Moralfaschismus als Zeichen der Unsicherheit

Die heutige Zeit macht uns alle zu kleinen Weltverbesserern. Wir dulden, dass man uns bestimmte Freiheiten entzieht, da es ja das Beste für alle ist. Nehmen wir das Beispiel öffentliche Rauchverbote. Rauchen an öffentlichen geschlossenen Plätzen ist 2007 durch das Raucherschutzgesetz verboten worden. Wer von nun an in Restaurants, Discotheken oder in Kneipen rauchen will, muss nach draußen gehen. Der Aufschrei war groß aber mittlerweile haben sich alle damit abgefunden und viele Raucher sind sogar zufrieden mit dieser Entscheidung. Die staatliche Bevormundung wurde akzeptiert und am Ende dankend angenommen, obwohl es ein Eingriff in die gesellschaftliche Freiheit war. Aber da es der Gesundheit dienlich ist, fällt es leichter diese Kröte zu schlucken.

Ferdinand von Schirach schreibt in seinem Buch “Die Würde ist antastbar”:

“Das Ziel ist immer groß und immer anders, heute heißt es: der reine Mensch in der reinen Luft. Und wenn es nicht anders geht, müssen die Leute halt zu ihrem Glück gezwungen werden. Was schert uns Toleranz, wenn wir einmal das Richtige erkannt haben, Schwächen kann man austreiben, notfalls mit Gesetzen.”

Man muss sie zu ihrem Glück zwingen, notfalls mit Gewalt. Dieses Credo wurde vielleicht auch mit der Einführung des Raucherschutzgesetzes so elementar und vertretbar. Denn immer öfter soll man Angriffe auf die Freiheit und die eigene Autorität hinnehmen. Durch die Technik gibt es immer mehr Mittel und Wege dem Menschen einen Teil seiner Verantwortung zu entziehen. Moderne Autos sind ausgestattet mit Assistenten vom Dachhimmel bis zu den Reifen. Alles zum Wohle der Verkehrssicherheit. Wer kann schon etwas gegen Sicherheit haben. Die Bevormundung die sich daraus ergibt, fällt keinem mehr auf, nein, das Muss was sich daraus ergibt wird sogar als dankbarer Segen wahrgenommen.

Schauen wir uns als Beispiel das Maßregeln durch Maschinen an. Das Piepen, dass uns an irgendetwas erinnern soll, hat Hochkonjunktur. Piepte es anfangs nur, wenn man sich während des Fahrens nicht anschnallte, piept es mittlerweile bei fast allen technischen Geräten. Es piept der Wasserkocher, es piept die Waschmaschine, ja es piept sogar der Eisschrank, wenn man die Tür länger als 20 sek offen lässt.

Ich für meinen Teil hasse diese Pieperei! Ich habe mich mein Leben lang gerne angeschnallt. Seit ich durch das Piepen dazu gezwungen werde, schnalle ich mich nicht mehr gerne an. Das Anschnall-Piepen toleriere ich aber, da ich auch ein Sicherheitsfan bin. Aber diese Pieperei bei Haushaltsgeräten hasse ich mit all meiner Kraft. Was soll das überhaupt? Wieso muss die Waschmaschine piepen wenn sie fertig ist? Die meisten Waschmaschinen stehen da, wo man sie nicht hört. Was bringt es also, wenn sie nach getaner Arbeit piepen bis zum Umfallen? Stirbt die Wäsche, wenn sie nicht innerhalb von 10 Minuten aus der Trommel geholt wird? Mit dieser Meinung bin ich aber bisher ziemlich alleine. Niemand sonst in meinem Umfeld kann meinen Kreuzzug gegen das Heer der Pieper wirklich nachvollziehen.

Es scheint so, als wäre es mittlerweile allgemeingültig, dass man zu seinem “Glück” gemaßregelt werden darf, ohne das es einen wirklich stört. Für viele ist es sogar eine schlichte Notwendigkeit.

