Die Kunst der richtigen Meinungsbildung  

In diesen unruhigen Zeiten stelle ich die Unruhe vor allem an und in mir selbst fest. Eine Meinung, die mir gestern noch richtig und wichtig vorkam, ist heute von Zweifeln besetzt. Nichts scheint mehr klar zu sein, alles verschwindet hinter einem Nebel von Informationen. Artikel, Berichte, Beiträge, Nachrichten, YouTube, Facebook, Twitter, X-fach strömt es auf mich ein und schwirrt kaleidoskopisch in meinem Kopf herum. Wie nur kann ich diese Informationen bündeln und mir mein eigenes Bild daraus machen?  

Konrad Lorenz beschreibt es so: 

Der Vergleich zwischen einer inneren, in irgendeiner Weise im Organismus entstandenen Regelhaftigkeit mit einer zweiten, die in der Außenwelt obwaltet, ist wahrscheinlich die wichtigste Methode überhaupt, mittels derer ein lebender Organismus zu Erkenntnissen erlangt.” 

Klar, die Erkenntnisfindung funktioniert nach einem immer gleichen Muster. Ich habe eine innere Idee oder Frage und suche nun Belege, die mir die inneren Fragen beantworten oder auch die innere Idee unterstützen und mit Argumenten untermauern kann. 

Wenn ich mir anhand dieser Struktur eine Meinung gebildet habe, steht dieses Bild erst einmal fest und lässt sich nicht so gerne wieder vertreiben, um einer neuen Einstellung Platz zu machen. Ich habe mir dieses Bild erarbeitet und mir liegt nun daran, diese Arbeit wertzuschätzen. 

Da wir aber quasi in Lichtgeschwindigkeit von Infos überhäuft werden, sind eben erst gebildete Meinungen schnell ad absurdum geführt. Und genau hier fangen meine Kopfschmerzen an. Ich habe mir Mühe gemacht mit der Meinungsfindung und ich verspüre Ärger in mir, wenn ich diese Meinung wieder aufgeben soll. Ich möchte mit meiner Erkenntnisfindung an ein Ende kommen und nicht in alle Ewigkeit ein Forscher in dieser Sache bleiben.  

Was ich aber vertrete, möchte ich mit stichhaltigen Argumenten tun können, aber die Belege, aus denen ich meine Argumente ziehe, sind teilweise nach wenigen Tagen widerlegt. Wie kann man da mithalten? Vor allem dann, wenn das eigene Tagwerk nicht daraus besteht medial immer up to date zu sein? 

Erschwerend kommt hinzu, dass wir uns in Zeiten der Cancel Culture befinden und die falsche Meinung leicht dazu führen kann, dass man unter einem Shitstrom begraben wird oder wenigstens bedenken bei der Äußerung einer Meinung haben muss, die von der vorherrschenden Meinung abweicht. Da muss man gut argumentieren können, um nicht als “Schwurbler” gebrandmarkt zu werden. 

Am einfachsten ist es also die Meinung anzunehmen, die dem Zeitgeist folgt und von den entsprechenden Medien vertreten wird, denn meinungslos sind diese bereits seit längerem nicht mehr. Unter dem Deckmantel der Objektivität verfasst, werden in Beiträgen Faktenlage und Kommentar vermischt. Mal wird aufbauschend, mal bagatellisierend argumentiert und somit werden die eigentlichen Nachrichten zu einer Art Nanny-Journalismus, in welchem, so scheint es, der Leser auf sanfte Art zur “richtigen” Meinung erzogen werden soll. Mit einer solchen Vormeinung wird der Rezipient sich selbst überlassen und tut in gewisser Weise wohl daran, diese Meinung zu übernehmen. Es mag sein, dass der ein oder andere gar nicht gemerkt hat, dass er hier eine Meinung vorgegeben bekommen hat und denkt sich auch nichts dabei, diese für sich zu adaptieren.  

