sehen. Eure gedanklichen Großmütter würden sich im Grabe umdrehen, wenn sie sehen würden was ihr aus ihrem Erbe macht. Durch Euch verkommt der Feminismus mehr und mehr zum Schreckgespenst der Neuzeit. Das, was Frauen zu so viel verholfen hat, verkommt zu einem schlechten Spuk, der allen Angst machen soll und dabei Zorn und Hass schürt.

Der ursprüngliche Gedanke von Feminismus ist eine Theorie der Freiheit und nicht der Einschränkung! Er hat Frauen einst dazu verholfen keine Opfer mehr zu sein und nun erklärt er sie zu genau dem: zu Opfern. Das darf nicht sein und vor allem darf es nicht so bleiben!

Feminismus darf nicht die Lehre vom Opfer werden! Feminismus sollte für ein gleichberechtigtes Miteinander stehen oder wie Johanna Dohnal es ausdrückte

„Die Vision des Feminismus ist nicht eine ‚weibliche Zukunft‘. Es ist eine menschliche Zukunft. Ohne Rollenzwänge, ohne Macht- und Gewaltverhältnisse, ohne Männerbündelei und Weiblichkeitswahn.“

#metoo

 

Derzeit ist der Aufschrei der Medien wieder groß, nachdem die sexuellen Machenschaften des Harvey Weinstein öffentlich gemacht wurden. Unzählige Frauen bekennen mit #metoo ihre Erfahrungen mit sexueller Gewalt und es wird deutlich, dass sexueller Missbrauch und Alltagssexismus präsent wie eh und je sind. Dieser reicht von Anmachsprüchen auf offener Straße, über tätliche sexuelle Belästigungen im Job, bis hin zur tätlichen sexuellen Gewalt. Die Medien überschlagen sich mit Artikeln zu diesem Thema. Berichte von betroffenen Frauen und aus welchem Bereich sie stammen bis hin zu Verhaltensregeln, die Männer befolgen sollten . Die Liste der in den letzten 2 Wochen erschienen Artikeln ist lang, sehr lang. Noch länger sind die Kommentarleisten unter den Artikeln, mit empörten und betroffenen Lesern.

Der Mann immer noch ein Höhlenmensch?
Das Thema ist wieder omnipräsent und zeigt die Brisanz die dahinter steckt. Sexismus existiert und vor allem der männliche Sexismus hat eine ungeheure Schlagkraft wenn es darum geht im Gespräch zu bleiben. Der böse Mann lebt mit seinem Denken eigentlich immer noch in der Höhle und sieht in der Frau nur die Gebährmaschine und den sexuellen Lustgewinn. Emanzipation hat also eigentlich noch gar nicht stattgefunden und der Mann muss mit Biegen und Brechen dazu gebracht werden, Frauen respektvoll zu behandeln. Wie es so ist mit den schnellen Medien heutzutage, haftet jedem Artikel ein gewisses Drama an, nichts verkauft oder klickt sich schließlich besser als ein Hauch Überemotionalität.

Wer hat recht?
Die Kommentare unter den Artikeln haben zwischen sich meist einen Graben. Da sind die Frauen, die moralextremistisch laut trommeln, dass jeder blöde Spruch auf der Straße sexuelle Belästigung ist und damit fast unweigerlich auch zur Vergewaltigung führen muss und da sind die Männer, die sich über die Übertreibung des Themas aufregen und das ganze nicht mehr wirklich ernst nehmen können. Tja, und wer hat nun recht? Wie immer liegt die Antwort irgendwo dazwischen.

