Quälen

An manchen Tagen ist es einfach verhext! Obwohl, eigentlich gibt es Zeiten da ist es an allen Tagen so und man kann die Tage zählen, an denen einfach mal alles ok ist.

Jeden Tag plagen mich extreme Kreislaufschwankungen, bestialische Kopfschmerzen, meine Augen flirren und ich muss ständig blinzeln und die Augen zusammenkneifen um irgendwas zu sehen. Die Bildschirmarbeit macht es natürlich nicht besser. Dann kneift der Bauch und ich kriege Krämpfe, wenn ich irgendwas esse was der Magen oder Darm nicht mag. Aber was ich nicht vertrage, ändert sich täglich wenn nicht sogar stündlich. Momentan traue ich mich auf der Arbeit kaum noch etwas Gescheites zu essen. Morgens ´ne Waffel und dann nur noch was zu knabbern. Salzstangen, Tuc Kekse, Butterekse. Selbst mein halbes belegtes Brötchen am Mittag geht nicht mehr. Sogar bei einem trockenen halben Brötchen mit ein paar Körnern hab ich so unglaubliche Bauchkrämpfe bekommen, echter Horror. Und sowas passiert dann natürlich auch gerne mitten in der Stadt. Herrlich!

Durchfall gibt’s auch, klar, aber ganz ehrlich, ausser das Arschbrennen stört der mich am Wenigsten. Diese ständigen Temperaturschwankungen, zwischen Schwitzen und Zittern, dazu der ständige Schwindel und die Angst vor einem Fußweg der länger als 10 Minuten ist, das ist schlimm! Da kann ich dann schon mal in den Unterzucker rutschen oder mir wird so schwindelig, dass ich kaum noch gut laufen kann. Aber was soll ich machen. Ich gehe trotzdem jeden Tag brav zur Arbeit und versuche auch immer meine Laune zu behalten. Nur die ersten 2 Stunde morgens sind fies. Das aus dem Bett quälen trotz bleierner Müdigkeit und Kopfbrummen vom Feinsten. Dann auf der Arbeit die erste Schmerztablette und das Heulen unterdrücken, weil ich eigentlich weder will noch gut kann. Bis ich mich dann überwunden und mir ein Lächeln ins Gesicht getackert habe und versuche alle Symptome so weit auszublenden wie es eben geht.

Und trotz all dem lasse ich mich immer wieder verunsichern. Ach, so schlecht geht es mir doch gar nicht. Noch kann ich aufstehen und sitzen ohne dabei umzufallen. Aber manchmal wünsche ich mir genau das, umfallen! Die Verantwortung abgeben, nicht mehr darüber nachzudenken was geht und was nicht. Denn irgendwie geht es ja tatsächlich meistens. Aber wenn man mal umfallen würde, dann weiß man untrüglich jetzt geht’s nicht mehr. Jetzt hilft nur noch eine Auszeit oder sonst was aber kein Weitermachen mehr.

Dieses gesunde Maß die eigenen Ressourcen einzuschätzen, das fehlt mir irgendwie total. Auch getrieben von dem Anspruch der anderen. Auch wenn ich weiß, die sind nicht ich und ich sollte mich nicht mit ihnen vergleichen, tue ich es doch immer wieder und versuche mich anzupassen. Aber natürlich nur an die leistungsorientierten Eigenschaften. Die Macken und Unzulänglichkeiten blende ich aus. Für mich gilt nur High End als Grundstandard.

Immerhin habe ich es geschafft, auch mal offen zu zeigen wenn irgendwas weh tut oder ich den Kopf nicht mehr gerade halten kann, ohne ihn auf meine Hände abzustützen. Aber es bleibt dieses Gefühl, mich anzustellen. Keine Berechtigung dafür, dass es mir wirklich schlecht geht, mir das alles nur einzubilden.

Es ist zum aus der Haut fahren und ich weiß auch nicht so richtig weiter. Ich hätte so gerne jemanden, der mir sagt, was ich tun soll. Und nicht nur irgendwelche Medis verschreibt. Sondern ganz klar und deutlich: Mach dies sonst das! Aber in unserer Ärztelandschaft wäre das wohl zuviel verlangt. Hier kommt man nur weiter, wenn man genau weiß was man will und braucht.

Jetzt warte ich auf den nächsten Arztbesuch und hoffe, der findet mal was, was mir hilft. Und mir vielleicht ein bisschen mehr das Gefühl gibt, mich nicht anzustellen. Der mich ernst nimmt und mir beisteht. Aber ich fürchte, darauf warte ich vergeblich.

Grenzüberschreitung

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Wieder ein Jahr, in dem ich über meine Grenzen gegangen bin, in dem ich zu selten auf meinen Körper gehört habe, ihn übergangen habe, dachte ihn übergehen zu müssen. Wenn man nun einfach sagen könnte, macht nichts, nächstes Jahr mache ich es einfach anders, dann wäre das auch gar nicht so dramatisch. Aber so einfach ist das nicht. Denn der Körper merkt sich sehr vieles. Vor allem das, was nicht gut war. Er speichert alles ab und findet seinen eigenen Umgang damit und der gefällt dem Inhaber des Körpers selten so gut. Denn für den Inhaber heißt das, sein eigener Körper funktioniert nicht mehr so, wie er das gerne hätte. Der Körper hat sich seine eigenen Regeln gemacht. Und wie man da wieder rauskommt, das ist ein großes Problem. Denn haben sich Automatismen erst einmal eingespielt, ist es so unglaublich schwierig, sie wieder los zu werden.