Jener Leser aber, der sich mit dieser vorgefertigten Meinung nicht zufriedengibt (ich zähle mich beispielsweise zu dieser Art Leser), bleibt mit einem schalen Gefühl zurück und bemerkt, dass er die erwünschte Objektivität nicht vorgefunden hat und er sich nun weiter auf die Suche begeben muss, um sich durch wirklich Objektivität eine Meinung zu bilden. In zweiter Hinsicht bedeutet das auch, dass sich die Meinungsbildung, die für mich zum Alltag dazu gehört, nur noch zeitlich verzögert stattfinden kann und ich erneut Zeit aufwenden muss, um zu meiner Meinung zu gelangen. Dazu kommt auch der Umstand, dass ich diese Meinungsbildung in meiner freien Zeit vornehme und nicht unbegrenzt Zeit dafür aufwenden kann und möchte. Ich bin also automatisch gehetzt, da ich die Informationen, die ich mir wünsche nur über Umwege finden kann und dazu vermehrt Zeit aufwenden muss. Es gibt Hilfsmedien wie die Online Plattform Buzzard, die ich sehr dafür schätze, dass sie aus unterschiedlichen Medien die Aussagen zu einem Thema filtert und in Kurzform aufbereiten, so dass ich mir den Überblick davon ansehen kann. Für alle Themen werde ich aber auch hier nicht fündig, auch bleibt es nicht aus andere Medien zu konsumieren, die einem über Social Media, Funk und Fernsehen präsentiert werden.  

Ich denke, dass ich nicht die Einzige bin, die unter dieser Vielfalt an Informationen leidet und dass der Wunsch nach einer Struktur, etwas fest Vorgegebenen, an das man sich halten kann und nicht nur 3-7 Tage, sehr groß ist. Aber worin kann man finden wonach man sich sehnt 

Es bleibt einem sich der vorherrschenden Meinung anzuschließen oder ein anderes Medium/andere Instanz zu finden, welche einem diese feste Struktur vorgeben kann. Ist es da so verwunderlich, dass sich vermehrt Menschen an Ideologien der Verschwörungen oder an Gruppierungen anhängen, die den Eindruck vermitteln, sie wüssten worum es in aller Unklarheit geht? (Wie Verschwörungstheorien funktionieren hat der BR bereits trefflich formuliert ) 

Denn hier erhält man die Erklärung für das Unwohlsein, welches einem bereits seit langem Inne ist und damit scheint auch die Lösung für das Problem, dass die massenhafte Informationsflut mit sich bringt, gegeben zu sein. Plötzlich macht alles einen Sinn, der Bürger soll verunsichert werden, er soll verwirrt werden, da alles einem höheren Ziel dient. Und dieses Ziel ist gerne der Untergang der bestehenden Gesellschaft.  Und ganz ehrlich, welche andere Antwort würde einen befriedigen, wenn alles, was in einem besteht, von Angst und Zweifel gefärbt ist? 

Gustav Le Bon, der Begründer der Massenpsychologie beschrieb es so:  

„Nie haben die Massen nach Wahrheit gedürstet . Von den Tatsachen, die ihnen missfallen, wenden sie sich ab und ziehen es vor den Irrtum zu vergöttern, wenn er sie zu verführen vermag.  

Wer sie zu täuschen vermag, wird leicht ihr Herr, wer sie aufzuklären versucht, stets ihr Opfer.“ 

Bei dieser Einschätzung tritt einem unweigerlich ein Bild von einem Menschen vor Augen, auf den dieses Zitat haargenau zutrifft. Auf ein “Schlafschaaf”, wie es in einschlägigen Foren gerne betitelt wird. Für den einen ist diese Beschreibung das Abbild eines Anhängers für Verschwörungsideologien, für den anderen wird hier jemand beschrieben, der sich unreflektiert dem Meinungstrend der Gesellschaft verschreibt.  Wer hat nun recht? 

Im Zweifel haben beide Recht, denn das Le Bonsche Axiom hinter dieser Aussage ist, dass man sich auf eine „Wahrheit“ einlässt, die nicht die eigene ist. Wie aber kann die eigene Wahrheit gefunden werden, wenn man nicht die eines anderen übernehmen kann/darf?  

