Moralfaschismus als Zeichen der Unsicherheit

Die heutige Zeit macht uns alle zu kleinen Weltverbesserern. Wir dulden, dass man uns bestimmte Freiheiten entzieht, da es ja das Beste für alle ist. Nehmen wir das Beispiel öffentliche Rauchverbote. Rauchen an öffentlichen geschlossenen Plätzen ist 2007 durch das Raucherschutzgesetz verboten worden. Wer von nun an in Restaurants, Discotheken oder in Kneipen rauchen will, muss nach draußen gehen. Der Aufschrei war groß aber mittlerweile haben sich alle damit abgefunden und viele Raucher sind sogar zufrieden mit dieser Entscheidung. Die staatliche Bevormundung wurde akzeptiert und am Ende dankend angenommen, obwohl es ein Eingriff in die gesellschaftliche Freiheit war. Aber da es der Gesundheit dienlich ist, fällt es leichter diese Kröte zu schlucken.

Ferdinand von Schirach schreibt in seinem Buch “Die Würde ist antastbar”:

“Das Ziel ist immer groß und immer anders, heute heißt es: der reine Mensch in der reinen Luft. Und wenn es nicht anders geht, müssen die Leute halt zu ihrem Glück gezwungen werden. Was schert uns Toleranz, wenn wir einmal das Richtige erkannt haben, Schwächen kann man austreiben, notfalls mit Gesetzen.”

Man muss sie zu ihrem Glück zwingen, notfalls mit Gewalt. Dieses Credo wurde vielleicht auch mit der Einführung des Raucherschutzgesetzes so elementar und vertretbar. Denn immer öfter soll man Angriffe auf die Freiheit und die eigene Autorität hinnehmen. Durch die Technik gibt es immer mehr Mittel und Wege dem Menschen einen Teil seiner Verantwortung zu entziehen. Moderne Autos sind ausgestattet mit Assistenten vom Dachhimmel bis zu den Reifen. Alles zum Wohle der Verkehrssicherheit. Wer kann schon etwas gegen Sicherheit haben. Die Bevormundung die sich daraus ergibt, fällt keinem mehr auf, nein, das Muss was sich daraus ergibt wird sogar als dankbarer Segen wahrgenommen.

Schauen wir uns als Beispiel das Maßregeln durch Maschinen an. Das Piepen, dass uns an irgendetwas erinnern soll, hat Hochkonjunktur. Piepte es anfangs nur, wenn man sich während des Fahrens nicht anschnallte, piept es mittlerweile bei fast allen technischen Geräten. Es piept der Wasserkocher, es piept die Waschmaschine, ja es piept sogar der Eisschrank, wenn man die Tür länger als 20 sek offen lässt.

Ich für meinen Teil hasse diese Pieperei! Ich habe mich mein Leben lang gerne angeschnallt. Seit ich durch das Piepen dazu gezwungen werde, schnalle ich mich nicht mehr gerne an. Das Anschnall-Piepen toleriere ich aber, da ich auch ein Sicherheitsfan bin. Aber diese Pieperei bei Haushaltsgeräten hasse ich mit all meiner Kraft. Was soll das überhaupt? Wieso muss die Waschmaschine piepen wenn sie fertig ist? Die meisten Waschmaschinen stehen da, wo man sie nicht hört. Was bringt es also, wenn sie nach getaner Arbeit piepen bis zum Umfallen? Stirbt die Wäsche, wenn sie nicht innerhalb von 10 Minuten aus der Trommel geholt wird? Mit dieser Meinung bin ich aber bisher ziemlich alleine. Niemand sonst in meinem Umfeld kann meinen Kreuzzug gegen das Heer der Pieper wirklich nachvollziehen.

Es scheint so, als wäre es mittlerweile allgemeingültig, dass man zu seinem “Glück” gemaßregelt werden darf, ohne das es einen wirklich stört. Für viele ist es sogar eine schlichte Notwendigkeit.

Vielleicht kommt es auch daher, dass wir uns nun auch nicht mehr über die menschlichen Maßregler und Moralisierer aufregen. Sie tun es schließlich zu unserer aller Wohl. Und wie F.v. Schirach so trefflich feststellte “Was schert uns Toleranz, wenn wir einmal das Richtige erkannt haben..” Denn es geht schon lange nicht mehr um Selbstbestimmung und Toleranz. Es geht darum, das Richtige zu tun und das ist selten manigfaltig.

Dieses einzig Richtige wird von den Moralisierern und, wie ich sie nenne, Moralfaschisten verkündet und eingefordert. Was ein Moralfaschist ist lest Ihr hier KLICK.

Moralfaschisten findet man besonders in den klassischen Empörungsbereichen wie Gender, Umwelt- und Tierschutz, Internationalität aber auch bei Ernährungs- und Gesundheitsthemen. Dabei muss man nicht mal in einem dieser Gebiet beheimatet sein um sich empören zu können. Denn das kann wirklich jeder! Das Einzige was dafür benötigt wird ist eine festgefahrene Meinung und ein Glaubenssatz, der keine anderen Ansichten zulässt und man der festen Überzeugung ist, dass dieser Glaubenssatz der einzig richtige ist. Die Überzeugung, die man für solch einen Glaubenssatz braucht, ist meist medial beeinflusst. Die Medien predigen in ihren News, Magazinen und auch in ihrer Werbung die moralischen Grundsätze von heute und viele Menschen nehmen diese Ansichten ungefiltert als ihre eigenen an.

Die Medien bedienen sich bei ihrer Meinungsfindung an den Aussagen populärer Experten, die sich oft selbst als heiligen Gral der Moral inszenieren. Außerdem ist die Meinung der Zuschauer und Leser enorm wichtig geworden. Die Social Media Portale machen es möglich, dass jede Meinung ungefiltert an die Magazine weitergeleitet wird.

Natürlich kommen in diesem Fall nicht die besonnen Aussagen zur Geltung sondern eher die typisch polemischen. Schwarz und Weiß verkauft sich nun mal viel besser als Grau. Diese schwarz-weiß Aussagen folgen meist einer Empörungswut und Empörung scheint die höchste Gewichtung in allen Meinungsfragen zu haben. Der sich empört hat recht. Allerdings nur wenn er sich über die richtigen Sachen empört.

