#DHMDemokratie- Was alle angeht, sollten auch alle entscheiden dürfen

Im Rahmen der Blogparade #DHMDemokratie des Deutschen Historischen Museums, möchte auch ich einen Beitrag zu meiner Vorstellung von Demokratie teilen.

Was alle angeht, sollten auch alle entscheiden dürfen

Demokratie – altgriechisch δημοκρατία für ‚Herrschaft des Staatsvolkes‘. Im Ursprung des Wortes ist noch erkennbar, wofür diese Herrschaftsform steht, nämlich das Macht und Regierung vom Volk ausgeht. Wenn ich mir die heutige politische Landschaft anschaue, habe ich nicht das Gefühl, dass Macht und die Regierung vom Volk ausgehen und ich denke ich bin mit dieser Ansicht nicht alleine. 

Es gibt verschiedene Strömungen zu diesem Thema. So gibt es die Bürger, die sich mehr Mitbestimmung wünschen und für mehr Volksentscheide sind. Dann gibt es die Gegner, die dem Wahlvolk Unwissenheit und Unvernunft unterstellen und sie damit für unfähig halten. Als Argumente für diese Einstellung werden dann gerne der Brexit herangeführt und auch der zunehmende Zulauf zu rechtspopulistischen Parteien. Das die Ursachen hierfür in mangelnder Mitbestimmung begründet liegen könnten, scheint nur wenigen einzufallen.

Ein großes Hadern um die Wählerschaft macht sich breit. Insbesondere sorgt man sich um die Wähler von AfD oder rechtspopulistischen Parteien. Wenn sich so viele Wähler auf diese „Bauernfänger“ einlassen, kann man ihnen dann überhaupt noch eine Wahl anvertrauen? Manche Politiker zweifeln an der Mündigkeit der Wähler, da sie nicht das wählen was von ihnen erwartet wird. Das Erschwachen der etablierten Parteien wird besorgt beobachtet und die Gründe hierfür werden offenbar in der einfachsten aller Möglichkeiten gesucht, nämlich in der Torheit der Wähler.

“Die Masse ist meinungslos”

Schon vor Jahren hatte der damalige Frankfurter FDP-Chef Dirk Pfeil seine Zweifel an der Wahlmündigkeit der Wähler artikuliert. In einem Interview sagt er der Frankfurter Neuen Presse: „Es ist schlimm, dass die Mehrheit der Bevölkerung keine politische Bildung genossen hat. Die Masse ist meinungslos, sprachlos.” Auf die Frage, ob die Wähler zu ungebildet sind, um die FDP zu verstehen, antwortet er: „Die Masse ja.” Außerdem verzweifle er „am mangelnden Willen der Wähler, sich ein bisschen schlauer zu machen.” 

Wie man die Wähler “schlauer” machen könnte, darauf habe ich keine Antwort gefunden. Die Option, die eigene Politik für jeden verständlich zu machen, anstatt sie hinter endlosen unverständlichen Phrasen zu verstecken, besteht und würde in meinen Augen Sinn machen. Bisher muss man teilweise lange suchen, bis man verständliche Inhalte der großen Parteien findet.

Bisher werden Wähler gerne in zwei Arten eingeteilt: die Gute und die Schlechten. Die Guten klopfen sich auf die Schulter und loben sich dafür, das einzig Richtige zu tun. Die Bösen werden beschimpft, ausgeschlossen und zur nationalen Bedrohung hochstilisiert. Mittels eines Sündenbocks lassen sich alle Probleme leicht erklären. Wie es allerdings zu den Problemen gekommen ist und was sich dagegen tun ließe, bleibt dabei aus. Die Ursachen für genannte Wahlentscheidungen werden zwar von den Medien immer wieder thematisiert, ein Umgang damit aber nicht oder nur zögerlich gefunden.

Wie verletzte Gemüter zur Bedrohung werden

Warum es zum Erstarken von rechtspopulistischen Parteien oder vermasselten Volksentscheiden wie dem Brexit kommen konnte, resultiert auch aus verletzten Gemütern und einen über jahrzehntelange entstandenen Verdruss über Politik und die Landesführung. Viele fühlten sich von der etablierten Politik nicht repräsentiert und verstanden. Sie hatten das Gefühl bei politischen Alleingängen des Staates übergangen zu werden, wie im Beispiel der Flüchtlingskrise. Das hatte ein Teil der Bevölkerung satt. Protest wurde laut und wenn einzelne Stimmen nicht gehört werden, suchen sie sich einen, der ihnen eine Stimme gibt. Ungeachtet dessen, ob dieser dann auch in Gänze fähig und willens wäre, die Interessen dieser Stimmen durchzusetzen. Die jahrelang entstandene Wut verlangte nach Entladung und daher war und ist es ein leichtes für patriotische und rechte Parteien dieser Stimme Gewicht zu verleihen. Sie sprachen und sprechen dem wütenden Bürger mit ihren Worten und ihren Argumenten aus der Seele und bekommen den Zuspruch jener, die sich jahrelang nicht gehört und beachtet gefühlt haben. 

Diese Wähler mag man als wütend und verdrossen beschreiben, als dumm und ungebildet sollte man sie nicht betrachten. Sie wollten wieder eine Stimme haben, sie wollten etwas bewegen können, und sei es durch eine sehr kontroverse Entscheidung.

Statt der Mehrheit abzusprechen, wahlfähig zu sein geht es vielmehr darum, die Bürger ernst zu nehmen in ihrem Wunsch nach mehr Mitbestimmung. Man sollte sie mehr einbinden in politisches Tun und in demokratische Entscheidungsprozesse. Viel früher und transparenter und nicht erst dann, wenn nichts mehr zu retten ist. Eine Demokratie kann nur funktionieren, wenn alle Beteiligten eine Stimme haben und die Entscheidungen im Sinne der Mehrheit getroffen werden kann.

Direkte Demokratie als Alternative?

Wenn sich wichtige Teile des Volkes nicht richtig vertreten fühlen, rächen sie sich, und es ist an der etablierten Politik, ihr Vertrauen zurückzugewinnen. Aber wie kann das gehen? Könnte direkte Demokratie eine Lösung sein? Wie direkte Demokratie aussehen könnte, kann man sich am Beispiel der Schweiz ansehen. Die Stimmbürger aller Gemeinden, Kantonen und Bundesstaaten gelten als oberste Gewalt und entscheiden in Sachfragen abschließend. Viermal jährlich finden Volksabstimmungen statt, in welcher die Bürger in bis zu zehn Entscheiden über Sachfragen, Gesetze und auch über Haushaltsvorschläge abstimmen können. Diese Demokratieform gehört zu den beliebtesten Grundlagen des politischen Systems in der Schweiz. 

Direkte Demokratie wird attraktiv. Das Bedürfnis der Bürger nach mehr Selbstbestimmung in politischen Fragen wächst. Auch andere Länder lassen vermehrt Sachverhalte per Volksentscheid zu. Der deutsche EU-Parlamentsabgeordnete und Mitbegründer des Vereins „Mehr Demokratie”, Gerald Häfner (Grüne) befürwortet diese Entwicklung. Er sieht aber auch die Schwachstellen in den Volksentscheiden anderer Länder. Denn worüber abgestimmt wird, wird von oben entschieden, während in der Schweiz fakultative Referenden und Volksinitiativen von den Bürgern ausgehen. Über welche Themen abgestimmt wird, liegt hier nicht in den Händen der politischen Repräsentanten. Nach Häfner kann direkte Demokratie nur funktionieren, wenn sowohl der abzustimmende Sachverhalt als auch die Abstimmung vom Volk ausgeht oder ausgehen kann. Volksabstimmungen wie sie z.B. in Großbritannien durchgeführt wurden (Brexit), sind in seinen Augen nur ein taktisches Mittel zur Bestätigung der Machthabenden und haben mit wirklicher Mitbestimmung der Bürger wenig zu tun. Auch der Politikwissenschaftler David Altmann sieht in dieser Art der Volksabstimmung eher einen schädlichen als einen wirklich demokratischen Geist.