Vielleicht kommt es auch daher, dass wir uns nun auch nicht mehr über die menschlichen Maßregler und Moralisierer aufregen. Sie tun es schließlich zu unserer aller Wohl. Und wie F.v. Schirach so trefflich feststellte “Was schert uns Toleranz, wenn wir einmal das Richtige erkannt haben..” Denn es geht schon lange nicht mehr um Selbstbestimmung und Toleranz. Es geht darum, das Richtige zu tun und das ist selten manigfaltig.

Dieses einzig Richtige wird von den Moralisierern und, wie ich sie nenne, Moralfaschisten verkündet und eingefordert. Was ein Moralfaschist ist lest Ihr hier KLICK.

Moralfaschisten findet man besonders in den klassischen Empörungsbereichen wie Gender, Umwelt- und Tierschutz, Internationalität aber auch bei Ernährungs- und Gesundheitsthemen. Dabei muss man nicht mal in einem dieser Gebiet beheimatet sein um sich empören zu können. Denn das kann wirklich jeder! Das Einzige was dafür benötigt wird ist eine festgefahrene Meinung und ein Glaubenssatz, der keine anderen Ansichten zulässt und man der festen Überzeugung ist, dass dieser Glaubenssatz der einzig richtige ist. Die Überzeugung, die man für solch einen Glaubenssatz braucht, ist meist medial beeinflusst. Die Medien predigen in ihren News, Magazinen und auch in ihrer Werbung die moralischen Grundsätze von heute und viele Menschen nehmen diese Ansichten ungefiltert als ihre eigenen an.

Die Medien bedienen sich bei ihrer Meinungsfindung an den Aussagen populärer Experten, die sich oft selbst als heiligen Gral der Moral inszenieren. Außerdem ist die Meinung der Zuschauer und Leser enorm wichtig geworden. Die Social Media Portale machen es möglich, dass jede Meinung ungefiltert an die Magazine weitergeleitet wird.

Natürlich kommen in diesem Fall nicht die besonnen Aussagen zur Geltung sondern eher die typisch polemischen. Schwarz und Weiß verkauft sich nun mal viel besser als Grau. Diese schwarz-weiß Aussagen folgen meist einer Empörungswut und Empörung scheint die höchste Gewichtung in allen Meinungsfragen zu haben. Der sich empört hat recht. Allerdings nur wenn er sich über die richtigen Sachen empört.

Da wäre das Beispiel des Gedichtes „Avenidas“, dass von einer Häuserwand entfernt werden musste, da es sexitisch verstanden werden könnte Link. Der Konjunktiv ist hier ganz wichtig. Denn tatsächliche Diskriminierung muss nicht mehr stattgefunden haben, damit etwas einer Empörungswelle erliegen kann. Die Gründe für die Eliminierung liegen einzig und allein in der Empörung einzelner Moralfaschisten, denen man ein Recht auf Entscheidung eingeräumt hat.

Aber was bringt diese Menschen dazu und vor allem was bringt die Gesellschaft dazu, diesen Menschen eine so wertvolle Stimme zu geben? Hat nicht ein jeder das Recht auf Wille und Freiheit? Warum bekommen die Moralfaschisten recht, jene mit einer anderen Meinung aber haben das Nachsehen?

Ist der Wille und die Meinung des Menschen nicht durch das Grundgesetz vor jeglicher Antastung bewahrt und ist die menschliche Freiheit nicht eines der höchsten Güter unserer Kultur? Wie also kann es dazu kommen, dass gerade diese bedeutenden Grundsätze unserer Kultur plötzlich mehr und mehr angesägt werden?

Eine Ursachenforschung brachte mich auf einen erstaunlich simplen Grund. Unsicherheit. Diese neue Zeit ist mit so vielen Umbrüchen verbunden. Die Globalisierung und das Internet konfrontieren die Welt mit einem Universum an unbekannten Parametern. Kein Stein bleibt auf dem anderen, alles ist im Umbruch und mit stetigem Wandel verbunden. Konnte man sich vor dem digitalen Zeitalter über lange Zeit an eine Änderung gewöhnen, hält ein Trend mittlerweile kein halbes Jahr mehr und wer nicht stetig auf dem Laufenden bleibt, ist schneller abgehängt als es ihm lieb ist.