Da wäre das Beispiel des Gedichtes „Avenidas“, dass von einer Häuserwand entfernt werden musste, da es sexitisch verstanden werden könnte Link. Der Konjunktiv ist hier ganz wichtig. Denn tatsächliche Diskriminierung muss nicht mehr stattgefunden haben, damit etwas einer Empörungswelle erliegen kann. Die Gründe für die Eliminierung liegen einzig und allein in der Empörung einzelner Moralfaschisten, denen man ein Recht auf Entscheidung eingeräumt hat.

Aber was bringt diese Menschen dazu und vor allem was bringt die Gesellschaft dazu, diesen Menschen eine so wertvolle Stimme zu geben? Hat nicht ein jeder das Recht auf Wille und Freiheit? Warum bekommen die Moralfaschisten recht, jene mit einer anderen Meinung aber haben das Nachsehen?

Ist der Wille und die Meinung des Menschen nicht durch das Grundgesetz vor jeglicher Antastung bewahrt und ist die menschliche Freiheit nicht eines der höchsten Güter unserer Kultur? Wie also kann es dazu kommen, dass gerade diese bedeutenden Grundsätze unserer Kultur plötzlich mehr und mehr angesägt werden?

Eine Ursachenforschung brachte mich auf einen erstaunlich simplen Grund. Unsicherheit. Diese neue Zeit ist mit so vielen Umbrüchen verbunden. Die Globalisierung und das Internet konfrontieren die Welt mit einem Universum an unbekannten Parametern. Kein Stein bleibt auf dem anderen, alles ist im Umbruch und mit stetigem Wandel verbunden. Konnte man sich vor dem digitalen Zeitalter über lange Zeit an eine Änderung gewöhnen, hält ein Trend mittlerweile kein halbes Jahr mehr und wer nicht stetig auf dem Laufenden bleibt, ist schneller abgehängt als es ihm lieb ist.

Eine Welt geprägt von Umbruch und Wandel.

Auch altbekannte Werte müssen sich mehr und mehr beugen. Die christliche Religion der westlichen Welt bröckelt, die Kirchen leeren sich schon seit Jahrzehnten und auch die geistige Religiosität verliert an Wert. So standen im Jahr 2016 350.000 Kirchenaustritte 31.000 Kircheneintritten gegenüber. Und mit der Religion verschwinden auch viele Werte, die über Jahrhunderte Bestand hatten und die Gemeinschaft mit einem einheitlichen Wertesystem zusammengehalten haben.

Sicherlich sind hier nicht nur die christlichen Werte zu nennen, aber eine Religion ist und bleibt das beste System um eine Werte-Gleichheit einer Gemeinschaft zu wahren. Bricht dieses weg, nach welchen Werten richtet man sich dann? Denn die Vermittlung von Werten war und ist keine vorrangige Aufgabe des Staates. Der Staat kümmert sich um die Politik und die Gesetze. Werte waren immer die Aufgabe einer moralischen Instanz und wer kann diese besser aufstellen als ein allseits anerkannter Übervater (auch Gott genannt)?

Da der westliche Gott nun aber tot ist, wie Nietzsche schon so trefflich feststellte, erfährt diese Aufgabe was ein Macht- und Handlungsvakuum ist. Der Staat kümmert sich nach wie vor um Politik und nur rudimentär um Werte. Wie sollen einheitliche Werte auch von einer Vielzahl an Oppositionen gefunden werden? Das waren und schaffen von neuen Werten, die es im digitalen Zeitalter dringend zu finden gibt, verbleibt daher bei jedem der sich dazu berufen fühlt, denn jedes Machtvakuum hat Chaos zur Folge. Führungslosigkeit (ja, auch Werte bedürfen einer Führung) hat immer zur Folge, dass sich viele zum Führer berufen fühlen und wenn ihnen keiner Einhalt gebietet spielen sie sich mit der Zeit immer mehr zum Führer auf, bis sie über jeden Angriff erhaben sind.

Durch die stetige Auflösung der altbekannten Werte, wird eine tiefe Unsicherheit in der Gesellschaft erzeugt, die sich auch in der um sich greifenden Moralisierung zeigt. Das entstehende Werte-Vakuum geht einher mit einem Strukturverlust, den man mit vermeintlicher Ordnung ausgleichen will.

Die neue Zeit ist also bestimmt von einem Strukturverlust, der sich über mehrere Aspekte erstreckt. Diese Struktur wird, wenn auch unbewusst, schmerzlich vermisst. Daher suchen einige verzweifelt nach der Neuschaffung einer Struktur. Da sich die Struktur nun schon einmal aufgelöst hat, halten es einige für sinnvoll die neuen Strukturen auch mit den Errungenschaften der Neuzeit zu füllen, was ein durchaus rühmlicher Ansatz ist. Sind doch viele alte christliche Werte voll von Diskriminierung und Frauenverachtung.

Da dieses Zeitalter heute aber geprägt ist von der Gleichberechtigung aller, ist es selbstverständlich, dass diese neuen Werte mit in ein neues Wertesystem fließen sollen. Die Moralfaschisten von heute versuchen auf ihre Art aber das gleiche, was früher gegolten haben muss. Einige wenige erheben ihre Interessen in ein selbtsernanntes Wertesystem und stellen diese Werte als allgemeingültig dar, an die sich fortan jeder zu halten hat. Das das zu genau dem führt, zu dem es früher bereits führte, nämlich zu Einschränkung und Intoleranz, fällt ihnen dabei nicht auf.

Die Welt in alt und neu, gut und böse, schwarz und weiß einzuteilen folgt dem gleichen Ansatz, die auch bei der Schaffung der alten Werte ausschlaggebend gewesen sein müssen. Dogmen und Zwang führen in der Regel nur dazu, dass man sich dagegen auflehnt.

Moralfaschismus – ein Definitionsversuch

Moralfaschismus – ein Begriff, der offiziell nicht existiert, der aber dennoch immer wieder Verwendung findet, gerade in sozialen Netzwerken. Für mich bringt dieser Begriff treffend auf den Punkt, was man ansonsten nur mühsam erklären kann. Denn er beschreibt auch ein Zeitgefühl, dass sicherlich nicht jedem innewohnt aber dennoch sehr aktuell ist.

Wenn ich diesen Begriff in meinen Artikeln verwende, die ich auch in einem Magazin veröffentlichen lasse, wird dieser Begriff nicht übernommen, was verständlich ist, da es eben kein offiziell anerkannter Begriff der deutschen Sprache ist. Dennoch hatte ich mich darüber geärgert, da dieser Begriff einfach die Vollumfänglichkeit des Sachverhaltes in einem Wort ausdrückt. Und auch wenn dieser Begriff selbsterklärend erscheint, muss nicht jedem klar sein, was damit gemeint ist. So hab mich drangemacht, den Begriff in seinen Ursprüngen zu erklären und nachzuforschen, ob man diesen Begriff wirklich so verwenden kann.