David van Reybrouck, ein belgischer Schriftsteller und Historiker, sieht im Brexit das demokratische Versagen der vorherrschenden Demokratie. Politiker, die politische Entscheidungen instrumentalisieren für ihre eigenen Zwecke, Medien, die nicht richtig aufklären und ein Volk, das frustriert ist von der vorherrschenden Politik. Sie lassen sich fangen von Populisten, die ihnen sagen was sie hören wollen, richtige Inhalte kommen aber nicht an bei den Wählern. So treffen sie eine Wahlentscheidung  auf ungenauer Wissensgrundlage. Van Reybrouck sieht in den vorherrschenden demokratischen Wahlen ein primitives Instrument. Er sieht die Macht nicht beim Volk, sondern bei den Medien und den Parteien. Die Medien beeinflussen und prägen die politischen Debatten und die führenden Parteien nutzen ihren Hoheitsanspruch aus. Mit Nähe zum Bürger hat das wenig zu tun, zumal Parteien und Bundespolitiker nicht vertrauenswürdig erscheinen. Das Vertrauen in die deutschen Spitzenpolitiker bewegt sich prozentual gesehen im einstelligen Bereich. Mehr Vertrauen wird den Landes- und Kommunalpolitikern entgegengebracht. Man kann mutmaßen, dass das auch an der größeren Nähe zum Bürger liegt. 

Auf Bundesebene werden Wähler in van Reybroucks Augen wie „Wahlvieh“ behandelt. Sie sollen ihre Stimme abgeben, werden aber den Rest der Legislaturperiode nicht für voll genommen. Wähler sollten aber wie Erwachsene behandelt werden, nur dann fühlen sie sich auch ernst genommen und es kann eine wirkliche Macht vom gesamten Volk ausgehen.

Das Wahlsystem G1000

David van Reybrouck hat ein Wahlsystem begründet, namens “G1000”, welches auf Rousseau und Montesquieu zurückgeht. Das System funktioniert durch Losentscheid. 

Van Reybrouck hat es bereits getestet. In einem offenen Verfahren, dass online ausgetragen wurde und an dem alle Bürger Belgiens teilnehmen konnten, wurde die Tagesordnung von allen Teilnehmern bestimmt. Die Punkte wurden somit mehrheitlich entschieden und nicht von den Organisatoren vorgegeben. Nach Abschluss der Umfrage wurden 1000 Menschen eingeladen, um auf einer Tagung über die beschlossenen Themen zu diskutieren. Ausgewählt wurden Menschen aus allen Schichten, ungeachtet welchen Hintergrund und Lebensweise sie hatten. Mediatoren leiteten die Diskussion, so das alle Meinungen gehört wurden und mit in die endgültige Entscheidung einfließen konnten. Es war ein erfolgreiches Unterfangen, auch wenn “nur” 700 der 1000 Ausgewählten erschien. Arbeiter, Akademiker und Obdachlose saßen zusammen und berieten über Themen wie den Sozialstaat, Migration und andere politische Themen und das in respektvollem Miteinander. Es war für die Teilnehmenden eine außergewöhnliche Erfahrung, die ihnen zeigte, wie Politik funktionieren kann.

Wenn Einzelne entscheiden, dass Dinge nur unter wenigen entschieden werden dürfen, ist es fast logische Schlussfolgerung, dass sich die Ausgeschlossenen auch ausgeschlossen fühlen. Sie für zu unfähig zu erklären, ohne Ihnen eine realistische Chance gegeben zu haben sich zu beteiligen, ist keine Option wenn man Bestand haben möchte. 

So kann man es mit Max Frisch sagen:

“Was alle angeht, können nur alle lösen.

Jeder Versuch eines Einzelnen oder einer Gruppe,

für sich zu lösen, was alle angeht,

muss scheitern.”

Moralfaschismus als Zeichen der Unsicherheit

“Weltverbesserer”. Ein Wort was so viel Hoffnung in sich birgt. Der Wunsch, diese Welt zu einem besseren Ort zu machen. Wer wünscht sich das nicht? Gerade in diesen unsicheren Zeiten. Die Welt scheint so verletzlich zu sein. Terroranschläge erschüttern die Menschen rund um den Globus. Große Machthaber machen aus der Politik eine Art Monopoly Spiel, schaut man sich beispielsweise das Handeln Donald Trumps oder die Ursachen des Brexits an.

Jene, die sich dieses Wort Weltverbesserer auf die Fahne schreiben, verfolgen ein ehrbares Ziel! Wenn jeder Einzelne etwas tut, ist der Schritt zu einer besseren Welt nicht mehr weit. Die Frage ist nur, ob die gestellten Forderungen dies tatsächlich bewirken können?!

Es ist zu einem Lebensgefühl geworden, dieses Weltverbessern. Von allen Seiten wird man dazu aufgefordert, ethisch zu denken und zu handeln. Der gute Zweck lockt von überall und ruft uns zu: Tust du etwas für andere, so tust du etwas für dich selbst! Wenn du weltoffen bist und dich um die Umwelt sorgst, so bist du ein besserer Mensch.

Aber nicht nur für andere soll man gut leben und handeln, auch für sich selbst wird die Art der Lebensweise immer wichtiger. “Lebe gesund” ist zur Verbindlichkeit geworden. Gesundheit ist schon lange keine reine Privatsache mehr. Nachdem das Rauchverbot, das 2008 erlassen wurde, einen so guten Verlauf genommen hat (laut Statistik hat die Anzahl der Raucher hat in den letzten 10 Jahren stetig abgenommen), sieht sich die Politik in der Verantwortung auch weiterhin für das Wohl der Bürger einzutreten (aktuell in der Diskussion um die die industrielle Beschränkung von Salz und Zucker).

Optimiert Euch selbst und wenn ihr das nicht wollt, machen wir es per Gesetz(!) scheint die unterschwellige Botschaft zu sein.

Selbstoptimierung. Ethisch wie gesundheitlich. Super! Viele wollen genau das. Aber so viel man auch versucht um all das zu erlangen, wirklich zufrieden ist man nie. Zu groß sind die Ansprüche, die gestellt werden. Jeder weiß, dass er auch mit der größten Anstrengung kein klimaneutrales Leben leben kann. Auch kann er es nicht vermeiden, dass auf der Welt Menschen oder Tiere für das eigene Leben ausgebeutet werden. Und auch die gesunde Ernährung gelingt den allermeisten nicht genau so, wie es all die Ratgeber empfehlen. Was bleibt, ist das schlechte Gewissen, “ich soll, aber ich kann nicht”. Man kann sich dagegen wehren und es in sein Unbewusstes verschieben, aber doch ist es da und nagt eine tiefe Kerbe ins Gewissen.

Die ermahnenden Aufforderungen an ein ethisches Leben fallen auf fruchtbaren Boden. Unsicherheit ist schon lange ein stetiger Begleiter in der Gesellschaft. Aber diese Unsicherheit entstand nicht erst, nachdem der Grundsatz der Selbstoptimierung Einzug gehalten hat. Sie ist nur ein Resultat davon.