Schwierig wird vor allem das richtige Verständnis, was ist wann wie zu verstehen. Wann heißt der alltägliche Gedanke am Morgen „Ich will nicht aufstehen“ wirklich, man sollte besser liegen bleiben? Wann sind Depressionen wirklich ein Zeichen sich zurückzuziehen? Das mag sich für all jene, die niemals mit Depressionen zu tun hatten oder haben sehr merkwürdig anhören. Depressionen sollten doch immer ernst genommen werden. Und genau da ist eben der Knackpunkt; NEIN!! Man darf sich nicht bei jeder kleinen Depression zurückziehen und die Decke über den Kopf ziehen. Denn Depressionen haben stets ein Spiralen Prinzip und zwar sind es Abwärtsspiralen. Ist man erst einmal drinnen, kommt man unheimlich schwer wieder raus. Die Gedanken verselbständigen sich und so sehr man es auch versucht auf seine Gedanken einzuwirken, jeder einzelne gute Gedanke wird gemeuchelt und in null Komma nichts in einen ganz schrecklichen Gedanken verwandelt. Und genau das beweist einem dann, dass wirklich alles sinnlos ist, wenn sogar die guten Gedanken so schnell zu schlechten werden.

Wenn depressive Gedanken aufkommen, ist es also auch oft ganz gut sich abzulenken oder abgelenkt zu werden. Dann kann man sich gar nicht diesen Gedanken hingeben.

Ist ja ganz einfach sollte man meinen. Sobald man blöde Gedanken bekommt, einfach ablenken und schon ist alles gut. Haha, schön wär’s. Nein, denn manchmal sind diese depressiven Gedanken auch ein Warnsignal des Körpers. Meist genau dann, wenn man alle anderen Signal erfolgreich übergangen hat. Dann kommt die Gedanken-Keule und legt den Verstand lahm. Und genau dann ist es allerhöchste Zeit sich zurückzuziehen, denn eigentlich ist es dann schon fast zu spät.

Wie man sehen kann, ist es alles andere als leicht genau zu wissen, was wann der Fall ist und wenn man es nicht weiß und einfach macht, kann das sehr leicht zu einer richtigen Strafe werden. Lege ich mich ins Bett, obwohl ich Ablenkung nötig hätte, ertrinke ich in Depressionen und wenn ich einfach weiter mache, kommt es auf kurz oder lang richtig Dicke und mich ereilt ein neuer Schub meines „heiß geliebten“ Crohn.

Und als ob das alles nicht schon genug wäre, hat man da ja immer noch das Prinzip der Leistungsgesellschaft im Hinterkopf. Nicht zu oft krank sein, sei einsatzbereit, zeige dich standhaft! Da will man auch nicht wegen jedes Zipperleins zu Hause bleiben. Aber wann ist ein Zipperlein nur ein Zipperlein? Ich finde es unglaublich schwer zu wissen, wann ich wirklich so krank bin, dass ich nicht arbeiten gehen kann. Fieber ist zum Beispiel ein super Maßstab. Mit Fieber bleibt man zu Hause und im Bett. Aber Fieber hat man eben auch nicht immer, wenn es einem schlecht geht. Schmerzen sind auch ein guter Maßstab aber auch nur wenn sie permanent sind und wann hat man schon wirklich ununterbrochen richtig starke Schmerzen? Durchfall, naja da kann ich nur drüber lachen. Ich weiß noch, wie ein Kollege sich unterhielt und erzählte er hätte ja Durchfall gehabt, da hätte er ja nicht arbeiten können. Klar, ist ja für jeden der keine CED hat völlig normal. Würde ich nach diesem Prinzip gehen, wäre ich das halbe Jahr krank.

Aber was ist bei all den anderen Symptomen? Schweißausbrüche, Schwäche, Kopfschmerzen, Bauchkrämpfe, allgemeines Unwohlsein? Auch das sind für mich keine Gründe zu Hause zu bleiben, da es einfach so oft vorkommt. Aber wann bleibt man dann zu Hause? Denn auch wenn es mir richtig mies geht und ich zu Hause bleibe, habe ich ein so schlechtes Gewissen nicht arbeiten zu sein, dass ich mich auch nicht richtig erholen kann. Dieses Gefühl, einfach das Richtige zu tun…. Das ist irgendwie schon lange her. Es bleibt dieses ewig bohrende Gefühl, doch das Falsche zu tun.

Und wieder einmal, wird mir klar, dass Körper und Geist untrennbar voneinander sind. Wie soll man gesund werden, wenn man immer das Gefühl hat das Falsche zu tun? Aber wie wird man das am Besten los? Wie findet man Selbstsicherheit, wenn man sich und seines Körpers nicht mehr sicher ist?

Ich habe nicht die geringste Ahnung, aber ich hoffe ich werde im neuen Jahr eine Antwort darauf finden.