Im Grunde ist der Begriff ein übersteigertes Synonym für das Wort Moralisierer. Mit der Moralisierung wird die Betrachtung der Moral dargestellt und ein Moralisierer ist laut Duden jemand, der Moral predigt. Moralisierer sind also die Menschen, die die Moral mit Löffeln gefressen haben wollen und die so gewonnene Vorstellung von der einzig korrekten Moral an jeden weitertragen, der es nicht hören will. Es geht also darum zu missionieren und andere von der eigenen Einstellung zu überzeugen.

Die Moralisierer, die in den letzten Jahren verstärkt Aufsehen erregt haben, wenn auch nur implizit, gehen aber noch eine Stufe weiter. Sie erheben ihre persönlichen Interessen zu allgemeingültigen Werten und sind nicht dazu bereit davon wieder abzurücken. Nehmen wir das Beispiel des gendergerechten Schreibens. Obwohl der Rat für Rechtschreibung sowohl das Binnen-I, die Gender Gap und jüngst auch das Gendersternchen ablehnte, hindert es manche Gruppen nicht, dieses sprachliche Mittel trotzdem zu verwenden. Sie sehen in der Verwendung einzig ihre Ideologie der Schaffung von Geschlechtsneutralität, betrachten aber nicht die kritischen Aspekte, die diese Wortform mit sich bringt (Link Genderwahn). Man kann dieses Verhalten als antidemokratisch und herrschsüchtig bezeichnen.

Einige dieser extremen Moralisierer gehen soweit andere Personen, die ihren Überzeugungen nicht folgen, abzulehnen und sogar abzuwerten. Sie gehen dazu über Menschen, die die offiziell anerkannte Schreibweise verwenden zu verurteilen und ihnen Intoleranz und anti soziales Verhalten vorzuwerfen. Sie lehnen also alles ab, was nicht in ihr Weltbild passt, was ein eindeutig herrschsüchtiges Verhalten ist. Personen aber die dieser moralisierenden Gruppe angehören und die selbsternannten Werte teilen, werden über alle anderen gestellt. Ihnen attestieren sie die einzig wahren guten Menschen zu sein. Allerdings müssen sich die Mitglieder dieser Gruppe uneingeschränkt den Werten beugen, die diese aufgestellt hat. Jedes Mitglied muss diesen Werten treu folgen und darf sich nicht mit einer anders gearteten Meinung erheben. Es gilt eine Art Führerkult, auch wenn es keinen ausgesprochenen Führer gibt. Führer ist die Sache selbst.

Fassen wir also zusammen, wir haben

  • antidemokratisches Verhalten

  • Abwertung Andersdenkender

  • Herrschsucht

  • Erhöhung der eigenen Werte und Gruppe

  • Führerkult

All diese Attribute lassen sich auch auf den Faschismus anwenden. Sicher ist für den ausgesprochenen Faschismus auch die Gewaltbereitschaft ausschlaggebend, die sich physisch hier nicht vorfinden lässt. Dennoch sind genügend Attribute nennbar und damit ist die Begrifflichkeit Moralfaschimus durchaus richtig und angebracht. Da das deutsche Sprachsystem auch generell die Möglichkeit für Neologismen offen lässt, wäre gegen eine Einführung des Begriffes nichts einzuwenden. Er ist grammatisch möglich.

Gerechtigkeit-ein Definitionsversuch

Um sich dem Thema Gerechtigkeit anzunähern, braucht es zuerst einen Ausgangspunkt. Wie kann man ein gerechtes Leben und Sein definieren, wenn doch jeder unterschiedlich damit umgeht? Um eine Definition zu finden, habe ich mir philosophische Ansätze angeschaut. Ich habe mich für zwei Theorien entschieden, die sich in meinen Augen gut ergänzen und leicht verständlich sind.

Da gibt es zum einen den Konstruktivismus und zum anderen John Rawls, ein amerikanischer Philosoph, der mit seiner „Theorie der Gerechtigkeit“ ein einflussreiches Werk der politischen Philosophie verfasst hat. Beide Theorien sind in meinen Augen wichtig, um sich klar zu machen, welche Sachverhalte für die Gerechtigkeit eine Rolle spielen.

Der Konstruktivismus geht in seinen Grundregeln davon aus, dass ein Weltbild immer subjektiv ist und sich jeder seine eigene Wirklichkeit kreiert. Eben so, wie es Pippi Langstrumpf sang: “Ich mache mir die Welt, widewidewie sie mir gefällt”. Eine Wirklichkeit, die für alle gleich ist, gibt es nicht. In dieser Definition der Wirklichkeit geht es aber weniger um das “Was” als vielmehr um das “Wie”. Denn ein Apfel ist optisch und haptisch für jedermann ein Apfel. Aber der Sinn eines Apfels, kann für jeden verschieden sein. Ein Apfel kann für den einen Evas Sündenfall bedeuten, ein anderer sieht darin die Basis für einen Apfelkuchen, den seine Oma immer gebacken hat. So kann ein Mensch, der das alte Testament sehr ernst nimmt, in einem Apfel eine Teufelsfrucht sehen, während ein anderer nicht im Entferntesten daran denkt, dass an einem Apfel irgendetwas Schlechtes sein könnte.

Sollte ein Apfel zwischen diesen beiden Menschen einmal zu einer Diskussion führen, kann man absehen, dass sich beide in diesem Punkt niemals einigen würden, da beide Ansichten ihre Berechtigung haben, aber doch völlig verschieden sind und auch keine Schnittmengen haben. Nur wenn man sich darauf einigt, dass ein Apfel sowohl als auch sein kann, kann man eine endlose Diskussion umgehen.

Man muss also festhalten, dass die Wahrheitsfindung immer durch ein individuelles Weltbild geprägt ist und somit auch immer einzigartig ist. Eine absolute Wahrheit existiert nicht. Jedenfalls nicht, wenn es um den Sinn von Dingen geht.

Wenn es keine absolute Wahrheit gibt, wie kann man dann Gesetze entwickeln, die für jeden gelten?