Wahrheit ist streng genommen ein Konstrukt, welches es nicht gibt, denn es gibt keinen Grundsatz, der nicht widerlegbar ist. Nach Karl Popper kann sich eine Theorie nur bewähren, wodurch sie aber nicht wahrscheinlich oder wahr gemacht werden kann. Somit sei festgehalten, dass es die eine Wahrheit niemals geben kann. Alles unterliegt dem Umstand, dass es unter ziemlicher Sicherheit den ein oder anderen Tag widerlegt werden wird. Man könnte es also mit Nietzsche sagen:

“Lieber nichts wissen, als vieles halb wissen! Lieber ein Narr sein auf eigene Faust, als ein Weiser nach fremdem Gutdünken”.

Um es aber weniger pessimistisch anzugehen, man kann und man sollte in meinen Augen niemals müde werden, sich seine eigene Meinung zu bilden, auch wenn das einem sehr viel abverlangen kann. Denn jede Meinung die sich bildet, ist nichts anderes als eine Arbeitshypothese, und diesen liegt es inne, dass sie nicht bestehen um zu bleiben, sondern immer nur solange eine Daseinsberechtigung haben, solange sie nicht widerlegt werden.  

Um es anders zu sagen, das Schubladendenken, was wohl den meisten zu eigen ist, ist richtig und wichtig um seinen Verstand klar zu halten. Aber man sollte immer dazu bereit sein eine Schublade wieder zu öffnen, um deren Inhalt neu zu ordnen, bevor man dem Schild darauf wieder vertrauen kann. Außerdem kann es hilfreich sein, sich selbst gegenüber nicht so streng zu sein.

Es ist kein Verbrechen sich zu irren, im Gegenteil. Wer bereit ist sich einen Fehler einzugestehen, ist damit weiser als jene, die sich ihr einst gebildetes Weltbild auf Ewigkeiten bewahren und damit mehr Unruhen in die Welt bringen, als jene die sich in Schweigen hüllen.  

#DHMDemokratie- Was alle angeht, sollten auch alle entscheiden dürfen

Im Rahmen der Blogparade #DHMDemokratie des Deutschen Historischen Museums, möchte auch ich einen Beitrag zu meiner Vorstellung von Demokratie teilen.

Was alle angeht, sollten auch alle entscheiden dürfen

Demokratie – altgriechisch δημοκρατία für ‚Herrschaft des Staatsvolkes‘. Im Ursprung des Wortes ist noch erkennbar, wofür diese Herrschaftsform steht, nämlich das Macht und Regierung vom Volk ausgeht. Wenn ich mir die heutige politische Landschaft anschaue, habe ich nicht das Gefühl, dass Macht und die Regierung vom Volk ausgehen und ich denke ich bin mit dieser Ansicht nicht alleine.  „#DHMDemokratie- Was alle angeht, sollten auch alle entscheiden dürfen“ weiterlesen

Moralfaschismus als Zeichen der Unsicherheit

“Weltverbesserer”. Ein Wort was so viel Hoffnung in sich birgt. Der Wunsch, diese Welt zu einem besseren Ort zu machen. Wer wünscht sich das nicht? Gerade in diesen unsicheren Zeiten. Die Welt scheint so verletzlich zu sein. Terroranschläge erschüttern die Menschen rund um den Globus. Große Machthaber machen aus der Politik eine Art Monopoly Spiel, schaut man sich beispielsweise das Handeln Donald Trumps oder die Ursachen des Brexits an.

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Gerechtigkeit-ein Definitionsversuch

Um sich dem Thema Gerechtigkeit anzunähern, braucht es zuerst einen Ausgangspunkt. Wie kann man ein gerechtes Leben und Sein definieren, wenn doch jeder unterschiedlich damit umgeht? Um eine Definition zu finden, habe ich mir philosophische Ansätze angeschaut. Ich habe mich für zwei Theorien entschieden, die sich in meinen Augen gut ergänzen und leicht verständlich sind.

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Was ist Gerechtigkeit?

  1. Was ist Gerechtigkeit? Was auf den ersten Blick wie eine einfache Frage erscheint, erweist sich beim genaueren Hinsehen als Elferfrage. So hat zwar jeder direkt eine Vorstellung, wenn man ihn nach Gerechtigkeit fragt, aber die eigene Gerechtigkeit lässt sich nicht pauschal verallgemeinern und auch die Gerechtigkeit die von den Gesetzen eines Staates ausgehen, gelten nicht immer als gerecht (man denke an die sogenannten Rechtsverdreher). Wie also kann man hier zu einem Schluss kommen?