Eine Welt geprägt von Umbruch und Wandel.

Auch altbekannte Werte müssen sich mehr und mehr beugen. Die christliche Religion der westlichen Welt bröckelt, die Kirchen leeren sich schon seit Jahrzehnten und auch die geistige Religiosität verliert an Wert. So standen im Jahr 2016 350.000 Kirchenaustritte 31.000 Kircheneintritten gegenüber. Und mit der Religion verschwinden auch viele Werte, die über Jahrhunderte Bestand hatten und die Gemeinschaft mit einem einheitlichen Wertesystem zusammengehalten haben.

Sicherlich sind hier nicht nur die christlichen Werte zu nennen, aber eine Religion ist und bleibt das beste System um eine Werte-Gleichheit einer Gemeinschaft zu wahren. Bricht dieses weg, nach welchen Werten richtet man sich dann? Denn die Vermittlung von Werten war und ist keine vorrangige Aufgabe des Staates. Der Staat kümmert sich um die Politik und die Gesetze. Werte waren immer die Aufgabe einer moralischen Instanz und wer kann diese besser aufstellen als ein allseits anerkannter Übervater (auch Gott genannt)?

Da der westliche Gott nun aber tot ist, wie Nietzsche schon so trefflich feststellte, erfährt diese Aufgabe was ein Macht- und Handlungsvakuum ist. Der Staat kümmert sich nach wie vor um Politik und nur rudimentär um Werte. Wie sollen einheitliche Werte auch von einer Vielzahl an Oppositionen gefunden werden? Das waren und schaffen von neuen Werten, die es im digitalen Zeitalter dringend zu finden gibt, verbleibt daher bei jedem der sich dazu berufen fühlt, denn jedes Machtvakuum hat Chaos zur Folge. Führungslosigkeit (ja, auch Werte bedürfen einer Führung) hat immer zur Folge, dass sich viele zum Führer berufen fühlen und wenn ihnen keiner Einhalt gebietet spielen sie sich mit der Zeit immer mehr zum Führer auf, bis sie über jeden Angriff erhaben sind.

Durch die stetige Auflösung der altbekannten Werte, wird eine tiefe Unsicherheit in der Gesellschaft erzeugt, die sich auch in der um sich greifenden Moralisierung zeigt. Das entstehende Werte-Vakuum geht einher mit einem Strukturverlust, den man mit vermeintlicher Ordnung ausgleichen will.

Die neue Zeit ist also bestimmt von einem Strukturverlust, der sich über mehrere Aspekte erstreckt. Diese Struktur wird, wenn auch unbewusst, schmerzlich vermisst. Daher suchen einige verzweifelt nach der Neuschaffung einer Struktur. Da sich die Struktur nun schon einmal aufgelöst hat, halten es einige für sinnvoll die neuen Strukturen auch mit den Errungenschaften der Neuzeit zu füllen, was ein durchaus rühmlicher Ansatz ist. Sind doch viele alte christliche Werte voll von Diskriminierung und Frauenverachtung.

Da dieses Zeitalter heute aber geprägt ist von der Gleichberechtigung aller, ist es selbstverständlich, dass diese neuen Werte mit in ein neues Wertesystem fließen sollen. Die Moralfaschisten von heute versuchen auf ihre Art aber das gleiche, was früher gegolten haben muss. Einige wenige erheben ihre Interessen in ein selbtsernanntes Wertesystem und stellen diese Werte als allgemeingültig dar, an die sich fortan jeder zu halten hat. Das das zu genau dem führt, zu dem es früher bereits führte, nämlich zu Einschränkung und Intoleranz, fällt ihnen dabei nicht auf.

Die Welt in alt und neu, gut und böse, schwarz und weiß einzuteilen folgt dem gleichen Ansatz, die auch bei der Schaffung der alten Werte ausschlaggebend gewesen sein müssen. Dogmen und Zwang führen in der Regel nur dazu, dass man sich dagegen auflehnt.

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