John Rawls kreierte dafür das Gedankenexperiment um den Schleier des Nichtwissens. Nur ein absolut neutraler und objektiver Mensch kann Entscheidungen treffen, die für alle gelten. Mit dem Schleier ist also ein kognitiver Zustand gemeint, der alle Gedanken und Überlegungen ausschließt, die sich um den Ausgang einer Entscheidung drehen. Mit diesem Zustand ist es möglich eine Entscheidung absolut neutral zu treffen, da man alle eigenen Belange ausklammern kann. Dazu ein Beispiel.

Es muss eine Entscheidung gefällt werden über einen Baum der zwischen zwei Nachbarn steht. Die eine Partei möchte, dass der Baum gefällt wird, die andere Partei will, dass der Baum stehen bleibt. Da der Baum genau in der Mitte wächst, hat keiner der beiden Parteien ein mehrheitliches Vorrecht.

Damit derjenige, der die Entscheidung in diesem Fall trifft, diese Entscheidung auch wirklich unter dem Schleier des Nichtwissens treffen kann, darf er in keinem verwandtschaftlichen oder freundschaftlichen Verhältnis zu den beiden Parteien stehen. Dieser Grundsatz ist durch die Befangenheits Klausel (Recherche) abgedeckt. Weiterhin darf der Entscheidende selbst niemals so einen Fall erlebt haben, da ihn ein solches Erlebnis in seiner Neutralität beeinflussen könnte. Auch darf er keinen Nutzen durch die Entscheidung, die er trifft, haben. Dieser Nutzen ist manigfaltig auslegbar. So darf es keinerlei Bestechung geben, die die Entscheidung beeinflusst, auch das ist in unserem Rechtssystem berücksichtigt. Aber es darf auch keinen gedanklichen Nutzen geben, der den Entscheidenden beeinflussen dürfte. So wäre eine kleine Sympathie mit einer der Parteien schon zu viel, um den Schleier des Nichtwissens wahrlich aufrecht zu erhalten. Es würde schon ausreichen, dass der Entscheidende ein Sympathie für Bäume hätte und schon könnte er nicht mehr objektiv entscheiden.

Der Entscheidende dürfte auchnicht wissen, ob sich, nachdem er die Entscheidung getroffen hat, irgendetwas für ihn ändert und mag die Veränderung auch noch so winzig sein.

Durch den Schleier des Nichtwissens sind alle Bedeutungen, die der Entscheidende sich selbst zuschreibt vergessen, denn nur wenn man keine eigenen Belange in jedweder Art mitbedenken muss, kann man wirklich objektiv und fair beurteilen.

Die Theorie klingt gut aber wenn man alle eigenen Belange ausklammert

keine Bedeutung für sich selbst hat, kann man den Dingen an sich dann noch Bedeutung beimessen? Wie kann ich mir vorstellen, was ein Baum für jemanden bedeutet, wenn ich selbst keine persönliche Bedeutung für ihn habe? – noch bearbeiten

Es gibt also keine absolute Wahrheit und somit kann es auch keine absoluten Gesetze geben. Gerechtigkeit ist also immer nur ein Ausschnitt dessen, was zur Zeit der Definition von den Definierenden in Betracht gezogen wurde. Nur das, was zu dieser Zeit vorstellbar war und auch diejenigen selbst betraf oder schon mal betroffen hatte, konnte zum endgültigen Gesetz führen.

Gerechtigkeit ist also bestimmt von den Erfahrungen eines jeden. Was für mich nicht vorstellbar ist, kann ich auch nicht gerecht bewerten.

Hierin zeigt sich implizit das Drama der modernen globalisierten Welt. Zum einen wird natürlich immer mehr vorstellbar, was kein Drama sondern auch ein Gewinn ist, aber zum anderen heißt das auch, dass Urteile gefällt werden, deren Tragweite man nicht einschätzen kann, da man gar nicht alles kennen was dazu führt. So sagte schon Aristoteles, dass der Maßstab, nach dem eine Gruppe urteilt, von den sozioökonomischen Bedingungen, in welcher sie sich befinden, abhängt.

Wie kann ich beispielsweise gerecht über eine Kultur urteilen, die ich nicht kenne oder von der mir nur oberflächliche Fakten bekannt sind?

Existenziell wichtig für eine Gerechtigkeitsfindung ist es also, möglichst viele Fakten zu kennen und auch selbst ein möglichst offener und auch erfahrener Mensch zu sein, da ein Urteil sonst nicht gerecht ausfallen kann.

Was ist Gerechtigkeit?

  1. Was ist Gerechtigkeit? Was auf den ersten Blick wie eine einfache Frage erscheint, erweist sich beim genaueren Hinsehen als Elferfrage. So hat zwar jeder direkt eine Vorstellung, wenn man ihn nach Gerechtigkeit fragt, aber die eigene Gerechtigkeit lässt sich nicht pauschal verallgemeinern und auch die Gerechtigkeit die von den Gesetzen eines Staates ausgehen, gelten nicht immer als gerecht (man denke an die sogenannten Rechtsverdreher). Wie also kann man hier zu einem Schluss kommen?

Die Frage nach der Gerechtigkeit flammte in mir auf, als ich einen Artikel über einen jungen Beamten namens Ronny las, der wegen einem Bore Out vom Dienst freigestellt wurde und ein Ruhegehalt von 1400 € erhält. Ronny engagiert sich in dieser freien Zeit ehrenamtlich und macht eine Fortbildung, um irgendwann einmal einem Job nachgehen zu können, der für ihn besser ist. Die Überschrift des Artikels lautete „Beamter – Ich spare für meine Beerdigung“.

Mein erster Impuls, bereits während dem Lesen: „Dir würde ich gern mal was vom harten Leben erzählen und ich glaube 1 Millionen andere auch!“ Wut stieg in mir hoch. Die Kommentare unter dem Artikel zeigten, dass es anderen auch so erging wie mir aber es mindestens genau so viele gab, die für Ronny in die Bresche sprangen und ihn nach Leibeskräften verteidigten. Für den Verlauf will ich die beiden Parteien mit Hater (jene, die sich gegen Ronny aussprachen) und Gooder (jene, die sich für Ronny aussprachen) bezeichnen. Ganz besonders interessant fand ich die Kommentare der Gooder, die den Hatern empfahlen doch auch Beamter zu werden, wenn sie mit ihrem Gehalt (z.B. als Pflegekraft) so unzufrieden sind. Auf die Frage, wie sie sich das denn vorstellen, wenn plötzlich alle Pflegekräfte Beamte würden, kam keine wirkliche Antwort mehr.