Wieder leben dürfen

Wenn man einmal drin steckt in diesem Gedankenkarussell vom Kranksein, kommt man so schnell nicht mehr heraus. Ständig wird der ganze Körper und das Befinden gescannt, jede Kleinigkeit wird analysiert und ausgewertet. Und wenn man es doch mal schafft nicht darüber nachzudenken, gibt es einen Schmerz oder eine andere Missempfindung und schon geht das Karussell wieder von vorne los. Und manchmal bedingt das Denken auch die Missempfindung. Vor allem, wenn die Depressionen los gehen. Ich glaube jeder, der lange Zeit krank ist, hat früher oder später mit Depressionen zu tun. Man stellt alles in Zweifel, ist frustriert und glaubt nicht mehr daran je wieder gesund zu werden. Dazu sieht man all die anderen, die keine Probleme mit ihrem Körper haben und wenn dann nur ganz kleine. Man sieht ihr Leben, dass sie sich nie einschränken müssen, dass sie auch mal über die Stränge schlagen können, ohne ewig dafür büßen zu müssen. Und man beneidet sie! Soo sehr! Man wünscht sich genau das, einfach Leben ohne ständig darüber nachdenken zu müssen. Dinge im Voraus zu planen, ohne Angst es doch wieder absagen zu müssen.

Es ist unglaublich anstrengend ständig mit dem Gedanken zu leben, von dem was man sich vorgenommen hat, doch kaum was zu schaffen. Eigentlich wollte ich mir gar nichts mehr vornehmen aber das macht sowas von einsam. Weil man sich ausschließt vom Rest der Welt. Natürlich haben die meisten Verständnis dafür aber ich hasse es trotzdem absagen zu müssen. Und ich hasse es auch, jede Einladung ablehnen zu müssen. Absagen zu müssen ist ein kleines Versagen. Jedesmal. Denn wer weiß, wie lange sich jemand vertrösten lässt, bevor er sich gar nicht mehr meldet. Bevor er oder sie einfach keine Lust mehr hat, dieses ständige Vertrösten zu dulden. Diese ständige Angst, wieder jemanden zu enttäuschen weil man sich nicht gut fühlt.

Ich will mal wieder eine Woche erleben, in der ich alles schaffe was ich mir vornehme, ohne vorher dauernd Angst zu haben, es nicht zu schaffen. Denn diese Angst verselbständigt sich. Sie bringt einen dazu sich schlecht zu fühlen, ohne das bereits irgendetwas passiert wäre. Schon Tage vorher fange ich an zu planen, werte alle Daten aus, die ich bis dahin zur Verfügung habe. Alles wird wieder und wieder zerdacht. Wenn es dann soweit ist, hat man sich schon so hinein gesteigert, dass man schon ganz kirre ist und es ganz logisch ist, dass es einem nicht gut geht.

Einfach mal machen können ohne es vorher ins Kleinste vorgedacht zu haben…. Das wär’s. Aber es ist wie einen Sucht und lässt sich fast nicht abstellen. Denn selbst wenn man nicht bewusst darüber nachdenkt, geht es im Unbewussten weiter.

Ruhe im Kopf, einfach nur Ruhe.

Manchmal frage ich mich, ob ich all diese Panik im Kopf nur da ist, weil ich nicht genug habe, was mich erfüllt. Denn wenn ich eine Aufgabe habe, die mich fesselt, dann ist mein Kopf ruhig und dann läuft auch nichts im Untergrund ab. Dann gibt es einfach nur eins. Ich, in Symbiose mit meiner Tätigkeit. Aber wenn ich nicht ganz gefesselt bin, dann gibt es immer Zweierlei; meine Gedanken und das was ich gerade tue und beides ist losgelöst voneinander. Geht es dann nicht generell darum mehr eins zu sein? Sich nicht dauernd gespalten zu fühlen? Vielleicht bedingt dieses Gespaltensein ja auch einfach die Krankheit? Weil die Erfüllung fehlt und ohne erfüllt zu sein, fehlt dem Organismus etwas. Dem einen mehr dem anderen weniger. Und mir scheint es derweil extrem zu fehlen. Denn wenn ich erfüllt bin, dann habe ich kaum Missempfindungen. Bin ich es nicht und bin eher gelangweilt, beginnt dieses Gedankenkarussell und kreist und kreist, vielleicht auch nur um etwas zu haben, worum es kreisen kann.

Ich manövriere mich schon oft selbst hinein. Weil mich Krankheiten aber generell auch wahnsinnig interessieren! Ich liebe es, darüber zu recherchieren, Zusammenhänge zu finden, Rätsel zu lösen. Und es muss um einen konkreten Fall gehen, damit mich die Recherche interessiert. Und da ich nicht so viele andere Fälle um mich herum habe, nehme ich immer wieder meinen Fall, an dem ich weiter rätsele. Aber das macht es leider oft schlimmer als besser. Aber es ist fast schon ein Automatismus geworden. Es ist so selbstverständlich jedem Gedanken nachzugehen, dass ich erst viel zu spät merke, wann ich schon wieder viel zu tief drin bin.

Das Zauberwort heißt wieder mal „bewusst werden“! Folge nicht jedem Impuls, sondern höre erst einmal in dich hinein. Muss das jetzt sein? Gibt es nicht noch etwas anderes was du tun kannst? Würde dir das nicht vielleicht auch besser helfen? Und wenn da ein fieser Gedanke ist, was kannst du tun, um ihm zu entkommen?

Ich denke diese vier Fragen werde ich mir für die nächste Zeit mal auf die Fahne schreiben. Vielleicht hilft es ja etwas.

Die Probleme der anderen

Es ist schon erstaunlich wie unterschiedlich Menschen in ihren Empfindungen sind. Vor allem der Unterschied zwischen kranken und gesunden Menschen klafft seeehr weit auseinander. Aber gerade den Kranken wirft man vor, sie sollen sich nicht so reinsteigern und ruhig bleiben. Dabei haben doch gerade die wirklich was zu meckern.