Die Frage nach der Gerechtigkeit flammte in mir auf, als ich einen Artikel über einen jungen Beamten namens Ronny las, der wegen einem Bore Out vom Dienst freigestellt wurde und ein Ruhegehalt von 1400 € erhält. Ronny engagiert sich in dieser freien Zeit ehrenamtlich und macht eine Fortbildung, um irgendwann einmal einem Job nachgehen zu können, der für ihn besser ist. Die Überschrift des Artikels lautete „Beamter – Ich spare für meine Beerdigung“.

Mein erster Impuls, bereits während dem Lesen: „Dir würde ich gern mal was vom harten Leben erzählen und ich glaube 1 Millionen andere auch!“ Wut stieg in mir hoch. Die Kommentare unter dem Artikel zeigten, dass es anderen auch so erging wie mir aber es mindestens genau so viele gab, die für Ronny in die Bresche sprangen und ihn nach Leibeskräften verteidigten. Für den Verlauf will ich die beiden Parteien mit Hater (jene, die sich gegen Ronny aussprachen) und Gooder (jene, die sich für Ronny aussprachen) bezeichnen. Ganz besonders interessant fand ich die Kommentare der Gooder, die den Hatern empfahlen doch auch Beamter zu werden, wenn sie mit ihrem Gehalt (z.B. als Pflegekraft) so unzufrieden sind. Auf die Frage, wie sie sich das denn vorstellen, wenn plötzlich alle Pflegekräfte Beamte würden, kam keine wirkliche Antwort mehr.

Nun saß ich da mit meiner Wut und es kam noch mehr Wut dazu, denn ich verstand die Position der Gooder nicht. Wie konnte man nicht sehen, dass es doch zum Himmel schreit, wenn ein Mensch für´s Nichts Tun soviel Geld bekommt, wie beispielsweise eine Pflegekraft für einen Fulltime Job? Da kann der arme Ronny nichts dafür, aber er ist in diesem Moment das Medium für meine Wut. Natürlich sollte man ihn nicht unter Hass Kommentaren begraben, aber sein Schicksal in Frage zu stellen und dabei auch nach anderen Schicksalen zu fragen und darüber zu diskutieren, halte ich sehr wohl für legitim. Aber das scheinen die Gooder anders zu sehen.

Es scheint ein neues Phänomen der Social Media Portale zu sein, dass alle Gooder vereint um ungebremst gegen jeden Hater vorgehen, mag er auch noch so gut argumentieren. Alles, was auch nur im Geringsten nach Hater aussieht, wird angegriffen und scheinbar entkräftet mit Verständnis und Solidarität für die angefeindete Person. Prinzipiell ist das auch eine gute Sache, nachdem die Hater in den letzten Jahren so viel Aufmerksamkeit bekommen haben, aber was mir immer sauer aufstößt, wenn ohne Sinn und Verstand drauf los gepostet wird. Da verbündet sich dann eine Gruppe gegen eine Meinung und jede Personen, die diese Meinung anschließend vertritt, wird zusammen niedergemacht. Da geht es dann nämlich um vieles aber nicht um Gerechtigkeit. Dabei, denke ich mir, ist das Ansinnen vieler Gooder nämlich gerade  die Gerechtigkeit wieder herzustellen, die durch die Hater aus dem Ungleichgewicht geraten zu sein scheint. Was ihnen dabei nicht auffällt ist, dass sie die selben Mittel anwenden wie die Hater und sie sich somit auf die gleiche Stufe stellen wie jene, die sie versuchen zu bekämpfen.