Nun saß ich da mit meiner Wut und es kam noch mehr Wut dazu, denn ich verstand die Position der Gooder nicht. Wie konnte man nicht sehen, dass es doch zum Himmel schreit, wenn ein Mensch für´s Nichts Tun soviel Geld bekommt, wie beispielsweise eine Pflegekraft für einen Fulltime Job? Da kann der arme Ronny nichts dafür, aber er ist in diesem Moment das Medium für meine Wut. Natürlich sollte man ihn nicht unter Hass Kommentaren begraben, aber sein Schicksal in Frage zu stellen und dabei auch nach anderen Schicksalen zu fragen und darüber zu diskutieren, halte ich sehr wohl für legitim. Aber das scheinen die Gooder anders zu sehen.

Es scheint ein neues Phänomen der Social Media Portale zu sein, dass alle Gooder vereint um ungebremst gegen jeden Hater vorgehen, mag er auch noch so gut argumentieren. Alles, was auch nur im Geringsten nach Hater aussieht, wird angegriffen und scheinbar entkräftet mit Verständnis und Solidarität für die angefeindete Person. Prinzipiell ist das auch eine gute Sache, nachdem die Hater in den letzten Jahren so viel Aufmerksamkeit bekommen haben, aber was mir immer sauer aufstößt, wenn ohne Sinn und Verstand drauf los gepostet wird. Da verbündet sich dann eine Gruppe gegen eine Meinung und jede Personen, die diese Meinung anschließend vertritt, wird zusammen niedergemacht. Da geht es dann nämlich um vieles aber nicht um Gerechtigkeit. Dabei, denke ich mir, ist das Ansinnen vieler Gooder nämlich gerade  die Gerechtigkeit wieder herzustellen, die durch die Hater aus dem Ungleichgewicht geraten zu sein scheint. Was ihnen dabei nicht auffällt ist, dass sie die selben Mittel anwenden wie die Hater und sie sich somit auf die gleiche Stufe stellen wie jene, die sie versuchen zu bekämpfen.

Gerechtigkeit ist ein großes Thema und jeder beschäftigt sich implizit so gut wie jeden Tag damit. Im Job, im Privatleben, einfach in jeder Situation die eine Interaktion mit anderen Menschen erfordert. Permanent wird abgewogen, ob alles auch gerecht oder fair zugeht. In den meisten Fällen wird man sich mit der Umwelt auch schnell einig, wenn es um augenscheinlich „offensichtliche“ Gerechtigkeitsbelange geht. Beispielsweise wenn es darum geht, das ein Kollege im Büro immer bevorzugt wird, obwohl weder seine Leistungen noch sein Verhalten besser ist als das aller anderen. Hier wird man schnell Verständnis von anderen Personen bekommen und ist somit mit seinem Gerechtigkeitsempfinden nicht mehr alleine. Wenn man erst andere gefunden hat, die einen unterstützen, kann man auch leichter seine Gerechtigkeit einfordern. Hat man allerdings einen Punkt gefunden, der einem unfair erscheint, den aber kein anderer nachvollziehen kann, steht man ziemlich alleine da mit seinem Gerechtigkeitsbedürfnis. So ging es wohl lange Zeit vielen Frauen, die sexuelle Übergriffe ertragen mussten. Vielleicht erzählten sie jemandem davon aber sie fanden nicht genügend Personen, die ihr Ungerechtigkeitsempfinden nachvollziehen konnten, also war es auch keine Ungerechtigkeit. Man kann fast sagen, dass Gerechtigkeit erst dann entsteht, wenn viele das Gleiche sehen.

So kam ich zum Thema Gerechtigkeit und musste feststellen, dass es allenfalls eine subjektive Gerechtigkeit gibt. Dennoch möchte ich versuchen, eine Annäherung an das Thema zu finden und werde das mit mehreren Texten tun. „Was ist Gerechtigkeit“ wird eine Serie, in der ich mich mit verschiedenen Themen im Bezug auf Gerechtigkeit beschäftigen möchte.

 

 

Leben wir in einer Demokratie?

Ist die Demokratie der westlichen Welt noch glaub- und vertrauenswürdig? Nach dem Brexit und der Wahl Donald Trumps zum neuen Präsidenten der USA hat die Demokratie in den Augen vieler an Wert verloren. Trotz demokratischer Wahlen, in der sich die Mehrheit für den Brexit und Donald Trump entschieden haben, schlagen allerorts Menschen die Hände über dem Kopf zusammen und beschwören angesichts dieser Ereignisse den Niedergang der Demokratie herauf. Wie nur konnten die Wähler es zulassen, dass solch unvernünftige Entscheidungen getroffen wurden, heißt es.

Auch in Deutschland hadert man mit den Meinungen von Teilen der Bevölkerung, insbesondere den AfD-Wählern. Wenn sich so viele Wähler auf diese „Bauernfänger“ einlassen, kann man ihnen dann überhaupt noch eine Wahl anvertrauen? Manche Politiker zweifeln an der Mündigkeit der Wähler oder appellieren an sie, die eigene Stimme nicht zu verschenken an eine Partei wie die AFD.

Schon vor Jahren hatte der damalige Frankfurter FDP-Chef Dirk Pfeil seine Zweifel an der Wahlmündigkeit der Wähler artikuliert. In einem Interview sagt er der Frankfurter Neuen Presse: „Es ist schlimm, dass die Mehrheit der Bevölkerung keine politische Bildung genossen hat. Die Masse ist meinungslos, sprachlos.” Auf die Frage, ob die Wähler zu ungebildet sind, um die FDP zu verstehen, antwortet er: „Die Masse ja.” Außerdem verzweifle er „am mangelnden Willen der Wähler, sich ein bisschen schlauer zu machen.