Wir leben in einer Wirrwarr-Welt (www), mitbegründet durch den rasanten Fortschritt der Globalisierung und des Internets. Vieles, was lange Bestand hatte, verliert seinen Wert. Traditionen haben ihren Sinn verloren, auch durch den schwindenden Einfluss des christlichen Glaubens. Das religiöse Gerüst, das Werte und Moral solange vorgegeben hat, zerbröselt wie ein alter Keks.

Was bleibt, ist ein Moralvakuum, das die Gesellschaft in eine große Unsicherheit stürzt. Woran können wir glauben? Was ist zu tun? Diese Fragen werden nun nicht mehr von einem allwissenden Übervater beantwortet, sondern stehen in einem leeren Raum. An wen können diese Fragen nun gerichtet werden?

Solange es keine allwissende Instanz gibt, die diese Fragen beantworten könnte, gibt es genügend Menschen, die sich dieser Aufgabe annehmen. Sie erklären sich selbst dazu, die Richtigen für diese Fragen zu sein. Grundlage ihrer Überzeugungen sind Glaubenssätze, die sie sich im Laufe der Zeit angeeignet haben. Sie verstehen diese Glaubenssätze als Ersatz für die verloren gegangen Werte und bauen sich daraus eine Moralkeule. Die schwingen sie um sich, sobald ein Thema aufkommt, das in ihren Augen moralisiert werden muss. Dabei kümmern sie sich nicht darum, dass Moral etwas ist, was über Jahrhunderte in einer Gesellschaft wachsen muss, bevor es als allgemeingültig anerkannt werden kann.

Wo es an einer gesunden Grundlage fehlt, wächst schnell allerlei Unkraut. Die modernen Moralisierer schießen aus der Erde wie Pilze im Regen. Eine bedenkenswerte Entwicklung? Keineswegs! Moralisieren ist in diesen Tagen über alle Zweifeln erhaben, geht es doch um die sehr ernste Sache diese Welt zu einer besseren zu machen. Wer will und kann da schon widersprechen wollen? Hermann Lübbes sagte dazu: “Moralismus ist der Triumph der guten Gesinnung über die Gesetze des Verstandes.”

Da die Forderung auf Selbstoptimierung als selbstverständlich verstanden wird, gibt es für die Moralisierer keine Hemmungen, ihre Werte als ethische Standards zu betrachten und sie mit aller Härte zu verfolgen. Da diese Werte zu schnell gewachsen sind, entbehren sie einer stabilen Grundlage. So wird zur Sicherheit alles, was in irgendeiner Weise anstößig verstanden werden könnte, eliminiert und zensiert. Jeder Stein des Anstoßes soll verschwinden! Am besten sofort!

Große Klassiker werden aus Museen entfernt, Kruzifixe müssen aus den Schulen weichen, der Weihnachtsmarkt heißt ab jetzt Lichterfest und der Weihnachtsmann sowie Knecht Ruprecht sind ja auch längst überholt. Solche furchteinflößenden Gestalten darf man Kindern doch nicht zumuten! Genauso die Pfeife des Weckmanns. Die Gefahr, diese Pfeife könnte Kinder schon frühzeitig zum Rauchen verleiten, erscheint auf einmal zu groß. Die Zustimmung aller anderen wird vorausgesetzt.

Aber worum geht es den Moralisieren? Was treibt sie zu so einem verbissenen Feldzug des Moralisierens? Reinhard K. Sprenger schreibt in einem Artikel der NZZ: “Genaugenommen geht es den Moralisierern um Interessen. Sie gießen ihre Interessen einfach in «Werte» um. Dadurch verschleiern sie persönliche Vorteile und veredeln ihre Sozial-Imperative mit dem Glanz allgemeiner Zustimmung.”

Diese so entstehenden Werte sind erhaben über jeden Angriff, auch wenn sie völlig willkürlich sind. Das Argument der Willkür wird aber nicht akzeptiert, da es doch darum geht, das einzig Richtige zu tun. Sie handeln schließlich im Auftrag des Guten. Zweifler werden in die Ecke gestellt, da sie sich mit ihrem Widerspruch nur gegen die gute Seite stellen wollen.

Das Moralisieren beschränkt sich nicht mehr auf einige wenige Personen. Es ist zu einer Einstellung von vielen geworden. Alle folgen einem ähnlichen Muster, das man mit 6 Punkten zusammenfassen kann.

1.    Ordnung: Das vordergründige Anliegen ist Ordnung zu schaffen, um das Moralvakuum zu überwinden. Der werteleere Raum, der in dieser globalisierten Gesellschaft entstanden ist, muss überwunden werden!

2.    Abwertung anderer: Indem die eigenen Werte über die aller anderen gestellt werden, ergibt sich eine Abwertung aller anderen Vorstellungen. Das führt zu einer Erhöhung der eigenen Ansichten und somit zu einem Machtrausch, dem die Moralisierer erliegen. Sie sehen nicht nur das Recht auf ihrer Seite, sondern sie erfüllen, in ihren Augen, auch die Anforderungen, um als ein guter Mensch zu gelten. Also sind sie einfach die besseren Menschen. Dass sie damit das Recht auf Meinungsfreiheit aus hebeln, interessiert sie nicht.

3.    Antidemokratisches Denken: Andere Meinungen als die eigenen zählen nicht. Sie werden nicht nur ignoriert und abgetan, sondern erfahren auch Abwertung und Verurteilung. Damit widersetzen sie sich den Grundwerten der Demokratie: Freiheit auf eine eigene Meinung, die Gleichheit aller und die Gerechtigkeit, die sich gegen jede Art der Diskriminierung ausspricht.

4.    Führerkult: Ein wichtiger Bestandteil ist das Kollektivdenken hin zu einem Führer. Individuen gibt es nicht. Was zählt ist das Ziel der Gruppe, die selbsternannten Werte zu verbreiten und umzusetzen. Alle beugen sich dem Gebot des Führers, denn Führer ist die Sache selbst

5.    Herrschsucht: Unter dem Begriff Herrschsucht lässt sich die Verfolgung der eigenen Ideologien und deren missionarischer Durchsetzung subsummieren. Der herrschende Grundgedanke manifestiert sich in dem Wunsch: Nur ich habe recht, weil ich das will, was wirklich für alle gut und richtig ist!

6.    Aggressivität: Wer nicht hören will muss fühlen. Dieses Credo liegt in stärker oder schwächer ausgeprägter Form allen Moralisierern zu Grunde. Meist äußert sich dies als passiv-aggressives Verhalten. Der Gegner wird verachtet, beleidigt und angefeindet. Er ist prinzipiell schuld an den Zuständen, die der Moralisierer ablehnt. Jeder Versuch auf eine vernünftige Diskussion, wird ignoriert und endet im Streit.

Sucht man zusammenfassend für diese Punkte EINEN Begriff, landet man bei dem Wort Faschismus. All diese Attribute lassen sich auf eben das anwenden, was doch die Moralisierer so dringend zu verhindern suchen. Denn eines ihrer großen Feindbilder ist der Faschismus der Nazis. Nie wieder darf sich wiederholen, was nie hätte passieren dürfen. Dem kann ich nur zustimmen, aber ob es sinnvoll ist, den Teufel mit dem Belzebub auszutreiben?

So wird jeder, der sich tendenziell gegen eine große offene multi-kulti Gesellschaft ausspricht, quasi zum Vogelfreien erklärt. In den Augen der Moralfaschisten hat er damit jedes Recht auf ein soziales Leben verspielt und muss bekämpft werden. Auch Traditionalisten werden kategorisch in die Nazi-Schublade geschoben und verdienen es, angefeindet zu werden. Patriotismus, Tradition und das dritte Reich scheinen eine untrennbare Einheit zu sein und dürfen keinen Bestand haben.