Gerechtigkeit ist ein großes Thema und jeder beschäftigt sich implizit so gut wie jeden Tag damit. Im Job, im Privatleben, einfach in jeder Situation die eine Interaktion mit anderen Menschen erfordert. Permanent wird abgewogen, ob alles auch gerecht oder fair zugeht. In den meisten Fällen wird man sich mit der Umwelt auch schnell einig, wenn es um augenscheinlich „offensichtliche“ Gerechtigkeitsbelange geht. Beispielsweise wenn es darum geht, das ein Kollege im Büro immer bevorzugt wird, obwohl weder seine Leistungen noch sein Verhalten besser ist als das aller anderen. Hier wird man schnell Verständnis von anderen Personen bekommen und ist somit mit seinem Gerechtigkeitsempfinden nicht mehr alleine. Wenn man erst andere gefunden hat, die einen unterstützen, kann man auch leichter seine Gerechtigkeit einfordern. Hat man allerdings einen Punkt gefunden, der einem unfair erscheint, den aber kein anderer nachvollziehen kann, steht man ziemlich alleine da mit seinem Gerechtigkeitsbedürfnis. So ging es wohl lange Zeit vielen Frauen, die sexuelle Übergriffe ertragen mussten. Vielleicht erzählten sie jemandem davon aber sie fanden nicht genügend Personen, die ihr Ungerechtigkeitsempfinden nachvollziehen konnten, also war es auch keine Ungerechtigkeit. Man kann fast sagen, dass Gerechtigkeit erst dann entsteht, wenn viele das Gleiche sehen.

So kam ich zum Thema Gerechtigkeit und musste feststellen, dass es allenfalls eine subjektive Gerechtigkeit gibt. Dennoch möchte ich versuchen, eine Annäherung an das Thema zu finden und werde das mit mehreren Texten tun. „Was ist Gerechtigkeit“ wird eine Serie, in der ich mich mit verschiedenen Themen im Bezug auf Gerechtigkeit beschäftigen möchte.

 

 

Leben wir in einer Demokratie?

Ist die Demokratie der westlichen Welt noch glaub- und vertrauenswürdig? Nach dem Brexit und der Wahl Donald Trumps zum neuen Präsidenten der USA hat die Demokratie in den Augen vieler an Wert verloren. Trotz demokratischer Wahlen, in der sich die Mehrheit für den Brexit und Donald Trump entschieden haben, schlagen allerorts Menschen die Hände über dem Kopf zusammen und beschwören angesichts dieser Ereignisse den Niedergang der Demokratie herauf. Wie nur konnten die Wähler es zulassen, dass solch unvernünftige Entscheidungen getroffen wurden, heißt es.

Auch in Deutschland hadert man mit den Meinungen von Teilen der Bevölkerung, insbesondere den AfD-Wählern. Wenn sich so viele Wähler auf diese „Bauernfänger“ einlassen, kann man ihnen dann überhaupt noch eine Wahl anvertrauen? Manche Politiker zweifeln an der Mündigkeit der Wähler oder appellieren an sie, die eigene Stimme nicht zu verschenken an eine Partei wie die AFD.

Schon vor Jahren hatte der damalige Frankfurter FDP-Chef Dirk Pfeil seine Zweifel an der Wahlmündigkeit der Wähler artikuliert. In einem Interview sagt er der Frankfurter Neuen Presse: „Es ist schlimm, dass die Mehrheit der Bevölkerung keine politische Bildung genossen hat. Die Masse ist meinungslos, sprachlos.” Auf die Frage, ob die Wähler zu ungebildet sind, um die FDP zu verstehen, antwortet er: „Die Masse ja.” Außerdem verzweifle er „am mangelnden Willen der Wähler, sich ein bisschen schlauer zu machen.