Zunehmend gilt der Wähler als wahlunmündig. Er informiert sich nicht und verschenkt seine Stimme an Populisten. Dabei sind es meist nicht alle Wähler, die in Verdacht stehen, „falsch“ zu votieren. Es sind bestimmte Gruppen die verantwortlich gemacht werden für das Übel. Schuld sind die Alten und Ungebildeten, sowohl an der AfD als auch am Brexit und an Donald Trump. Analysen, die Aufschluss darüber geben, wer wen wählt, sind populär wie nie. Das Interesse daran wächst und es scheint, als würde verzweifelt nach einem Sündenbock gesucht, der für diese politischen Entwicklungen verantwortlich gemacht werden kann.In sozialen Netzwerken und auch in der Öffentlichkeit ist das Bashing der vermeintlich Schuldigen groß. AfD-Anhänger werden von Profilen in den Sozialen Medien verbannt und bei öffentlichen Veranstaltungen der AfD beschimpft und bedrängt.7Trump- Anhänger werden erst recht geächtet, so wie im Falle eines Essener Burgerbuden-Betreibers. Ihm gehen die Kunden aus, seit er öffentlich Trump seine Sympathie erklärt hat.8Es gibt in den Augen vieler zwei Arten von Wählern: gute und schlechte. Die Guten klopfen sich auf die Schulter und loben sich dafür, das einzig Richtige zu tun. Die Bösen werden beschimpft, ausgeschlossen und zur nationalen Bedrohung hochstilisiert. Mittels eines Sündenbocks lassen sich alle Probleme leicht erklären. Wie es allerdings zu den Problemen gekommen ist und was sich dagegen tun ließe, bleibt dabei aus. Die Ursachen für genannten Wahlentscheidungen werden zwar von den Medien immer wieder thematisiert, ein Umgang damit aber nicht oder nur zögerlich gefunden.9Sowohl bei der amerikanischen Präsidentschaftswahl wie auch beim Brexit resultierte die Entscheidung auch aus verletzten Gemütern und einen über jahrzehntelange entstandenen Verdruss über Politik und die Landesführung. Viele fühlten sich von der etablierten Politik nicht repräsentiert und verstanden. Sie hatten das Gefühl bei politischen Alleingängen des Staates übergangen zu werden, wie im Beispiel der Flüchtlingskrise (die auch genutzt wurde, um in Großbritannien und in den USA Stimmung gegen Einwanderer zu machen).10Das hatte ein Großteil der Bevölkerung satt. Protest wurde laut und wenn einzelne Stimmen nicht gehört werden, suchen sie sich einen, der ihnen eine Stimme gibt. Ungeachtet dessen, ob dieser dann auch in Gänze fähig und willens wäre, die Interessen dieser Stimmen durchzusetzen. Die jahrelang entstandene Wut verlangte nach Entladung und daher war es sowohl für die Brexit-Frontleute als auch für Donald Trump ein Leichtes, dieser Stimme Gewicht zu verleihen. Sie sprachen dem wütenden Bürger mit ihren Worten und ihren Argumenten aus der Seele und bekamen den Zuspruch jener, die sich jahrelang nicht gehört und beachtet fühlten.

Die jeweilige Wählermehrheit mag als wütend und verdrossen beschreiben, als dumm und ungebildet sollte man sie nicht betrachten. Sie wollten wieder eine Stimme haben, sie wollten etwas bewegen können, und sei es durch eine sehr kontroverse Entscheidung.

Statt der Mehrheit abzusprechen, wahlfähig zu sein geht es vielmehr darum, die Bürger mehr in demokratische Entscheide mit einzubinden. Viel früher und transparenter und nicht erst dann, wenn nichts mehr zu retten ist. Eine Demokratie kann nur funktionieren, wenn alle Beteiligten eine Stimme haben und die Entscheidungen im Sinne der Mehrheit getroffen werden.

Wenn sich wichtige Teile des Volkes nicht richtig vertreten fühlen, rächen sie sich, und es ist an der Politik, ihr Vertrauen zurückzugewinnen. Aber wie kann das gehen? Jeder Staat legt Demokratie anders aus. In der Schweiz gibt es eine direkte Demokratie. Die Stimmbürger aller Gemeinden, Kantonen und Bundesstaaten gelten als oberste Gewalt und entscheiden in Sachfragen abschließend. Viermal jährlich finden Volksabstimmungen statt, in welcher die Bürger in bis zu zehn Entscheiden über Sachfragen, Gesetze und auch über Haushaltsvorschläge abstimmen können. Die direkte Demokratie gehört zu den eine der beliebtesten Grundlagen des Schweizer politischen Systems.

Direkte Demokratie wird attraktiv. Das Bedürfnis der Bürger nach mehr Selbstbestimmung in politischen Fragen wächst. Auch andere Länder lassen vermehrt Sachverhalte per Volksentscheid zu. Der deutsche EU-Parlamentsabgeordnete und Mitbegründer des Vereins „Mehr Demokratie”, Gerald Häfner (Grüne) befürwortet diese Entwicklung. Er sieht aber auch die Schwachstellen in den Volksentscheiden anderer Länder. Denn worüber abgestimmt wird, wird von oben entschieden, während in der Schweiz fakultative Referenden und Volksinitiativen von den Bürgern ausgehen. Über welche Themen abgestimmt wird, liegt hier nicht in den Händen der politischen Repräsentanten. Nach Häfner kann direkte Demokratie nur funktionieren, wenn sowohl der abzustimmende Sachverhalt als auch die Abstimmung vom Volk ausgeht oder ausgehen kann. Volksabstimmungen wie sie z.B. in Großbritannien durchgeführt wurden, sind in seinen Augen nur ein taktisches Mittel zur Bestätigung der Machthabenden und haben mit wirklicher Mitbestimmung der Bürger wenig zu tun. Auch der Politikwissenschaftler David Altmann sieht in dieser Art der Volksabstimmung eher einen schädlichen als einen wirklich demokratischen Geist.

Ein gutes Beispiel hierfür ist der Brexit. David Cameron, ein Mann dem sein politischer Aufstieg mit Hilfe seines Europa Skeptizismus gelang, der aber eigentlich ein Modernisierer sein wollte. Seine europaskeptische Partei hat ihm zu dem verholfen was er geworden war, mit Parteivorsitz in Brüssel. Er konnte nicht einfach kehrt machen und sagen “Europa ist eine super Sache”. Er war seiner Partei etwas schuldig. Als der Druck zu hoch wurde, tat er was wohl jeder tut, der in die Enge getrieben wird. Er versuchte sich daraus zu befreien und das tat er mit einem, in seinen Augen, sicheren Mittel, denn es war nicht damit zu rechnen, dass dieser Umstand wirklich jemals eintreten würde. Er gab das Versprechen, sollte er alleiniger Entscheider sein, würde er ein Referendum aufstellen über den Verbleib Großbritanniens in der EU. Aber es kam alles anders. Er hatte weiterhin Erfolg, die Konservativen gewannen die absolute Mehrheit und Cameron war Alleinentscheider. Nun musste er sein Versprechen einhalten und das Referendum zu lassen.