Auch um die klassischen Geschlechterrollen wird viel gestritten. Die verstaubten und sexistischen Ansichten immer noch viel zu vieler fordern Erneuerung. Der Anspruch nach Gleichberechtigung aber hat orwellsche Züge angenommen. Alle sind gleich, aber manche sind gleicher. Der Neo-Feminismus schiebt sich nach vorne und beansprucht Alleinherrschaft. Männer sind prinzipiell verdächtig, haben sie doch Jahrtausende lang alles unterdrückt, was nicht eindeutig männlich ist. Für einige scheint das ein Freifahrtschein zu sein, nun die Männer dafür büßen zu lassen. Jedes Kompliment ist sexistisch, machistisches Verhalten wird öffentlich wochenlang angeprangert und besteht auch nur der leiseste Verdacht auf eine nicht einvernehmliche sexuelle Handlung, fühlen sich die Moralisierer dazu berufen diesen Menschen gesellschaftlich zu vernichten. Ursachenforschung, ob der gestellte Verdacht auch berechtigt ist, findet oft nicht statt. Zu schnell ist das Urteil gefällt und wird mit aller Härte verfolgt. Zeit sparen heißt Publikum gewinnen. Wer sein Urteil schneller fällt, kann eher damit beginnen die Zuhörer und Leser für sich zu gewinnen.

Weitere beliebte Themen, um die Moralkeule zu schwingen, sind der Umweltschutz sowie das Thema Ernährung. Der Schutz der Erde, der Tiere und der Menschen wird zum heiligen Gral erklärt. Dabei geht es vor allem um die Wehrlosen. Sie sind die dankbarsten Ziele, da sie nicht für ihre eigenen Interessen einstehen können. Also brauchen sie jemanden, der das für sie übernimmt. Da sich die Wehrlosen auch nicht gegen den selbsternannten Vormund wehren können, ist dieser vollkommen frei in seinen Entscheidungen.

Über allem steht der gute Zweck und die Forderung, nun endlich zu einer besseren Welt zu gelangen. Denn das ist das oberste Ziel. Zu lange musste die Welt unter der Schlechtigkeit der Menschen leiden. Nun soll alles besser werden. Die Erde haben wir doch nur von unseren Kindern geliehen und müssen alles daran setzen, dass wir sie für unsere Nachkommen erhalten, so der Grundtenor.

Da kommt ein Mädchen wie Greta Thunberg genau richtig. Sie prangert an, was alle längst wissen aber nicht ändern können. Sie verkörpert das leidenschaftliche Streben nach einer besseren Welt und unterstreicht das schlechtes Gewissen, was alle schon so lange mit sich herum tragen. Der Siegeszug der kleinen Greta liegt begründet in der Unsicherheit und dem damit verbundenen Gewissen der Menschen, die sich nichts sehnlicher wünschen als einen festen Rahmen, in den sie sich legen können, um endlich nicht mehr so verantwortlich zu sein. Da zeigt sie sich wieder, die Infantilität, die Sigmund Freud als Ursache für jeden Glauben gesehen hat. Der große Wunsch nach Trost und Hilfe von einem übermächtigen Vater, der die Geschicke der Welt leitet und lenkt und der die Verantwortung von den Menschen nimmt, damit sie niemals gänzlich die Schuld für all das Leid auf Erden tragen.

Gerechtigkeit-ein Definitionsversuch

Um sich dem Thema Gerechtigkeit anzunähern, braucht es zuerst einen Ausgangspunkt. Wie kann man ein gerechtes Leben und Sein definieren, wenn doch jeder unterschiedlich damit umgeht? Um eine Definition zu finden, habe ich mir philosophische Ansätze angeschaut. Ich habe mich für zwei Theorien entschieden, die sich in meinen Augen gut ergänzen und leicht verständlich sind.

Da gibt es zum einen den Konstruktivismus und zum anderen John Rawls, ein amerikanischer Philosoph, der mit seiner „Theorie der Gerechtigkeit“ ein einflussreiches Werk der politischen Philosophie verfasst hat. Beide Theorien sind in meinen Augen wichtig, um sich klar zu machen, welche Sachverhalte für die Gerechtigkeit eine Rolle spielen.

Der Konstruktivismus geht in seinen Grundregeln davon aus, dass ein Weltbild immer subjektiv ist und sich jeder seine eigene Wirklichkeit kreiert. Eben so, wie es Pippi Langstrumpf sang: “Ich mache mir die Welt, widewidewie sie mir gefällt”. Eine Wirklichkeit, die für alle gleich ist, gibt es nicht. In dieser Definition der Wirklichkeit geht es aber weniger um das “Was” als vielmehr um das “Wie”. Denn ein Apfel ist optisch und haptisch für jedermann ein Apfel. Aber der Sinn eines Apfels, kann für jeden verschieden sein. Ein Apfel kann für den einen Evas Sündenfall bedeuten, ein anderer sieht darin die Basis für einen Apfelkuchen, den seine Oma immer gebacken hat. So kann ein Mensch, der das alte Testament sehr ernst nimmt, in einem Apfel eine Teufelsfrucht sehen, während ein anderer nicht im Entferntesten daran denkt, dass an einem Apfel irgendetwas Schlechtes sein könnte.

Sollte ein Apfel zwischen diesen beiden Menschen einmal zu einer Diskussion führen, kann man absehen, dass sich beide in diesem Punkt niemals einigen würden, da beide Ansichten ihre Berechtigung haben, aber doch völlig verschieden sind und auch keine Schnittmengen haben. Nur wenn man sich darauf einigt, dass ein Apfel sowohl als auch sein kann, kann man eine endlose Diskussion umgehen.

Man muss also festhalten, dass die Wahrheitsfindung immer durch ein individuelles Weltbild geprägt ist und somit auch immer einzigartig ist. Eine absolute Wahrheit existiert nicht. Jedenfalls nicht, wenn es um den Sinn von Dingen geht.

Wenn es keine absolute Wahrheit gibt, wie kann man dann Gesetze entwickeln, die für jeden gelten?

John Rawls kreierte dafür das Gedankenexperiment um den Schleier des Nichtwissens. Nur ein absolut neutraler und objektiver Mensch kann Entscheidungen treffen, die für alle gelten. Mit dem Schleier ist also ein kognitiver Zustand gemeint, der alle Gedanken und Überlegungen ausschließt, die sich um den Ausgang einer Entscheidung drehen. Mit diesem Zustand ist es möglich eine Entscheidung absolut neutral zu treffen, da man alle eigenen Belange ausklammern kann. Dazu ein Beispiel.

Es muss eine Entscheidung gefällt werden über einen Baum der zwischen zwei Nachbarn steht. Die eine Partei möchte, dass der Baum gefällt wird, die andere Partei will, dass der Baum stehen bleibt. Da der Baum genau in der Mitte wächst, hat keiner der beiden Parteien ein mehrheitliches Vorrecht.

Damit derjenige, der die Entscheidung in diesem Fall trifft, diese Entscheidung auch wirklich unter dem Schleier des Nichtwissens treffen kann, darf er in keinem verwandtschaftlichen oder freundschaftlichen Verhältnis zu den beiden Parteien stehen. Dieser Grundsatz ist durch die Befangenheits Klausel (Recherche) abgedeckt. Weiterhin darf der Entscheidende selbst niemals so einen Fall erlebt haben, da ihn ein solches Erlebnis in seiner Neutralität beeinflussen könnte. Auch darf er keinen Nutzen durch die Entscheidung, die er trifft, haben. Dieser Nutzen ist manigfaltig auslegbar. So darf es keinerlei Bestechung geben, die die Entscheidung beeinflusst, auch das ist in unserem Rechtssystem berücksichtigt. Aber es darf auch keinen gedanklichen Nutzen geben, der den Entscheidenden beeinflussen dürfte. So wäre eine kleine Sympathie mit einer der Parteien schon zu viel, um den Schleier des Nichtwissens wahrlich aufrecht zu erhalten. Es würde schon ausreichen, dass der Entscheidende ein Sympathie für Bäume hätte und schon könnte er nicht mehr objektiv entscheiden.