#metoo Debatte
Ich finde diese #metoo Debatte eher verstörend, denn hier werden Flirt und sexueller Missbrauch in einem Atemzug genannt. Diese Dinge können vielleicht fließend sein aber dennoch kann man ein „Hey Schätzchen“, was einem jemand auf der Straße zu ruft, nicht mit dem Missbrauch von widerstandsunfähigen Personen oder sexueller Gewaltanwendung gleichsetzen! Ich empfinde es auch als empörend, eine vergewaltigte Frau auf eine Stufe zu stellen mit einer Frau die mal einen doofen Kommentar auf der Straße zu hören bekommen hat. Das verhöhnt die Opfer und trägt in puncto Ernsthaftigkeit nur dazu bei, dass dieses Thema zu einer Debatte von Pseudo Betroffenen verkommt.

Flirt oder sexuelle Belästigung?
Die Frauen die ich kenne, empfinden es in der Regel als schmeichelnd, wenn sie auf der Straße angflirtet werden. Natürlich gibt es Grenzen und man kann ein Hinterherpfeifen nicht vergleichen mit einer schmierigen Anmache, bei welcher der Flirter weder die Regeln des Mindestabstandes noch des guten Anstandes einhält. Ich kann nicht von mir auf andere schließen aber auch ich bin jahrelang in einer deutschen Großstadt tagtäglich mit Bus und Bahn unterwegs gewesen und habe so einiges in Sachen Anmache miterlebt. Es gab lustige Momente und auch Momente in denen ich mich lautstark verteidigt habe. Dazwischen lagen Welten und die lustigen Momente haben definitiv überwogen. Es mag auch eine Einstellungssache sein, aber man sollte einen Flirtversuch auch erst einfach mal als das stehen lassen was es ist und nicht gleich zu einem riesigen Ding aufbauschen und jedem Flirtwilligen gleich bösen Sexismus unterstellen. Ich denke das ist ein Punkt über den sich viele männliche Leser aufregen, vielleicht flirten sie selbst gern mal ein/e Mädchen/Frau auf der Straße an und wollen sich diese harmlose Sache auch nicht verbieten lassen. Warum auch? Wenn man hier anfinge, wo müsste man dann aufhören? Flirten nur noch nach vorheriger offizieller Absegnung? Ich weiß nicht was sich manche Frauen vorstellen, die fordern jegliches Flirten sollte verboten werden und Männer sollten sich ausschließlich an die Benimmregeln aus oben genannten Artikel halten, um mit einer Frau Kontakt aufzunehmen. Ich kann aber auch die Frauen verstehen, die in der allzu aufdringlichen Form des Flirtens einen Nährboden für Respektlosigkeit Frauen gegenüber sehen. Allerdings muss man dann auch einen netten Flirt von einer sexistischen Anmache unterscheiden. Sexuelle Belästigung ist definiert als: geschlechtsbezogene entwürdigende bzw. beschämende Bemerkungen und Handlungen, unerwünschte körperliche Annäherung, Annäherungen in Verbindung mit Versprechen von Belohnungen und/oder Androhung von Repressalien“. Ein Kompliment im Sinne von: „Ich finde du siehst gut aus“ ist also nicht gleichzusetzen mit „Ey Schlampe, du siehst fickbar aus“ oder sonstigen unflätigen Bemerkungen. Und die meisten Männer sind sich dieser Unterscheidung wohl bewusst und machen so etwas auch nicht. Der Nährboden für sexuellen Missbrauch ist also nicht der harmlose Flirt, sondern die sexuelle Belästigung!