Als es Cameron zu viel wurde, sprang Boris Johnson auf den Brexit auf und auch er nutzte diesen für seine Zwecke. Beide, Cameron und Johnson hatten nicht damit gerechnet dass ihr Volk  wirklich mit einem “Ja” stimmen könnte. Aber sie taten es!

David van Reybrouck, ein belgischer Historiker und Gegner des westlichen Wahlsystems, sieht im Brexit das demokratische Versagen der momentanen Form der Demokratie. Politiker die politische Entscheidungen instrumentalisieren für ihre eigenen Zwecke, Medien die nicht richtig aufklären und ein Volk das frustriert ist von der herrschenden Politik. Sie lassen sich fangen von Populisten, die ihnen sagen was sie hören wollen, richtige Inhalte kommen aber nicht an bei den Wählern. So treffen sie eine Wahlentscheidung  mit ungenauer Wissensgrundlage. Van Reybrouck sieht in den vorherrschenden demokratischen Wahlen ein primitives Instrument. Er sieht die Macht nicht beim Volk, sondern bei den Medien und den Parteien. Die Medien beeinflussen und prägen die politischen Debatten und die führenden Parteien nutzen ihren Hoheitsanspruch aus. Mit Nähe zum Bürger hat das wenig zu tun, zumal Parteien und Bundespolitiker nicht vertrauenswürdig erscheinen. Das Vertrauen in die deutschen Spitzenpolitiker bewegt sich prozentual gesehen im einstelligen Bereich.14Mehr Vertrauen wird den Landespolitikern entgegengebracht. Man kann mutmaßen, dass das auch an der direkten Nähe zum Bürger liegt.

Auf Bundesebene werden Wähler in van Reybroucks Augen wie „Wahlvieh“ behandelt. Sie sollen ihre Stimme abgeben, werden aber den Rest der Legislaturperiode nicht für voll genommen. Wähler sollten aber wie Erwachsene behandelt werden, nur dann fühlen sie sich auch ernst genommen und es kann eine wirkliche Macht vom gesamten Volk ausgehen.

Mit G1000 hat van Reybrouck ein Wahlsystem gegründet, was auf Rousseau und Montesquie zurückgeht. Das System funktioniert durch Losentscheid. Van Reybrouck hat es bereits getestet. In einem offenen Verfahren, dass online ausgetragen wurde und an dem alle Bürger Belgiens teilnehmen konnten, wird die Tagesordnung bestimmt. Die Punkte werden somit mehrheitlich entschieden und nicht von den Organisatoren vorgegeben. Nach Abschluss der Umfrage wurden 1000 Menschen eingeladen, um auf einer Tagung über die beschlossenen Themen zu diskutieren. Ausgewählt wurden Menschen aus allen Schichten, ungeachtet welchen Hintergrund und Lebensweise sie hatten. Mediatoren leiteten die Diskussion, so das alle Meinungen gehört wurden und mit in die endgültige Entscheidung mit einfließen konnten. Es war ein erfolgreiches Unterfangen, auch wenn nur 700 der 1000 Ausgewählten erschien. Arbeiter, Akademiker und Obdachlose saßen zusammen und berieten über Themen wie den Sozialstaat, Migration und andere politische Themen und das in respektvollem Miteinander. Für alle Teilnehmer war es eine außergewöhnliche Erfahrung, die sie sicher zum Nachdenken brachte.15Mit der Politik ist es ein bisschen wie mit der Schule. Lernen ist etwas ganz Natürliches,was jeden Menschen erfüllt und erfreut, wenn er es in einem anregenden Umfeld tun kann. Politik und somit Entscheidungen die über die Geschicke der Gemeinschaft abstimmen ist ebenfalls etwas ganz Natürliches und Spannendes, wenn man alle Beteiligten mit einbezieht, ihnen eine Stimme gibt. Wenn man die Stimmen aber kastriert und sie immer wieder enttäuscht, dann verlieren sie ihre Lust daran, konstruktiv mitzuwirken, wie es von ihnen verlangt wird. Es geht also darum, den Ausgangszustand wieder herzustellen. Jeder sollte tun dürfen was ihm zusteht. Nur so ist es möglich die Gesellschaft als Ganzes zu heilen, wie es der Philosoph Kwasi Wireda ausdrückt.

1https://www.welt.de/politik/deutschland/article157651667/Wie-die-AfD-von-der-Panik-der-Parteien-profitiert.html

2

3http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/brexit/wahl-analyse-die-alten-waehlten-den-brexit-14301861.html

4http://www.spiegel.de/politik/ausland/ergebnis-us-wahl-2016-jung-waehlt-clinton-alt-waehlt-trump-a-1120396.html

5http://www.spektrum.de/news/wer-waehlt-die-afd-und-warum/1423189

6https://causa.tagesspiegel.de/politik/wie-zuverlaessig-sind-meinungsumfragen-noch/gute-meinungsforschung-schlechte-meinungsforschung.html

7https://www.welt.de/politik/deutschland/article162542799/Wahlkampf-Auftakt-wird-zum-Spiessrutenlauf-fuer-AfD-Anhaenger.html

8http://www.focus.de/kultur/kino_tv/geht-er-bald-pleite-nach-trump-bekenntnis-essener-burger-laden-chef-laufen-die-gaeste-davon_id_6651335.html

9http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/kanzlerin-angela-merkel-will-staerker-auf-afd-waehler-zugehen-14212858.html

10http://www.stern.de/politik/deutschland/angela-merkels-alleingang-in-der-fluechtlingspolitik-und-seine-folgen-7033820.html

11http://www.planet-wissen.de/kultur/mitteleuropa/urlaubsland_schweiz/pwiedirektedemokratieinderschweiz100.html

12http://www.luzernerzeitung.ch/nachrichten/schweiz/Direkte-Demokratie-liegt-im-Trend;art9641,955343

13https://www.welt.de/politik/ausland/article156514452/Wie-David-Cameron-versehentlich-Europa-opferte.html

14https://de.statista.com/statistik/daten/studie/191776/umfrage/vertrauen-in-politiker/

15http://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/sonntag/david-van-reybrouck-die-rolle-der-lobbyisten-in-bruessel/9941860-2.html

Vom verlorenen Körpergefühl und vom inneren Kapitalismus

Was ist mit den Menschen der westlichen Welt geworden? Oder eher aus ihrem Gefühl zu sich selbst? Das eigene Körpergefühl scheint aus der Mode geraten zu sein (wenn es überhaupt jemals in Mode war). Es geht nicht mehr darum sich wirklich wohlzufühlen, sondern darum möglichst viel zu tun, was den Stempel Wohlfühlcharakter hat. Immer getreu nach dem Motto; je mehr, je besser.