Als ich 5 Monate nach der OP die ersten Anzeichen für einen neuen Crohn Schub bekam (dabei heißt es, nach einer OP hat man 1 Jahr Ruhe vom Crohn), war ich doch latent verzweifelt. Aber das Einzige was ich zu hören bekam war „ach quatsch bestimmt nicht“ „steigere dich da nicht so rein“ und „mach dich nicht verrückt, wird schon nicht so schlimm“. NICHT SO SCHLIMM?????? Wollt Ihr mich verarschen? Und außerdem, seit wann kennt ihr meinen Körper besser als ich??? Wenn ich fühle, dass diese Scheisse wieder da ist, dann ist das auch so!

Na gut, Ruhe bewahren und sich denken, wer so redet reißt sich sicherlich auch genug zusammen. Aaaaber weit gefehlt. Denn gerade die, die so reden, sind mit den kleinsten Unebenheiten in deren Leben richtig überfordert. Der eine klagt darüber wie schlecht es ihm geht, weil er eine Nacht nicht gut geschlafen hat. Da kann ich irgendwie nur müde drüber lachen. Ich bin froh, wenn ich mal eine Nacht ohne Störungen schlafe! Ich werde ständig wach, weil mich entweder irgendein Albtraum aufweckt, ich dauernde innere Unruhe habe, den Alltag nicht bewältigen zu können oder weil ich einfach Schmerzen oder solche Luft im Bauch habe, dass ich fast verrückt werde.

Ruhe bewahren echt! Ich geb Euch Ruhe bewahren! Wenn ich für jedes Mal, in dem ich nicht verzweifelt zusammengebrochen bin, wie ich es eigentlich hätte tun können, einen Euro bekommen hätte, bräuchte ich ein paar Jahre nicht mehr arbeiten zu gehen.

Und dann die Leute, die zwar ein körperliches Leiden haben, aber es wirklich so leicht hätten etwas daran zu ändern, es aber einfach nicht tun. Und dann den großen Dramatiker mimen, wiiiie schlecht es ihnen doch geht. Da möchte ich eigentlich am Liebsten laut drauf los lachen. Was würde ich dafür geben, ich hätte die Patentlösung für meine Krankheit. Einfach jeden Abend ein paar Übungen machen und dies oder das zu sich nehmen und alles hätte sich erledigt. Hach, da träume ich von. Ich kann tun und lassen was ich will, es gibt nichts was wirklich hilft. Mal hilft das eine, mal das andere. Aber das ändert sich ständig und so ist man ewig auf der Suche, erhascht hier und da einen Blick auf den heiligen Gral aber sobald er greifbar erscheint, verschwindet er wieder in Nebel und absoluter Dunkelheit und man steht wieder ganz am Anfang.

Dann gibt es natürlich noch die, die einen auf super hart machen, es auf den ersten Blick vielleicht auch sind, aber wenn man sie genauer kennen lernt merkt man, dass sie die kleinsten Kleinigkeiten auf die Palme bringen und sie ihrem Ärger dauernd und ständig Luft machen. Aber einen vom Zusammenreißen erzählen.

Besonders gern habe ich auch jene, die einfach nur inkonsequent sind und dann ständig über ihre eigene Inkonsequenz jammern. Da sind die nörgelnden Morgenmuffel. Ständig heißt es, sie hätten zu wenig Schlaf aber gehen trotzdem jeden Abend zu spät ins Bett. Dann die mit chronisch hohen Blutdruck, die über Herzrasen und die damit verbundenen Leiden klagen aber partout nicht zum Arzt gehen um sich Beta Blocker verschreiben zu lassen. Außerdem noch die Hypochonder die sich in jede mögliche Krankheit reinsteigern aber noch nicht 1x beim Arzt waren, um irgendwas abklären zu lassen. Das sind nur mal ein paar Beispiele, die Liste lässt sich ewig fortführen.

Chronische Inkonsequenz ist ein Massenleiden! Aber oft leiden nicht die Betroffenen selbst darunter, sondern ihre Angehörigen. Denn sie selbst machen ja ihren Sorgen und Nöten oft genug Luft. Da setzt sich oft gar nichts fest im Kopf was Ärger machen könnte. Aber die, die daneben stehen, die haben es schwer. Denn Anfangs versuchen sie gut zuzureden. Irgendwann merkt man dann, der will ja gar nichts ändern. Dann setzt die kopfschüttelnde Resignation ein und irgendwann würde man sich am Liebsten bei jedem neuen Jammeranfall ein Loch ins Knie schießen, weil dieser Schmerz wenigstens vorbei gehen würde.