Der Entscheidende dürfte auchnicht wissen, ob sich, nachdem er die Entscheidung getroffen hat, irgendetwas für ihn ändert und mag die Veränderung auch noch so winzig sein.

Durch den Schleier des Nichtwissens sind alle Bedeutungen, die der Entscheidende sich selbst zuschreibt vergessen, denn nur wenn man keine eigenen Belange in jedweder Art mitbedenken muss, kann man wirklich objektiv und fair beurteilen.

Die Theorie klingt gut aber wenn man alle eigenen Belange ausklammert

keine Bedeutung für sich selbst hat, kann man den Dingen an sich dann noch Bedeutung beimessen? Wie kann ich mir vorstellen, was ein Baum für jemanden bedeutet, wenn ich selbst keine persönliche Bedeutung für ihn habe? – noch bearbeiten

Es gibt also keine absolute Wahrheit und somit kann es auch keine absoluten Gesetze geben. Gerechtigkeit ist also immer nur ein Ausschnitt dessen, was zur Zeit der Definition von den Definierenden in Betracht gezogen wurde. Nur das, was zu dieser Zeit vorstellbar war und auch diejenigen selbst betraf oder schon mal betroffen hatte, konnte zum endgültigen Gesetz führen.

Gerechtigkeit ist also bestimmt von den Erfahrungen eines jeden. Was für mich nicht vorstellbar ist, kann ich auch nicht gerecht bewerten.

Hierin zeigt sich implizit das Drama der modernen globalisierten Welt. Zum einen wird natürlich immer mehr vorstellbar, was kein Drama sondern auch ein Gewinn ist, aber zum anderen heißt das auch, dass Urteile gefällt werden, deren Tragweite man nicht einschätzen kann, da man gar nicht alles kennen was dazu führt. So sagte schon Aristoteles, dass der Maßstab, nach dem eine Gruppe urteilt, von den sozioökonomischen Bedingungen, in welcher sie sich befinden, abhängt.

Wie kann ich beispielsweise gerecht über eine Kultur urteilen, die ich nicht kenne oder von der mir nur oberflächliche Fakten bekannt sind?

Existenziell wichtig für eine Gerechtigkeitsfindung ist es also, möglichst viele Fakten zu kennen und auch selbst ein möglichst offener und auch erfahrener Mensch zu sein, da ein Urteil sonst nicht gerecht ausfallen kann.

Was ist Gerechtigkeit?

  1. Was ist Gerechtigkeit? Was auf den ersten Blick wie eine einfache Frage erscheint, erweist sich beim genaueren Hinsehen als Elferfrage. So hat zwar jeder direkt eine Vorstellung, wenn man ihn nach Gerechtigkeit fragt, aber die eigene Gerechtigkeit lässt sich nicht pauschal verallgemeinern und auch die Gerechtigkeit die von den Gesetzen eines Staates ausgehen, gelten nicht immer als gerecht (man denke an die sogenannten Rechtsverdreher). Wie also kann man hier zu einem Schluss kommen?

Die Frage nach der Gerechtigkeit flammte in mir auf, als ich einen Artikel über einen jungen Beamten namens Ronny las, der wegen einem Bore Out vom Dienst freigestellt wurde und ein Ruhegehalt von 1400 € erhält. Ronny engagiert sich in dieser freien Zeit ehrenamtlich und macht eine Fortbildung, um irgendwann einmal einem Job nachgehen zu können, der für ihn besser ist. Die Überschrift des Artikels lautete „Beamter – Ich spare für meine Beerdigung“.

Mein erster Impuls, bereits während dem Lesen: „Dir würde ich gern mal was vom harten Leben erzählen und ich glaube 1 Millionen andere auch!“ Wut stieg in mir hoch. Die Kommentare unter dem Artikel zeigten, dass es anderen auch so erging wie mir aber es mindestens genau so viele gab, die für Ronny in die Bresche sprangen und ihn nach Leibeskräften verteidigten. Für den Verlauf will ich die beiden Parteien mit Hater (jene, die sich gegen Ronny aussprachen) und Gooder (jene, die sich für Ronny aussprachen) bezeichnen. Ganz besonders interessant fand ich die Kommentare der Gooder, die den Hatern empfahlen doch auch Beamter zu werden, wenn sie mit ihrem Gehalt (z.B. als Pflegekraft) so unzufrieden sind. Auf die Frage, wie sie sich das denn vorstellen, wenn plötzlich alle Pflegekräfte Beamte würden, kam keine wirkliche Antwort mehr.

Nun saß ich da mit meiner Wut und es kam noch mehr Wut dazu, denn ich verstand die Position der Gooder nicht. Wie konnte man nicht sehen, dass es doch zum Himmel schreit, wenn ein Mensch für´s Nichts Tun soviel Geld bekommt, wie beispielsweise eine Pflegekraft für einen Fulltime Job? Da kann der arme Ronny nichts dafür, aber er ist in diesem Moment das Medium für meine Wut. Natürlich sollte man ihn nicht unter Hass Kommentaren begraben, aber sein Schicksal in Frage zu stellen und dabei auch nach anderen Schicksalen zu fragen und darüber zu diskutieren, halte ich sehr wohl für legitim. Aber das scheinen die Gooder anders zu sehen.

Es scheint ein neues Phänomen der Social Media Portale zu sein, dass alle Gooder vereint um ungebremst gegen jeden Hater vorgehen, mag er auch noch so gut argumentieren. Alles, was auch nur im Geringsten nach Hater aussieht, wird angegriffen und scheinbar entkräftet mit Verständnis und Solidarität für die angefeindete Person. Prinzipiell ist das auch eine gute Sache, nachdem die Hater in den letzten Jahren so viel Aufmerksamkeit bekommen haben, aber was mir immer sauer aufstößt, wenn ohne Sinn und Verstand drauf los gepostet wird. Da verbündet sich dann eine Gruppe gegen eine Meinung und jede Personen, die diese Meinung anschließend vertritt, wird zusammen niedergemacht. Da geht es dann nämlich um vieles aber nicht um Gerechtigkeit. Dabei, denke ich mir, ist das Ansinnen vieler Gooder nämlich gerade  die Gerechtigkeit wieder herzustellen, die durch die Hater aus dem Ungleichgewicht geraten zu sein scheint. Was ihnen dabei nicht auffällt ist, dass sie die selben Mittel anwenden wie die Hater und sie sich somit auf die gleiche Stufe stellen wie jene, die sie versuchen zu bekämpfen.