Zunehmend gilt der Wähler als wahlunmündig. Er informiert sich nicht und verschenkt seine Stimme an Populisten. Dabei sind es meist nicht alle Wähler, die in Verdacht stehen, „falsch“ zu votieren. Es sind bestimmte Gruppen die verantwortlich gemacht werden für das Übel. Schuld sind die Alten und Ungebildeten, sowohl an der AfD als auch am Brexit und an Donald Trump. Analysen, die Aufschluss darüber geben, wer wen wählt, sind populär wie nie. Das Interesse daran wächst und es scheint, als würde verzweifelt nach einem Sündenbock gesucht, der für diese politischen Entwicklungen verantwortlich gemacht werden kann.In sozialen Netzwerken und auch in der Öffentlichkeit ist das Bashing der vermeintlich Schuldigen groß. AfD-Anhänger werden von Profilen in den Sozialen Medien verbannt und bei öffentlichen Veranstaltungen der AfD beschimpft und bedrängt.7Trump- Anhänger werden erst recht geächtet, so wie im Falle eines Essener Burgerbuden-Betreibers. Ihm gehen die Kunden aus, seit er öffentlich Trump seine Sympathie erklärt hat.8Es gibt in den Augen vieler zwei Arten von Wählern: gute und schlechte. Die Guten klopfen sich auf die Schulter und loben sich dafür, das einzig Richtige zu tun. Die Bösen werden beschimpft, ausgeschlossen und zur nationalen Bedrohung hochstilisiert. Mittels eines Sündenbocks lassen sich alle Probleme leicht erklären. Wie es allerdings zu den Problemen gekommen ist und was sich dagegen tun ließe, bleibt dabei aus. Die Ursachen für genannten Wahlentscheidungen werden zwar von den Medien immer wieder thematisiert, ein Umgang damit aber nicht oder nur zögerlich gefunden.9Sowohl bei der amerikanischen Präsidentschaftswahl wie auch beim Brexit resultierte die Entscheidung auch aus verletzten Gemütern und einen über jahrzehntelange entstandenen Verdruss über Politik und die Landesführung. Viele fühlten sich von der etablierten Politik nicht repräsentiert und verstanden. Sie hatten das Gefühl bei politischen Alleingängen des Staates übergangen zu werden, wie im Beispiel der Flüchtlingskrise (die auch genutzt wurde, um in Großbritannien und in den USA Stimmung gegen Einwanderer zu machen).10Das hatte ein Großteil der Bevölkerung satt. Protest wurde laut und wenn einzelne Stimmen nicht gehört werden, suchen sie sich einen, der ihnen eine Stimme gibt. Ungeachtet dessen, ob dieser dann auch in Gänze fähig und willens wäre, die Interessen dieser Stimmen durchzusetzen. Die jahrelang entstandene Wut verlangte nach Entladung und daher war es sowohl für die Brexit-Frontleute als auch für Donald Trump ein Leichtes, dieser Stimme Gewicht zu verleihen. Sie sprachen dem wütenden Bürger mit ihren Worten und ihren Argumenten aus der Seele und bekamen den Zuspruch jener, die sich jahrelang nicht gehört und beachtet fühlten.

Die jeweilige Wählermehrheit mag als wütend und verdrossen beschreiben, als dumm und ungebildet sollte man sie nicht betrachten. Sie wollten wieder eine Stimme haben, sie wollten etwas bewegen können, und sei es durch eine sehr kontroverse Entscheidung.

Statt der Mehrheit abzusprechen, wahlfähig zu sein geht es vielmehr darum, die Bürger mehr in demokratische Entscheide mit einzubinden. Viel früher und transparenter und nicht erst dann, wenn nichts mehr zu retten ist. Eine Demokratie kann nur funktionieren, wenn alle Beteiligten eine Stimme haben und die Entscheidungen im Sinne der Mehrheit getroffen werden.

Wenn sich wichtige Teile des Volkes nicht richtig vertreten fühlen, rächen sie sich, und es ist an der Politik, ihr Vertrauen zurückzugewinnen. Aber wie kann das gehen? Jeder Staat legt Demokratie anders aus. In der Schweiz gibt es eine direkte Demokratie. Die Stimmbürger aller Gemeinden, Kantonen und Bundesstaaten gelten als oberste Gewalt und entscheiden in Sachfragen abschließend. Viermal jährlich finden Volksabstimmungen statt, in welcher die Bürger in bis zu zehn Entscheiden über Sachfragen, Gesetze und auch über Haushaltsvorschläge abstimmen können. Die direkte Demokratie gehört zu den eine der beliebtesten Grundlagen des Schweizer politischen Systems.