Tja und was bleibt am Ende? Diese Welt ist voll von schwachen Menschen. Nur, die meisten verbergen ihre Schwäche und sind sich sehr oft selbst nicht darüber bewusst. Weil sie auch nicht ständig damit konfrontiert werden. Woran das liegt, steht auf einem anderen Blatt. Kranke Menschen werden ständig mit ihrem Leid konfrontiert, ob sie wollen oder nicht. Normalität gibt es oft nicht, bzw. sieht sie gänzlich anders aus, als die Normalität gesunder Menschen. Wer krank ist muss unheimlich stark sein, weil einen die Krankheit sonst auffrisst. Man bewahrt ständig die Nerven, weil ein annähernd normales Leben sonst gar nicht möglich wäre. Und ruhig bleibt man auch. Dauernd, ständig, weil man weiß, wenn man jetzt die Ruhe verliert, wird es noch viiiiel anstrengender. Wie oft findet man neue Denkwege, einfach um sich gar nicht erst aufregen zu müssen. Und erstaunlich oft gelingt das auch. Denn wir sind, was wir denken. Kranke Menschen erfinden schnell Wege, die es ihnen leichter machen, weil sie es einfach oft genug schwer haben. Wenn man schon den Körper nicht unter Kontrolle bringen kann, so doch wenigstens die Gedanken. Und so erscheinen einem die Probleme der anderen, die ihre Gedanken nicht unter Kontrolle haben, weil sie es einfach nicht so lernen mussten, als so banal und lachhaft, auch wenn das oft sicher nicht richtig ist. Denn jeder findet nun mal seinen Umgang mit dem Leben, jeder wird von anderen Dingen geprägt und jeder ist und denkt auf bestimmte Art und Weise, weil das die beste Art für ihn war, um zu überleben.

Es ist auch nicht meine Absicht hier irgendjemanden schlecht zu machen, manchmal muss man seinen Frust nur einfach mal loswerden. Das tun alle anderen ja schließlich auch J

Der Crohn und ich

Nachdem ich nun 1 Jahr non stop mit diesem verfluchten Morbus Crohn zu tun habe, habe ich beschlossen darüber zu bloggen. Darüber schreiben, um all das greifbarer zu machen. Es nicht verdrängen zu wollen und zu müssen. Die Dinge beim Namen nennen können und einfach los zu werden, was mich immer wieder fertig macht. Denn im Alltag, auf der Arbeit bei Freunden, da will man nicht ständig jammern. Ich will nicht nur dieses eine Thema haben. Ich versuche es so gut wie es geht außen vor zu halten. Sicher rede ich auch darüber und jammere mal aber immer nur dann, wenn ich schon echt am Anschlag angekommen bin. Wenn ich gar nicht mehr anders kann, als ständig in Tränen auszubrechen. Und dann schäme ich mich dafür. Soo sehr. Dass ich geheult habe, mich nicht mehr zusammen reissen konnte. Weil ich es hasse andere Leute mit meinen Leiden belasten muss. Das ist verrückt ich weiß, Freunde sind ja auch dafür da einem beizustehen. Aber obwohl ich das weiß, mache ich es äußerst ungern.

Warum das so ist? Tja gute Frage, sicher so ein Kindheits- Familiending, man kann eben nicht raus aus seiner Haut. Aber darum geht es jetzt auch gar nicht. Ich suche einfach einen Weg meinen Gedanken Ausdruck zu verleihen und das möchte ich jetzt hier versuchen.

Ich weiß, mein Krankheitsverlauf ist sicherlich keiner von den ganz schlimmen. Aber diese Krankheit beeinflusst mich tagtäglich.

Nun mal zu den Fakten:

Ich bin 34 und leide seit ich 19 bin unter Morbus Crohn. Für alle die das nicht kennen, dass ist eine „Autoimmunerkrankung“ (ich setze das in Anführungszeichen, da die Forschung sich hier noch nicht ganz einig ist. Man nennt es Autoimmunkrankheit, da sie auf Immunsuppressiva anspricht aber nach neuesten Erkenntnissen vermutet man, dass der Körper sich hier nicht selbst angreift, was normalerweise ausschlaggebend für eine Autoimmunkrankheit ist. Momentan nimmt man an, dass es sich um eine Barrierestörung der Darmwand handelt. Für alle die es interessiert hier ein LINK.

Aber wirklich sicher ist man sich nicht. Kurz man weiß einfach nicht genau, warum Menschen Morbus Crohn bekommen. Sicher ist, dass es diese Krankheit nur in westlichen Zivilisationen vorkommt.). 10 Jahre habe ich mich nicht wirklich mit der Krankheit beschäftigt. Weil es immer auch so ging. Aber dieses verfluchte Cushing Syndrom mit dem aufgequollenen Gesicht und der restlichen Gewichtszunahme bäääääh, das hab ich gemieden wie die Katze das Wasser. Ich musste mich aber auch nicht darum kümmern, denn wenn es mir nicht gut ging, bin ich einfach im Bett geblieben. Während der Uni war das auch kein Problem. Erst als ich vor 5 Jahren ins Berufsleben einstieg, gingen die richtigen Probleme los. Ständig müde und kaputt, immer wieder bestialische Schmerzen von den Koliken und dann immer dieses „Du darfst nicht krank sein“! Denn ich musste ja arbeiten und krank schreiben war nicht erwünscht.

Mittlerweile bin ich zwar in einer Firma, die das nicht so eng sieht aber krank schreiben ist für mich immer noch gleichbedeutend mit Versagen. Also auch wenn ich krankgeschrieben bin, fühle ich mich schrecklich elend, weil ich das Gefühl habe gerade zu versagen. Wie das dann mit der Erholung ist kann man sich überlegen.

Aber in diesem Jahr war es richtig schlimm. Von Anfang an. Also ging das Programm los; Kortison Therapie die mal so rein gar nichts brachte, dann neue Therapie mit Azathioprin, davon hab ich ´ne Bauchspeicheldrüsenentzündung bekommen. Mein Gastro wollte mir dann Spritzen geben, jede Woche aber ich hatte die Nase voll. Ich wollte nur noch die OP. Also nahmen sie mir im Mai 20 cm Darm raus.