Gerechtigkeit ist ein großes Thema und jeder beschäftigt sich implizit so gut wie jeden Tag damit. Im Job, im Privatleben, einfach in jeder Situation die eine Interaktion mit anderen Menschen erfordert. Permanent wird abgewogen, ob alles auch gerecht oder fair zugeht. In den meisten Fällen wird man sich mit der Umwelt auch schnell einig, wenn es um augenscheinlich „offensichtliche“ Gerechtigkeitsbelange geht. Beispielsweise wenn es darum geht, das ein Kollege im Büro immer bevorzugt wird, obwohl weder seine Leistungen noch sein Verhalten besser ist als das aller anderen. Hier wird man schnell Verständnis von anderen Personen bekommen und ist somit mit seinem Gerechtigkeitsempfinden nicht mehr alleine. Wenn man erst andere gefunden hat, die einen unterstützen, kann man auch leichter seine Gerechtigkeit einfordern. Hat man allerdings einen Punkt gefunden, der einem unfair erscheint, den aber kein anderer nachvollziehen kann, steht man ziemlich alleine da mit seinem Gerechtigkeitsbedürfnis. So ging es wohl lange Zeit vielen Frauen, die sexuelle Übergriffe ertragen mussten. Vielleicht erzählten sie jemandem davon aber sie fanden nicht genügend Personen, die ihr Ungerechtigkeitsempfinden nachvollziehen konnten, also war es auch keine Ungerechtigkeit. Man kann fast sagen, dass Gerechtigkeit erst dann entsteht, wenn viele das Gleiche sehen.

So kam ich zum Thema Gerechtigkeit und musste feststellen, dass es allenfalls eine subjektive Gerechtigkeit gibt. Dennoch möchte ich versuchen, eine Annäherung an das Thema zu finden und werde das mit mehreren Texten tun. „Was ist Gerechtigkeit“ wird eine Serie, in der ich mich mit verschiedenen Themen im Bezug auf Gerechtigkeit beschäftigen möchte.

 

 

Leben wir in einer Demokratie?

Ist die Demokratie der westlichen Welt noch glaub- und vertrauenswürdig? Nach dem Brexit und der Wahl Donald Trumps zum neuen Präsidenten der USA hat die Demokratie in den Augen vieler an Wert verloren. Trotz demokratischer Wahlen, in der sich die Mehrheit für den Brexit und Donald Trump entschieden haben, schlagen allerorts Menschen die Hände über dem Kopf zusammen und beschwören angesichts dieser Ereignisse den Niedergang der Demokratie herauf. Wie nur konnten die Wähler es zulassen, dass solch unvernünftige Entscheidungen getroffen wurden, heißt es.

Auch in Deutschland hadert man mit den Meinungen von Teilen der Bevölkerung, insbesondere den AfD-Wählern. Wenn sich so viele Wähler auf diese „Bauernfänger“ einlassen, kann man ihnen dann überhaupt noch eine Wahl anvertrauen? Manche Politiker zweifeln an der Mündigkeit der Wähler oder appellieren an sie, die eigene Stimme nicht zu verschenken an eine Partei wie die AFD.

Schon vor Jahren hatte der damalige Frankfurter FDP-Chef Dirk Pfeil seine Zweifel an der Wahlmündigkeit der Wähler artikuliert. In einem Interview sagt er der Frankfurter Neuen Presse: „Es ist schlimm, dass die Mehrheit der Bevölkerung keine politische Bildung genossen hat. Die Masse ist meinungslos, sprachlos.” Auf die Frage, ob die Wähler zu ungebildet sind, um die FDP zu verstehen, antwortet er: „Die Masse ja.” Außerdem verzweifle er „am mangelnden Willen der Wähler, sich ein bisschen schlauer zu machen.

Zunehmend gilt der Wähler als wahlunmündig. Er informiert sich nicht und verschenkt seine Stimme an Populisten. Dabei sind es meist nicht alle Wähler, die in Verdacht stehen, „falsch“ zu votieren. Es sind bestimmte Gruppen die verantwortlich gemacht werden für das Übel. Schuld sind die Alten und Ungebildeten, sowohl an der AfD als auch am Brexit und an Donald Trump. Analysen, die Aufschluss darüber geben, wer wen wählt, sind populär wie nie. Das Interesse daran wächst und es scheint, als würde verzweifelt nach einem Sündenbock gesucht, der für diese politischen Entwicklungen verantwortlich gemacht werden kann.In sozialen Netzwerken und auch in der Öffentlichkeit ist das Bashing der vermeintlich Schuldigen groß. AfD-Anhänger werden von Profilen in den Sozialen Medien verbannt und bei öffentlichen Veranstaltungen der AfD beschimpft und bedrängt.7Trump- Anhänger werden erst recht geächtet, so wie im Falle eines Essener Burgerbuden-Betreibers. Ihm gehen die Kunden aus, seit er öffentlich Trump seine Sympathie erklärt hat.8Es gibt in den Augen vieler zwei Arten von Wählern: gute und schlechte. Die Guten klopfen sich auf die Schulter und loben sich dafür, das einzig Richtige zu tun. Die Bösen werden beschimpft, ausgeschlossen und zur nationalen Bedrohung hochstilisiert. Mittels eines Sündenbocks lassen sich alle Probleme leicht erklären. Wie es allerdings zu den Problemen gekommen ist und was sich dagegen tun ließe, bleibt dabei aus. Die Ursachen für genannten Wahlentscheidungen werden zwar von den Medien immer wieder thematisiert, ein Umgang damit aber nicht oder nur zögerlich gefunden.9Sowohl bei der amerikanischen Präsidentschaftswahl wie auch beim Brexit resultierte die Entscheidung auch aus verletzten Gemütern und einen über jahrzehntelange entstandenen Verdruss über Politik und die Landesführung. Viele fühlten sich von der etablierten Politik nicht repräsentiert und verstanden. Sie hatten das Gefühl bei politischen Alleingängen des Staates übergangen zu werden, wie im Beispiel der Flüchtlingskrise (die auch genutzt wurde, um in Großbritannien und in den USA Stimmung gegen Einwanderer zu machen).10Das hatte ein Großteil der Bevölkerung satt. Protest wurde laut und wenn einzelne Stimmen nicht gehört werden, suchen sie sich einen, der ihnen eine Stimme gibt. Ungeachtet dessen, ob dieser dann auch in Gänze fähig und willens wäre, die Interessen dieser Stimmen durchzusetzen. Die jahrelang entstandene Wut verlangte nach Entladung und daher war es sowohl für die Brexit-Frontleute als auch für Donald Trump ein Leichtes, dieser Stimme Gewicht zu verleihen. Sie sprachen dem wütenden Bürger mit ihren Worten und ihren Argumenten aus der Seele und bekamen den Zuspruch jener, die sich jahrelang nicht gehört und beachtet fühlten.

Die jeweilige Wählermehrheit mag als wütend und verdrossen beschreiben, als dumm und ungebildet sollte man sie nicht betrachten. Sie wollten wieder eine Stimme haben, sie wollten etwas bewegen können, und sei es durch eine sehr kontroverse Entscheidung.

Statt der Mehrheit abzusprechen, wahlfähig zu sein geht es vielmehr darum, die Bürger mehr in demokratische Entscheide mit einzubinden. Viel früher und transparenter und nicht erst dann, wenn nichts mehr zu retten ist. Eine Demokratie kann nur funktionieren, wenn alle Beteiligten eine Stimme haben und die Entscheidungen im Sinne der Mehrheit getroffen werden.

Wenn sich wichtige Teile des Volkes nicht richtig vertreten fühlen, rächen sie sich, und es ist an der Politik, ihr Vertrauen zurückzugewinnen. Aber wie kann das gehen? Jeder Staat legt Demokratie anders aus. In der Schweiz gibt es eine direkte Demokratie. Die Stimmbürger aller Gemeinden, Kantonen und Bundesstaaten gelten als oberste Gewalt und entscheiden in Sachfragen abschließend. Viermal jährlich finden Volksabstimmungen statt, in welcher die Bürger in bis zu zehn Entscheiden über Sachfragen, Gesetze und auch über Haushaltsvorschläge abstimmen können. Die direkte Demokratie gehört zu den eine der beliebtesten Grundlagen des Schweizer politischen Systems.