Direkte Demokratie wird attraktiv. Das Bedürfnis der Bürger nach mehr Selbstbestimmung in politischen Fragen wächst. Auch andere Länder lassen vermehrt Sachverhalte per Volksentscheid zu. Der deutsche EU-Parlamentsabgeordnete und Mitbegründer des Vereins „Mehr Demokratie”, Gerald Häfner (Grüne) befürwortet diese Entwicklung. Er sieht aber auch die Schwachstellen in den Volksentscheiden anderer Länder. Denn worüber abgestimmt wird, wird von oben entschieden, während in der Schweiz fakultative Referenden und Volksinitiativen von den Bürgern ausgehen. Über welche Themen abgestimmt wird, liegt hier nicht in den Händen der politischen Repräsentanten. Nach Häfner kann direkte Demokratie nur funktionieren, wenn sowohl der abzustimmende Sachverhalt als auch die Abstimmung vom Volk ausgeht oder ausgehen kann. Volksabstimmungen wie sie z.B. in Großbritannien durchgeführt wurden, sind in seinen Augen nur ein taktisches Mittel zur Bestätigung der Machthabenden und haben mit wirklicher Mitbestimmung der Bürger wenig zu tun. Auch der Politikwissenschaftler David Altmann sieht in dieser Art der Volksabstimmung eher einen schädlichen als einen wirklich demokratischen Geist.

Ein gutes Beispiel hierfür ist der Brexit. David Cameron, ein Mann dem sein politischer Aufstieg mit Hilfe seines Europa Skeptizismus gelang, der aber eigentlich ein Modernisierer sein wollte. Seine europaskeptische Partei hat ihm zu dem verholfen was er geworden war, mit Parteivorsitz in Brüssel. Er konnte nicht einfach kehrt machen und sagen “Europa ist eine super Sache”. Er war seiner Partei etwas schuldig. Als der Druck zu hoch wurde, tat er was wohl jeder tut, der in die Enge getrieben wird. Er versuchte sich daraus zu befreien und das tat er mit einem, in seinen Augen, sicheren Mittel, denn es war nicht damit zu rechnen, dass dieser Umstand wirklich jemals eintreten würde. Er gab das Versprechen, sollte er alleiniger Entscheider sein, würde er ein Referendum aufstellen über den Verbleib Großbritanniens in der EU. Aber es kam alles anders. Er hatte weiterhin Erfolg, die Konservativen gewannen die absolute Mehrheit und Cameron war Alleinentscheider. Nun musste er sein Versprechen einhalten und das Referendum zu lassen.

Als es Cameron zu viel wurde, sprang Boris Johnson auf den Brexit auf und auch er nutzte diesen für seine Zwecke. Beide, Cameron und Johnson hatten nicht damit gerechnet dass ihr Volk  wirklich mit einem “Ja” stimmen könnte. Aber sie taten es!

David van Reybrouck, ein belgischer Historiker und Gegner des westlichen Wahlsystems, sieht im Brexit das demokratische Versagen der momentanen Form der Demokratie. Politiker die politische Entscheidungen instrumentalisieren für ihre eigenen Zwecke, Medien die nicht richtig aufklären und ein Volk das frustriert ist von der herrschenden Politik. Sie lassen sich fangen von Populisten, die ihnen sagen was sie hören wollen, richtige Inhalte kommen aber nicht an bei den Wählern. So treffen sie eine Wahlentscheidung  mit ungenauer Wissensgrundlage. Van Reybrouck sieht in den vorherrschenden demokratischen Wahlen ein primitives Instrument. Er sieht die Macht nicht beim Volk, sondern bei den Medien und den Parteien. Die Medien beeinflussen und prägen die politischen Debatten und die führenden Parteien nutzen ihren Hoheitsanspruch aus. Mit Nähe zum Bürger hat das wenig zu tun, zumal Parteien und Bundespolitiker nicht vertrauenswürdig erscheinen. Das Vertrauen in die deutschen Spitzenpolitiker bewegt sich prozentual gesehen im einstelligen Bereich.14Mehr Vertrauen wird den Landespolitikern entgegengebracht. Man kann mutmaßen, dass das auch an der direkten Nähe zum Bürger liegt.

Auf Bundesebene werden Wähler in van Reybroucks Augen wie „Wahlvieh“ behandelt. Sie sollen ihre Stimme abgeben, werden aber den Rest der Legislaturperiode nicht für voll genommen. Wähler sollten aber wie Erwachsene behandelt werden, nur dann fühlen sie sich auch ernst genommen und es kann eine wirkliche Macht vom gesamten Volk ausgehen.