Dazu habe ich heute morgen in der Süddeutschen gelesen: „Todesursache Wasser trinken“ und „Gereizt, gerissen, verspannt-Trendsport Yoga und seine Risiken.“

Beide Artikel belegen grandios wie gerade angeblich Körper bewusste Menschen sich und ihr eigenes Wohlbefinden völlig aus den Augen verloren haben. Im 1. Artikel ging es um Marathon Läufer, die so viel Wasser trinken, dass ihr Körper überschwemmt wird vom Wasser. Durch den so entstehenden Salzmangel kann Wasser ungehemmt in die Zellen schwemmen und diese anschwellen lassen. In Fachsprache nennt man das Hyponatriämie. Wenn diese Flüssigkeitsverschiebung auch das Gehirn betrifft, kann es zu einem Hirnödem mit steigendem Hirndruck kommen, was zum Tod führen kann.

Im anderen Artikel ging es darum, dass Menschen durch Yoga starke Schmerzen bekommen. Durch entzündete Nerven und überstrapazierte Bänder. Yoga als exzessiv Sport. Exzessiv zur Entspannung und inneren Gelassenheit quasi. Dass das ein Trugschluss ist, sollte jedem klar sein – ist es aber nicht.

Beide Artikel beschäftigen sich mit sportbegeisterten und gesundheitsbewussten Menschen. Denn beide Gruppen handeln im festen Glauben etwas Gutes für ihren Körper zu tun. Der Marathon Läufer will durch die extremen Mengen Wasser der Entwässerung des Körpers, durch die Extrembelastung vorbeugen. Denn wir alle haben ja gelernt, dass man dem Körper viel Wasser zuführen muss und das vor allem bei besonderen Belastungen. Wenn der Körper einer Extrembelastung ausgesetzt wird scheint dann die logische Schlußfolgerung zu sein: Lieber zu viel als zu wenig.

Ein ähnlicher Ansporn scheint auch jene Yoga-Begeisterte gepackt zu haben, die sich statt der erhofften Erholung und Entspannung, Muskelrisse und Verspannungen zuziehen. Sie können den Sport nicht mehr als das betrachten, was er eigentlich sein soll. Sie finden in ihm nicht den Weg zur geistigen und körperlichen Mitte, sondern erleben in ihm nur das Gleiche was bereits im Alltag vorherrscht – nur was man exzessiv betreibt, kann auch den erwünschten Nutzen bringen. Und in beiden Fällen ist den Menschen etwas ganz Entscheidendes abhanden gekommen: ihr eigenes Körpergefühl! Der gesundheitsbewusste Mensch von heute hört nicht mehr auf sich selbst, sondern auf das, was ihm Ratgeber, Fachzeitschriften, Life Style Magazine oä. anpreisen. Viel trinken ist gesund also kann noch mehr ja absolut nicht verkehrt sein. Die eigene Stimme, eigene Signale werden ausgeblendet und übergangen: „Körper halt die Klappe, ich tu dir gerade was Gutes.“

Mir bleibt immer die Luft weg, wenn ich von Fällen wie diesen höre oder lese. Gerade wenn es um Leute geht, die im festen Glauben sind sich gerade etwas Gutes zu tun. Es ist ein Sinnbild unserer Leistungsgesellschaft, in der es vor allem darum geht eben nicht auf sich selbst zu hören, sondern auf das, was einem gesagt wird. Blindes Befolgen von Regeln, die einem gesetzt werden.

Das Perfide ist, dieser Leistungsdruck kommt heute nicht mehr nur noch aus den Mündern der anderen. Es geht nicht mehr nur noch darum, was andere von einem erwarten sondern vor allem was man von sich selbst erwartet. Dazu braucht es keine Chefs, Kollegen, Freunde oder Familie die einem diesen Floh ins Ohr setzen. Nein, das ganze spielt sich mehr und mehr in den eigenen Köpfen ab. Getrieben vom medialen Wahn der individuellen Optimierung. „Ich will nicht nur eine gute Arbeit mit super Aufstiegschancen haben, ich will auch selbst immer weiter aufsteigen, mit meinen Hobbys mit meinen Kindern, mit meinem Körper, mit meinem Geist.“ Das Credo des Kapitalismus ist auch in den Köpfen der Menschen angekommen – nur durch stetiges Wachstum kann das System bestehen. Stillstand kann nicht geduldet werden, bzw. bringt das System zum Erliegen. Also muss man sich weiter optimieren, weiter wachsen und weiter konsumieren und genau wie im Kapitalismus bleiben grundlegende Ressourcen auf der Strecke; in diesem Fall das Gefühl für sich selbst. Geopfert für den stetigen Aufstieg. Anfangs ist es leicht dieses Opfer zu bringen, denn es wehrt sich nur zaghaft. Erst mit der Zeit wird es massiver, bis es sich in die Unerträglichkeit hineinsteigert. Aber bis dahin verbindet man dieses Unerträgliche schon gar nicht mehr mit seiner eigentlichen Ursache. Man hat dann also eine Wirkung dessen Ursache einem gänzlich fremd ist und schon sind wir angekommen, bei den Leiden des 21. Jahrhunderts. Da braucht es gar keine akuten Manifestationen wie eine Hyponatriämie oder eine gerissene Sehne. Hier geht es um die Volkskrankheiten der heutigen Zeit Depressionen, Migräne, Süchte und was man noch alles auf Überanstrengung und Überreizung zurückführen kann.

Was also tun um einen Weg zu sich zurückzufinden, wenn selbst die eigentlichen Entspannungsbringer wie Yoga nicht mehr funktionieren? Es ist eigentlich ganz einfach und doch scheint es für viele unerreichbar. Es geht hier eben nicht darum, Leistung zu bringen! Kontakt zu sich selbst herstellen sollte das Ziel sein. Aber vielleicht ist es auch genau das, wovor viele Angst haben. Denn das hieße, dass sie sich unter Umständen ändern müssten und sie haben doch alles dafür getan, um sich dahin zu bringen, wo sie jetzt sind. Und so schließt sich der Kreis aus Wachstum und Selbstoptimierung der vergessen will, dass alles endlich ist und zum Wachsen auch öfter mal die Stagnation gehört.