Nach einer OP hat man 1 Jahr Ruhe mit dem Crohn heißt es, aber dem war nicht so. Ich kämpfte nach wie vor mit Beschwerden und im November waren dann alle Symptome wieder da. Aber ich habe keine Lust mehr auf diesen Ärztemarathon und all die Medikamente. Diesmal will ich mein eigener Herr bleiben.

Vom verlorenen Körpergefühl und vom inneren Kapitalismus

Was ist mit den Menschen der westlichen Welt geworden? Oder eher aus ihrem Gefühl zu sich selbst? Das eigene Körpergefühl scheint aus der Mode geraten zu sein (wenn es überhaupt jemals in Mode war). Es geht nicht mehr darum sich wirklich wohlzufühlen, sondern darum möglichst viel zu tun, was den Stempel Wohlfühlcharakter hat. Immer getreu nach dem Motto; je mehr, je besser.

Dazu habe ich heute morgen in der Süddeutschen gelesen: „Todesursache Wasser trinken“ und „Gereizt, gerissen, verspannt-Trendsport Yoga und seine Risiken.“

Beide Artikel belegen grandios wie gerade angeblich Körper bewusste Menschen sich und ihr eigenes Wohlbefinden völlig aus den Augen verloren haben. Im 1. Artikel ging es um Marathon Läufer, die so viel Wasser trinken, dass ihr Körper überschwemmt wird vom Wasser. Durch den so entstehenden Salzmangel kann Wasser ungehemmt in die Zellen schwemmen und diese anschwellen lassen. In Fachsprache nennt man das Hyponatriämie. Wenn diese Flüssigkeitsverschiebung auch das Gehirn betrifft, kann es zu einem Hirnödem mit steigendem Hirndruck kommen, was zum Tod führen kann.

Im anderen Artikel ging es darum, dass Menschen durch Yoga starke Schmerzen bekommen. Durch entzündete Nerven und überstrapazierte Bänder. Yoga als exzessiv Sport. Exzessiv zur Entspannung und inneren Gelassenheit quasi. Dass das ein Trugschluss ist, sollte jedem klar sein – ist es aber nicht.

Beide Artikel beschäftigen sich mit sportbegeisterten und gesundheitsbewussten Menschen. Denn beide Gruppen handeln im festen Glauben etwas Gutes für ihren Körper zu tun. Der Marathon Läufer will durch die extremen Mengen Wasser der Entwässerung des Körpers, durch die Extrembelastung vorbeugen. Denn wir alle haben ja gelernt, dass man dem Körper viel Wasser zuführen muss und das vor allem bei besonderen Belastungen. Wenn der Körper einer Extrembelastung ausgesetzt wird scheint dann die logische Schlußfolgerung zu sein: Lieber zu viel als zu wenig.

Ein ähnlicher Ansporn scheint auch jene Yoga-Begeisterte gepackt zu haben, die sich statt der erhofften Erholung und Entspannung, Muskelrisse und Verspannungen zuziehen. Sie können den Sport nicht mehr als das betrachten, was er eigentlich sein soll. Sie finden in ihm nicht den Weg zur geistigen und körperlichen Mitte, sondern erleben in ihm nur das Gleiche was bereits im Alltag vorherrscht – nur was man exzessiv betreibt, kann auch den erwünschten Nutzen bringen. Und in beiden Fällen ist den Menschen etwas ganz Entscheidendes abhanden gekommen: ihr eigenes Körpergefühl! Der gesundheitsbewusste Mensch von heute hört nicht mehr auf sich selbst, sondern auf das, was ihm Ratgeber, Fachzeitschriften, Life Style Magazine oä. anpreisen. Viel trinken ist gesund also kann noch mehr ja absolut nicht verkehrt sein. Die eigene Stimme, eigene Signale werden ausgeblendet und übergangen: „Körper halt die Klappe, ich tu dir gerade was Gutes.“

Mir bleibt immer die Luft weg, wenn ich von Fällen wie diesen höre oder lese. Gerade wenn es um Leute geht, die im festen Glauben sind sich gerade etwas Gutes zu tun. Es ist ein Sinnbild unserer Leistungsgesellschaft, in der es vor allem darum geht eben nicht auf sich selbst zu hören, sondern auf das, was einem gesagt wird. Blindes Befolgen von Regeln, die einem gesetzt werden.

Das Perfide ist, dieser Leistungsdruck kommt heute nicht mehr nur noch aus den Mündern der anderen. Es geht nicht mehr nur noch darum, was andere von einem erwarten sondern vor allem was man von sich selbst erwartet. Dazu braucht es keine Chefs, Kollegen, Freunde oder Familie die einem diesen Floh ins Ohr setzen. Nein, das ganze spielt sich mehr und mehr in den eigenen Köpfen ab. Getrieben vom medialen Wahn der individuellen Optimierung. „Ich will nicht nur eine gute Arbeit mit super Aufstiegschancen haben, ich will auch selbst immer weiter aufsteigen, mit meinen Hobbys mit meinen Kindern, mit meinem Körper, mit meinem Geist.“ Das Credo des Kapitalismus ist auch in den Köpfen der Menschen angekommen – nur durch stetiges Wachstum kann das System bestehen. Stillstand kann nicht geduldet werden, bzw. bringt das System zum Erliegen. Also muss man sich weiter optimieren, weiter wachsen und weiter konsumieren und genau wie im Kapitalismus bleiben grundlegende Ressourcen auf der Strecke; in diesem Fall das Gefühl für sich selbst. Geopfert für den stetigen Aufstieg. Anfangs ist es leicht dieses Opfer zu bringen, denn es wehrt sich nur zaghaft. Erst mit der Zeit wird es massiver, bis es sich in die Unerträglichkeit hineinsteigert. Aber bis dahin verbindet man dieses Unerträgliche schon gar nicht mehr mit seiner eigentlichen Ursache. Man hat dann also eine Wirkung dessen Ursache einem gänzlich fremd ist und schon sind wir angekommen, bei den Leiden des 21. Jahrhunderts. Da braucht es gar keine akuten Manifestationen wie eine Hyponatriämie oder eine gerissene Sehne. Hier geht es um die Volkskrankheiten der heutigen Zeit Depressionen, Migräne, Süchte und was man noch alles auf Überanstrengung und Überreizung zurückführen kann.