Mit G1000 hat van Reybrouck ein Wahlsystem gegründet, was auf Rousseau und Montesquie zurückgeht. Das System funktioniert durch Losentscheid. Van Reybrouck hat es bereits getestet. In einem offenen Verfahren, dass online ausgetragen wurde und an dem alle Bürger Belgiens teilnehmen konnten, wird die Tagesordnung bestimmt. Die Punkte werden somit mehrheitlich entschieden und nicht von den Organisatoren vorgegeben. Nach Abschluss der Umfrage wurden 1000 Menschen eingeladen, um auf einer Tagung über die beschlossenen Themen zu diskutieren. Ausgewählt wurden Menschen aus allen Schichten, ungeachtet welchen Hintergrund und Lebensweise sie hatten. Mediatoren leiteten die Diskussion, so das alle Meinungen gehört wurden und mit in die endgültige Entscheidung mit einfließen konnten. Es war ein erfolgreiches Unterfangen, auch wenn nur 700 der 1000 Ausgewählten erschien. Arbeiter, Akademiker und Obdachlose saßen zusammen und berieten über Themen wie den Sozialstaat, Migration und andere politische Themen und das in respektvollem Miteinander. Für alle Teilnehmer war es eine außergewöhnliche Erfahrung, die sie sicher zum Nachdenken brachte.15Mit der Politik ist es ein bisschen wie mit der Schule. Lernen ist etwas ganz Natürliches,was jeden Menschen erfüllt und erfreut, wenn er es in einem anregenden Umfeld tun kann. Politik und somit Entscheidungen die über die Geschicke der Gemeinschaft abstimmen ist ebenfalls etwas ganz Natürliches und Spannendes, wenn man alle Beteiligten mit einbezieht, ihnen eine Stimme gibt. Wenn man die Stimmen aber kastriert und sie immer wieder enttäuscht, dann verlieren sie ihre Lust daran, konstruktiv mitzuwirken, wie es von ihnen verlangt wird. Es geht also darum, den Ausgangszustand wieder herzustellen. Jeder sollte tun dürfen was ihm zusteht. Nur so ist es möglich die Gesellschaft als Ganzes zu heilen, wie es der Philosoph Kwasi Wireda ausdrückt.

1https://www.welt.de/politik/deutschland/article157651667/Wie-die-AfD-von-der-Panik-der-Parteien-profitiert.html

2

3http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/brexit/wahl-analyse-die-alten-waehlten-den-brexit-14301861.html

4http://www.spiegel.de/politik/ausland/ergebnis-us-wahl-2016-jung-waehlt-clinton-alt-waehlt-trump-a-1120396.html

5http://www.spektrum.de/news/wer-waehlt-die-afd-und-warum/1423189

6https://causa.tagesspiegel.de/politik/wie-zuverlaessig-sind-meinungsumfragen-noch/gute-meinungsforschung-schlechte-meinungsforschung.html

7https://www.welt.de/politik/deutschland/article162542799/Wahlkampf-Auftakt-wird-zum-Spiessrutenlauf-fuer-AfD-Anhaenger.html

8http://www.focus.de/kultur/kino_tv/geht-er-bald-pleite-nach-trump-bekenntnis-essener-burger-laden-chef-laufen-die-gaeste-davon_id_6651335.html

9http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/kanzlerin-angela-merkel-will-staerker-auf-afd-waehler-zugehen-14212858.html

10http://www.stern.de/politik/deutschland/angela-merkels-alleingang-in-der-fluechtlingspolitik-und-seine-folgen-7033820.html

11http://www.planet-wissen.de/kultur/mitteleuropa/urlaubsland_schweiz/pwiedirektedemokratieinderschweiz100.html

12http://www.luzernerzeitung.ch/nachrichten/schweiz/Direkte-Demokratie-liegt-im-Trend;art9641,955343

13https://www.welt.de/politik/ausland/article156514452/Wie-David-Cameron-versehentlich-Europa-opferte.html

14https://de.statista.com/statistik/daten/studie/191776/umfrage/vertrauen-in-politiker/

15http://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/sonntag/david-van-reybrouck-die-rolle-der-lobbyisten-in-bruessel/9941860-2.html