Alltagssexismus
Und dann ist da noch der Alltagssexismus. Die Selbstverständlichkeit von Männern, Frauen als minderbemittelt darzustellen, sie als unwichtig abzutun und sie als Freiwild zu betrachten. Ich arbeite in einer Männerdomäne, ich kenne die Verhaltensweisen und kämpfe immer wieder dagegen an. Dennoch habe ich diese Tatsache als eine Herausforderung im Leben angesehen und nicht als Grund dafür mich permanent diskriminiert und schlecht behandelt zu fühlen. Ich finde Wege um das zu erlangen was ich will, das hat bisher immer geklappt und ich habe es noch nie für nötig befunden mich an eine Gleichstellungsbeauftragte wenden zu müssen, die mir mein Recht im Zweifel einklagt. Was hätte ich auch davon? Die Missgunst aller Kollegen und das blöde Gefühl das ich jeden Tag hätte, wenn ich zur Arbeit ginge. 
Aber es ist schwierig das aus Sicht einer jeden Frau zu beurteilen. Ich bin in einem Männerhaushalt groß geworden und kenne es gar nicht anders, als mich gegen Ignoranz gegen Frauen durchsetzen zu müssen. Aber ich habe es doch sehr oft verflucht, das es so ist. Aber so ist das Leben eben. Man kann sich das Wenigste aussuchen und muss mit vielem klar kommen, ob es einem passt oder nicht. 

Aber es gibt auch den hässlichen Sexismus der mir Kopfzerbrechen bereitet, keine Frage. Kurioser Weise erlebte ich ihn fast ausschließlich im Privaten, von Partnern und Freunden. Da war Beispielweise ein guter Bekannter der sehr zudringlich wurde und dem ich mich schließlich nur entziehen konnte, in dem ich den Kontakt abbrach. Ich erzählte Freunden davon, die uns beide kannten. Sie gaben mir die Schuld daran, ich hätte mich ja auch nicht so aufreizend kleiden dürfen. Und auch in Partnerschaften habe ich viel erlebt, was erniedrigend, demütigend und zerstörend war. Ich sollte die Frau sein, die funktioniert, die ausschließlich für den Partner da zu sein hatte und die kein Recht auf eigene Bedürfnisse hatte. Auch diesen Zuständen konnte ich nur durch Flucht entkommen. Verständnis und Einsicht konnte ich von den Herren nicht erwarten, denn am Ende war ich es ja die sich anstellte und sich aufregte. Im Nachhinein frage ich mich, wie ich in diese Strukturen geraten könnte aber das ist ein anderes Thema. Auf jeden Fall weiß ich was es heißt Alltagssexismus und auch Missbrauch ausgesetzt zu sein und ich erkenne die Unterschiede zwischen Klischee-Dummheit und wirklichem bösartigen Sexismus. Beides ist nicht schön aber nur der wirklich bösartige Seximus ist verurteilungswürdig. Die Klischee-Dummheit sollte man mit einem guten Spruch oder einem müden Lächeln abtun, denn mehr Emotion und Aufwand sollte man dabei nicht verschwenden. Das ist es einfach nicht wert.

Fazit: Nobody is perfect
Als Fazit möchte ich schließen, kein Mensch ist perfekt und auch Frauen sind sexistisch. Sie machen es anders, subtiler aber deswegen ist es nicht besser und Frauen werden dafür auch nicht an den Pranger gestellt und massenwirksam fertig gemacht. Lasst die Kirche im Dorf und unterscheidet zwischen nett gemeint, Dummheit und Bösartigkeit. Wir alle haben die Antennen um das eine vom anderen zu unterscheiden, wir müssen es nur wollen. Hysterie bringt niemandem etwas. Es geht doch darum ernst genommen zu werden, gehört zu werden und darum das sich wirklich etwas ändert. Mit Moralextremismus und Polemik erreicht man nur, dass mehr und mehr Leute das Thema belächeln und als hysterische Emanzen Debatte abtun und das sollte nicht passieren. Es ist gut, dass darüber gesprochen wird, auch dass dieses Thema diesen Hype erlebt denn nur so gelangt es in die Köpfe der Menschen. Aber dann sollte es auch als das hängen bleiben was es ist: Als Debatte um Gleichberechtigung, dass man niemanden einfach benutzen kann wie es einem passt, dass jeder den gleichen Respekt verdient hat und als ganzer und vollwertiger Mensch betrachtet werden sollte, ungeachtet welches Geschlecht er hat oder welche Nationalität, wie er sich kleidet oder aussieht.