Was also tun um einen Weg zu sich zurückzufinden, wenn selbst die eigentlichen Entspannungsbringer wie Yoga nicht mehr funktionieren? Es ist eigentlich ganz einfach und doch scheint es für viele unerreichbar. Es geht hier eben nicht darum, Leistung zu bringen! Kontakt zu sich selbst herstellen sollte das Ziel sein. Aber vielleicht ist es auch genau das, wovor viele Angst haben. Denn das hieße, dass sie sich unter Umständen ändern müssten und sie haben doch alles dafür getan, um sich dahin zu bringen, wo sie jetzt sind. Und so schließt sich der Kreis aus Wachstum und Selbstoptimierung der vergessen will, dass alles endlich ist und zum Wachsen auch öfter mal die Stagnation gehört.

 

Die Angst vor Weiblichkeit

„Weiblichkeit ist die Eigenschaft, die ich an Frauen am meisten schätze.“

Oscar Wilde

Oscar Wilde bringt so treffend auf den Punkt, was viele völlig vergessen zu haben scheinen. Denn wahre Weiblichkeit mit all ihren Facetten, ist nicht gerne gesehen. Man kann sogar sagen, dass sie gefürchtet ist. Diese Gesellschaft hat Angst vor Weiblichkeit! Das mag zwar keiner offen zugeben aber erst am Wochenende durfte ich mal wieder eine gänzlich andere Erfahrung machen. Denn wenn ich ausgehe, liebe ich es mich zurechtzumachen. Kleidung anzuziehen, um mich selbst mit Blicken vor dem Spiegel wieder auszuziehen. Ich liebe es einfach eine Frau zu sein und ich weiß nicht, warum ich mir das verbieten sollte. Aber es gibt viele, die das anders sehen.

Ich ging mit einer Freundin in eine Bar und irgendwann stand ein Typ neben uns und quatschte uns an. Durch diesen Umstand lernten wir auch seine beiden Freunde kennen und verfielen mit allen Dreien in ein sehr anregendes Gespräch. Irgendwann kam dann das Thema auf mein Äußeres, was an diesem Abend sehr körperbetont war aber bis auf den verlängerten Hals alles bedeckte. Es war also noch nicht mal wirklich ein freies Dekolleté zu sehen. Aber mein Gesprächspartner, nennen wir ihn Alex, war sichtlich irritiert über die Kombination meines Äußeren und meinem offensichtlichem Intellekt. Man kann sagen, dass er fast empört war, weil diese beiden Attribute so gar nicht zueinanderpassten in seinem Weltbild. Er verfiel dann in einen Appell an mich, ich müsste mich doch anders kleiden, um auch von intelligenten Menschen ernst genommen zu werden. Ich konnte nur erwidern, dass die Menschen, die mich kennen lernen schnell merken, dass ich nicht dem gängigen Klischee entspreche attraktiv und sexy = blöd. Und auch das ich stolz darauf bin, dass es genau so ist. Aber das schien ihm nicht Argument genug zu sein. Er bewunderte das zwar auf eine Weise aber wirklich annehmen konnte er es nicht, hatte ich das Gefühl.

Es ist schon ein Phänomen, in einem so aufgeklärtem Zeitalter zu leben und immer noch mit solchen altertümlichen Klischees konfrontiert zu werden. Und das ist absolut kein Einzelfall sondern, soweit ich das einschätzen kann, immer noch die Regel und das auch weltweit. Emanzipation hat zwar so weit stattgefunden, dass Frauen wirtschaftlich und intellektuell akzeptiert werden aber auch nur so lange sie sich an die Konventionen der Männer halten. Und dieser Umstand macht mich wirklich traurig, denn daran sind sowohl Männer als auch Frauen mitschuldig. Männer haben die Regeln vorgegeben und Frauen halten sich daran, ohne diese Regeln in Frage zu stellen.

Die Frauen haben sich emanzipiert. Das ging aber nur durch Anpassung an die Männer. Sie haben ihre Kleidung angepasst, ihre Ernsthaftigkeit und auch die Ausdrucksform ihres Intellekts. Nur so konnten sie sich eine Gleichstellung erarbeiten. Frauen erhalten jetzt ihre Gleichstellung aber nur solange sie ihre Weiblichkeit zu Hause lassen, oder am besten gar nicht mehr raus holen. Es ist faszinierend aber so läuft es wohl nach wie vor in vielen Teilen der Welt. In Kulturen in denen Frauen zu ihrer Weiblichkeit stehen und sie offen zeigen, werden sie nicht gleichberechtigt behandelt, so zum Beispiel in Russland. Verstecken Frauen aber ihre Weiblichkeit, werden sie akzeptiert und können am großen Weltenspiel mitmischen, wie es beispielsweise hier in Deutschland der Fall ist.