Direkte Demokratie wird attraktiv. Das Bedürfnis der Bürger nach mehr Selbstbestimmung in politischen Fragen wächst. Auch andere Länder lassen vermehrt Sachverhalte per Volksentscheid zu. Der deutsche EU-Parlamentsabgeordnete und Mitbegründer des Vereins „Mehr Demokratie”, Gerald Häfner (Grüne) befürwortet diese Entwicklung. Er sieht aber auch die Schwachstellen in den Volksentscheiden anderer Länder. Denn worüber abgestimmt wird, wird von oben entschieden, während in der Schweiz fakultative Referenden und Volksinitiativen von den Bürgern ausgehen. Über welche Themen abgestimmt wird, liegt hier nicht in den Händen der politischen Repräsentanten. Nach Häfner kann direkte Demokratie nur funktionieren, wenn sowohl der abzustimmende Sachverhalt als auch die Abstimmung vom Volk ausgeht oder ausgehen kann. Volksabstimmungen wie sie z.B. in Großbritannien durchgeführt wurden, sind in seinen Augen nur ein taktisches Mittel zur Bestätigung der Machthabenden und haben mit wirklicher Mitbestimmung der Bürger wenig zu tun. Auch der Politikwissenschaftler David Altmann sieht in dieser Art der Volksabstimmung eher einen schädlichen als einen wirklich demokratischen Geist.

Ein gutes Beispiel hierfür ist der Brexit. David Cameron, ein Mann dem sein politischer Aufstieg mit Hilfe seines Europa Skeptizismus gelang, der aber eigentlich ein Modernisierer sein wollte. Seine europaskeptische Partei hat ihm zu dem verholfen was er geworden war, mit Parteivorsitz in Brüssel. Er konnte nicht einfach kehrt machen und sagen “Europa ist eine super Sache”. Er war seiner Partei etwas schuldig. Als der Druck zu hoch wurde, tat er was wohl jeder tut, der in die Enge getrieben wird. Er versuchte sich daraus zu befreien und das tat er mit einem, in seinen Augen, sicheren Mittel, denn es war nicht damit zu rechnen, dass dieser Umstand wirklich jemals eintreten würde. Er gab das Versprechen, sollte er alleiniger Entscheider sein, würde er ein Referendum aufstellen über den Verbleib Großbritanniens in der EU. Aber es kam alles anders. Er hatte weiterhin Erfolg, die Konservativen gewannen die absolute Mehrheit und Cameron war Alleinentscheider. Nun musste er sein Versprechen einhalten und das Referendum zu lassen.

Als es Cameron zu viel wurde, sprang Boris Johnson auf den Brexit auf und auch er nutzte diesen für seine Zwecke. Beide, Cameron und Johnson hatten nicht damit gerechnet dass ihr Volk  wirklich mit einem “Ja” stimmen könnte. Aber sie taten es!

David van Reybrouck, ein belgischer Historiker und Gegner des westlichen Wahlsystems, sieht im Brexit das demokratische Versagen der momentanen Form der Demokratie. Politiker die politische Entscheidungen instrumentalisieren für ihre eigenen Zwecke, Medien die nicht richtig aufklären und ein Volk das frustriert ist von der herrschenden Politik. Sie lassen sich fangen von Populisten, die ihnen sagen was sie hören wollen, richtige Inhalte kommen aber nicht an bei den Wählern. So treffen sie eine Wahlentscheidung  mit ungenauer Wissensgrundlage. Van Reybrouck sieht in den vorherrschenden demokratischen Wahlen ein primitives Instrument. Er sieht die Macht nicht beim Volk, sondern bei den Medien und den Parteien. Die Medien beeinflussen und prägen die politischen Debatten und die führenden Parteien nutzen ihren Hoheitsanspruch aus. Mit Nähe zum Bürger hat das wenig zu tun, zumal Parteien und Bundespolitiker nicht vertrauenswürdig erscheinen. Das Vertrauen in die deutschen Spitzenpolitiker bewegt sich prozentual gesehen im einstelligen Bereich.14Mehr Vertrauen wird den Landespolitikern entgegengebracht. Man kann mutmaßen, dass das auch an der direkten Nähe zum Bürger liegt.

Auf Bundesebene werden Wähler in van Reybroucks Augen wie „Wahlvieh“ behandelt. Sie sollen ihre Stimme abgeben, werden aber den Rest der Legislaturperiode nicht für voll genommen. Wähler sollten aber wie Erwachsene behandelt werden, nur dann fühlen sie sich auch ernst genommen und es kann eine wirkliche Macht vom gesamten Volk ausgehen.

Mit G1000 hat van Reybrouck ein Wahlsystem gegründet, was auf Rousseau und Montesquie zurückgeht. Das System funktioniert durch Losentscheid. Van Reybrouck hat es bereits getestet. In einem offenen Verfahren, dass online ausgetragen wurde und an dem alle Bürger Belgiens teilnehmen konnten, wird die Tagesordnung bestimmt. Die Punkte werden somit mehrheitlich entschieden und nicht von den Organisatoren vorgegeben. Nach Abschluss der Umfrage wurden 1000 Menschen eingeladen, um auf einer Tagung über die beschlossenen Themen zu diskutieren. Ausgewählt wurden Menschen aus allen Schichten, ungeachtet welchen Hintergrund und Lebensweise sie hatten. Mediatoren leiteten die Diskussion, so das alle Meinungen gehört wurden und mit in die endgültige Entscheidung mit einfließen konnten. Es war ein erfolgreiches Unterfangen, auch wenn nur 700 der 1000 Ausgewählten erschien. Arbeiter, Akademiker und Obdachlose saßen zusammen und berieten über Themen wie den Sozialstaat, Migration und andere politische Themen und das in respektvollem Miteinander. Für alle Teilnehmer war es eine außergewöhnliche Erfahrung, die sie sicher zum Nachdenken brachte.15Mit der Politik ist es ein bisschen wie mit der Schule. Lernen ist etwas ganz Natürliches,was jeden Menschen erfüllt und erfreut, wenn er es in einem anregenden Umfeld tun kann. Politik und somit Entscheidungen die über die Geschicke der Gemeinschaft abstimmen ist ebenfalls etwas ganz Natürliches und Spannendes, wenn man alle Beteiligten mit einbezieht, ihnen eine Stimme gibt. Wenn man die Stimmen aber kastriert und sie immer wieder enttäuscht, dann verlieren sie ihre Lust daran, konstruktiv mitzuwirken, wie es von ihnen verlangt wird. Es geht also darum, den Ausgangszustand wieder herzustellen. Jeder sollte tun dürfen was ihm zusteht. Nur so ist es möglich die Gesellschaft als Ganzes zu heilen, wie es der Philosoph Kwasi Wireda ausdrückt.