Weibliche Attribute zur Schau stellen, wird immer noch als Instrumentalisierung gewertet. Frauen zeigen aus keinem anderen Grund ihre Vorzüge, als sie als Waffe einzusetzen. Um einen Mann zu ködern, um die Sinne der Männer zu vernebeln. Eine Frau wird auf ihre Optik reduziert, sobald sie ihre Reize zur Schau stellt.

Aber warum muss das denn so sein? Kann man in einer aufgeklärten Zeit wie heute solche Konventionen nicht über Bord werfen? Anscheinend gelingt das nach wie vor nur wenigen. Denn das Bild einer Frau ist klar definiert und das seit Jahrtausenden. Nicht erst das Christentum hat ein Bild für Frauen kreiert, dass sie in 2 Lager aufspaltete. Wollte eine Frau anerkannt sein, sollte sie der Jungfrau Maria gleichen. Keusch, sittsam, bescheiden, mütterlich und ohne eigene Bedürfnisse. Ihr gegenüber stand das Bild der frivolen, leidenschaftlichen, sexuellen und somit alles verschlingenden Frau. Dieses Bild könnte man mit Lilith vergleichen. Ein zügelloser Dämon, der Männer verführt und Kinder tötet. Denn die weibliche Sexualität war gleichgesetzt mit dem Bösen. So mussten Frauen ihre Weiblichkeit verdrängen so weit es möglich war, um Anerkennung zu erlangen in einer Männer dominierenden und bestimmenden Welt.

Die Lust erfuhr sehr früh einen Affront und als Verursacher der Lust galt die Frau. Ihre weiblichen Reize erregten den Mann und lenkten ihn von seinem „eigentlichen“ Wirken ab. Der Mann aber galt als das Ebenbild Gottes, sein Dasein galt einem höheren Sinn. Sokrates prägte in diesem Zusammenhang den Begriff der Mäeutik, der Hebammenkunst. Damit war das Hervorbringen von Erkenntnissen gemeint und die wurden mit geistigen Kindern verglichen (diese Kinder waren unsterblich, die der Frau dagegen nicht). Männer hatten in diesem Weltbild den Sinn geistig zu wirken, die Frau galt dem Nachwuchs. Übertragen hieß das auch, der Mann stand für das Unsterbliche, die Frau für das Sterbliche. Sie war es, die zwischen ihm und der Gottgleichheit stand und sie war es auch, die ihn dazu bringen konnte schwach zu werden. Indem sie ihn durch ihre Reize anzog und ihm die Sinne betäubte. Was galt es also einzudämmen? Die Macht der Frau über den Mann und die lag eindeutig in der Lust, die sie in ihm erzeugen konnte.

Dieses ganze Spiel der weiblichen Unterdrückung ist ein Spiel um Lust und Macht. Die Lust wurde verbannt und somit auch ein Teil des Menschen an sich. Die Lust bahnte sich ihre Wege aber die Auswüchse ihrer Unterdrückung sind für uns alle noch spürbar, auch wenn schon ein langer Weg ihrer Befreiung hinter uns liegt. Was wir aber noch nicht überwunden haben, ist die Lust als Teil eines Ganzen zu begreifen. Wenigstens nicht in ihrer Visualisierung. Denn was offensichtlich Lust zeigt, erhält nach wie vor den Stempel des „Bösen“ oder des nicht Kontrollierbaren. Und es erfährt eine Objektivierung. Was erregt kann nicht menschlich sein. Es wird abgespalten und zu etwas erklärt, was mit dem realen Leben wenig zu tun hat. Es wird in eine Traumwelt verbannt, auf die jeder zugreifen darf, die aber niemand gänzlich in sein Leben lassen darf. Menschen, die diese Traumwelt besiedeln, also jene die sich zu Objekten der Lust machen (machen lassen) werden aus der Realität verdrängt, haben in den Augen vieler keine wirkliche Daseinsberechtigung als Mensch. Als Lustobjekt ja, aber nicht als Mensch mit Bedürfnissen.

Und da das Lustobjekt Nr. 1 nach wie vor die Frau ist, gilt dieses Prinzip vor allem für uns Frauen. Wir haben also immer noch die Wahl, wofür wir uns entscheiden. Entweder wir eifern der Jungfrau Maria nach oder Lilith. Das heißt gleichzeitig, dass wir uns entscheiden müssen für Gleichberechtigung und Anerkennung oder dafür nur als Objekt angenommen zu werden. So ist es auch nicht verwunderlich, dass Frauen in diesem Land darauf verzichten ihre Reize offen zur Schau zu tragen. Und die „Verhüllungsquote“ steigt mit der Bildung und dem Intellekt. Denn intelligente Frauen wollen nicht zum Objekt „degradiert“ werden. Sie wollen ernst genommen werden und das werden sie, wenn sie sich an die Jahrtausende alten Konventionen halten.

Und ich finde diesen Zustand wirklich und wahrhaftig zum Kotzen und dulde es weder, noch halte ich mich an diese Konvention!!! Ich lasse mir nicht verbieten, mich zu entschärfen, nur damit ich in das Bild einer Patriarch geprägten Gesellschaft passé! Die Menschen sollten begreifen, auf welchen Konstrukten ihre Überzeugungen aufgebaut sind, dann würden sie vielleicht nicht so zwanghaft daran festhalten. Das Neue wirkt oft bedrohlich aber im besten Fall bietet es eine Befreiung des Selbst.