1https://www.welt.de/politik/deutschland/article157651667/Wie-die-AfD-von-der-Panik-der-Parteien-profitiert.html

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3http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/brexit/wahl-analyse-die-alten-waehlten-den-brexit-14301861.html

4http://www.spiegel.de/politik/ausland/ergebnis-us-wahl-2016-jung-waehlt-clinton-alt-waehlt-trump-a-1120396.html

5http://www.spektrum.de/news/wer-waehlt-die-afd-und-warum/1423189

6https://causa.tagesspiegel.de/politik/wie-zuverlaessig-sind-meinungsumfragen-noch/gute-meinungsforschung-schlechte-meinungsforschung.html

7https://www.welt.de/politik/deutschland/article162542799/Wahlkampf-Auftakt-wird-zum-Spiessrutenlauf-fuer-AfD-Anhaenger.html

8http://www.focus.de/kultur/kino_tv/geht-er-bald-pleite-nach-trump-bekenntnis-essener-burger-laden-chef-laufen-die-gaeste-davon_id_6651335.html

9http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/kanzlerin-angela-merkel-will-staerker-auf-afd-waehler-zugehen-14212858.html

10http://www.stern.de/politik/deutschland/angela-merkels-alleingang-in-der-fluechtlingspolitik-und-seine-folgen-7033820.html

11http://www.planet-wissen.de/kultur/mitteleuropa/urlaubsland_schweiz/pwiedirektedemokratieinderschweiz100.html

12http://www.luzernerzeitung.ch/nachrichten/schweiz/Direkte-Demokratie-liegt-im-Trend;art9641,955343

13https://www.welt.de/politik/ausland/article156514452/Wie-David-Cameron-versehentlich-Europa-opferte.html

14https://de.statista.com/statistik/daten/studie/191776/umfrage/vertrauen-in-politiker/

15http://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/sonntag/david-van-reybrouck-die-rolle-der-lobbyisten-in-bruessel/9941860-2.html

Vom verlorenen Körpergefühl und vom inneren Kapitalismus

Was ist mit den Menschen der westlichen Welt geworden? Oder eher aus ihrem Gefühl zu sich selbst? Das eigene Körpergefühl scheint aus der Mode geraten zu sein (wenn es überhaupt jemals in Mode war). Es geht nicht mehr darum sich wirklich wohlzufühlen, sondern darum möglichst viel zu tun, was den Stempel Wohlfühlcharakter hat. Immer getreu nach dem Motto; je mehr, je besser.

Dazu habe ich heute morgen in der Süddeutschen gelesen: „Todesursache Wasser trinken“ und „Gereizt, gerissen, verspannt-Trendsport Yoga und seine Risiken.“

Beide Artikel belegen grandios wie gerade angeblich Körper bewusste Menschen sich und ihr eigenes Wohlbefinden völlig aus den Augen verloren haben. Im 1. Artikel ging es um Marathon Läufer, die so viel Wasser trinken, dass ihr Körper überschwemmt wird vom Wasser. Durch den so entstehenden Salzmangel kann Wasser ungehemmt in die Zellen schwemmen und diese anschwellen lassen. In Fachsprache nennt man das Hyponatriämie. Wenn diese Flüssigkeitsverschiebung auch das Gehirn betrifft, kann es zu einem Hirnödem mit steigendem Hirndruck kommen, was zum Tod führen kann.

Im anderen Artikel ging es darum, dass Menschen durch Yoga starke Schmerzen bekommen. Durch entzündete Nerven und überstrapazierte Bänder. Yoga als exzessiv Sport. Exzessiv zur Entspannung und inneren Gelassenheit quasi. Dass das ein Trugschluss ist, sollte jedem klar sein – ist es aber nicht.

Beide Artikel beschäftigen sich mit sportbegeisterten und gesundheitsbewussten Menschen. Denn beide Gruppen handeln im festen Glauben etwas Gutes für ihren Körper zu tun. Der Marathon Läufer will durch die extremen Mengen Wasser der Entwässerung des Körpers, durch die Extrembelastung vorbeugen. Denn wir alle haben ja gelernt, dass man dem Körper viel Wasser zuführen muss und das vor allem bei besonderen Belastungen. Wenn der Körper einer Extrembelastung ausgesetzt wird scheint dann die logische Schlußfolgerung zu sein: Lieber zu viel als zu wenig.

Ein ähnlicher Ansporn scheint auch jene Yoga-Begeisterte gepackt zu haben, die sich statt der erhofften Erholung und Entspannung, Muskelrisse und Verspannungen zuziehen. Sie können den Sport nicht mehr als das betrachten, was er eigentlich sein soll. Sie finden in ihm nicht den Weg zur geistigen und körperlichen Mitte, sondern erleben in ihm nur das Gleiche was bereits im Alltag vorherrscht – nur was man exzessiv betreibt, kann auch den erwünschten Nutzen bringen. Und in beiden Fällen ist den Menschen etwas ganz Entscheidendes abhanden gekommen: ihr eigenes Körpergefühl! Der gesundheitsbewusste Mensch von heute hört nicht mehr auf sich selbst, sondern auf das, was ihm Ratgeber, Fachzeitschriften, Life Style Magazine oä. anpreisen. Viel trinken ist gesund also kann noch mehr ja absolut nicht verkehrt sein. Die eigene Stimme, eigene Signale werden ausgeblendet und übergangen: „Körper halt die Klappe, ich tu dir gerade was Gutes.“

Mir bleibt immer die Luft weg, wenn ich von Fällen wie diesen höre oder lese. Gerade wenn es um Leute geht, die im festen Glauben sind sich gerade etwas Gutes zu tun. Es ist ein Sinnbild unserer Leistungsgesellschaft, in der es vor allem darum geht eben nicht auf sich selbst zu hören, sondern auf das, was einem gesagt wird. Blindes Befolgen von Regeln, die einem gesetzt werden.

Das Perfide ist, dieser Leistungsdruck kommt heute nicht mehr nur noch aus den Mündern der anderen. Es geht nicht mehr nur noch darum, was andere von einem erwarten sondern vor allem was man von sich selbst erwartet. Dazu braucht es keine Chefs, Kollegen, Freunde oder Familie die einem diesen Floh ins Ohr setzen. Nein, das ganze spielt sich mehr und mehr in den eigenen Köpfen ab. Getrieben vom medialen Wahn der individuellen Optimierung. „Ich will nicht nur eine gute Arbeit mit super Aufstiegschancen haben, ich will auch selbst immer weiter aufsteigen, mit meinen Hobbys mit meinen Kindern, mit meinem Körper, mit meinem Geist.“ Das Credo des Kapitalismus ist auch in den Köpfen der Menschen angekommen – nur durch stetiges Wachstum kann das System bestehen. Stillstand kann nicht geduldet werden, bzw. bringt das System zum Erliegen. Also muss man sich weiter optimieren, weiter wachsen und weiter konsumieren und genau wie im Kapitalismus bleiben grundlegende Ressourcen auf der Strecke; in diesem Fall das Gefühl für sich selbst. Geopfert für den stetigen Aufstieg. Anfangs ist es leicht dieses Opfer zu bringen, denn es wehrt sich nur zaghaft. Erst mit der Zeit wird es massiver, bis es sich in die Unerträglichkeit hineinsteigert. Aber bis dahin verbindet man dieses Unerträgliche schon gar nicht mehr mit seiner eigentlichen Ursache. Man hat dann also eine Wirkung dessen Ursache einem gänzlich fremd ist und schon sind wir angekommen, bei den Leiden des 21. Jahrhunderts. Da braucht es gar keine akuten Manifestationen wie eine Hyponatriämie oder eine gerissene Sehne. Hier geht es um die Volkskrankheiten der heutigen Zeit Depressionen, Migräne, Süchte und was man noch alles auf Überanstrengung und Überreizung zurückführen kann.

Was also tun um einen Weg zu sich zurückzufinden, wenn selbst die eigentlichen Entspannungsbringer wie Yoga nicht mehr funktionieren? Es ist eigentlich ganz einfach und doch scheint es für viele unerreichbar. Es geht hier eben nicht darum, Leistung zu bringen! Kontakt zu sich selbst herstellen sollte das Ziel sein. Aber vielleicht ist es auch genau das, wovor viele Angst haben. Denn das hieße, dass sie sich unter Umständen ändern müssten und sie haben doch alles dafür getan, um sich dahin zu bringen, wo sie jetzt sind. Und so schließt sich der Kreis aus Wachstum und Selbstoptimierung der vergessen will, dass alles endlich ist und zum Wachsen auch öfter mal die Stagnation gehört.