#DHMDemokratie- Was alle angeht, sollten auch alle entscheiden dürfen

Im Rahmen der Blogparade #DHMDemokratie des Deutschen Historischen Museums, möchte auch ich einen Beitrag zu meiner Vorstellung von Demokratie teilen.

Was alle angeht, sollten auch alle entscheiden dürfen

Demokratie – altgriechisch δημοκρατία für ‚Herrschaft des Staatsvolkes‘. Im Ursprung des Wortes ist noch erkennbar, wofür diese Herrschaftsform steht, nämlich das Macht und Regierung vom Volk ausgeht. Wenn ich mir die heutige politische Landschaft anschaue, habe ich nicht das Gefühl, dass Macht und die Regierung vom Volk ausgehen und ich denke ich bin mit dieser Ansicht nicht alleine. 

Es gibt verschiedene Strömungen zu diesem Thema. So gibt es die Bürger, die sich mehr Mitbestimmung wünschen und für mehr Volksentscheide sind. Dann gibt es die Gegner, die dem Wahlvolk Unwissenheit und Unvernunft unterstellen und sie damit für unfähig halten. Als Argumente für diese Einstellung werden dann gerne der Brexit herangeführt und auch der zunehmende Zulauf zu rechtspopulistischen Parteien. Das die Ursachen hierfür in mangelnder Mitbestimmung begründet liegen könnten, scheint nur wenigen einzufallen.

Ein großes Hadern um die Wählerschaft macht sich breit. Insbesondere sorgt man sich um die Wähler von AfD oder rechtspopulistischen Parteien. Wenn sich so viele Wähler auf diese „Bauernfänger“ einlassen, kann man ihnen dann überhaupt noch eine Wahl anvertrauen? Manche Politiker zweifeln an der Mündigkeit der Wähler, da sie nicht das wählen was von ihnen erwartet wird. Das Erschwachen der etablierten Parteien wird besorgt beobachtet und die Gründe hierfür werden offenbar in der einfachsten aller Möglichkeiten gesucht, nämlich in der Torheit der Wähler.

“Die Masse ist meinungslos”

Schon vor Jahren hatte der damalige Frankfurter FDP-Chef Dirk Pfeil seine Zweifel an der Wahlmündigkeit der Wähler artikuliert. In einem Interview sagt er der Frankfurter Neuen Presse: „Es ist schlimm, dass die Mehrheit der Bevölkerung keine politische Bildung genossen hat. Die Masse ist meinungslos, sprachlos.” Auf die Frage, ob die Wähler zu ungebildet sind, um die FDP zu verstehen, antwortet er: „Die Masse ja.” Außerdem verzweifle er „am mangelnden Willen der Wähler, sich ein bisschen schlauer zu machen.” 

Wie man die Wähler “schlauer” machen könnte, darauf habe ich keine Antwort gefunden. Die Option, die eigene Politik für jeden verständlich zu machen, anstatt sie hinter endlosen unverständlichen Phrasen zu verstecken, besteht und würde in meinen Augen Sinn machen. Bisher muss man teilweise lange suchen, bis man verständliche Inhalte der großen Parteien findet.

Bisher werden Wähler gerne in zwei Arten eingeteilt: die Gute und die Schlechten. Die Guten klopfen sich auf die Schulter und loben sich dafür, das einzig Richtige zu tun. Die Bösen werden beschimpft, ausgeschlossen und zur nationalen Bedrohung hochstilisiert. Mittels eines Sündenbocks lassen sich alle Probleme leicht erklären. Wie es allerdings zu den Problemen gekommen ist und was sich dagegen tun ließe, bleibt dabei aus. Die Ursachen für genannte Wahlentscheidungen werden zwar von den Medien immer wieder thematisiert, ein Umgang damit aber nicht oder nur zögerlich gefunden.

Wie verletzte Gemüter zur Bedrohung werden

Warum es zum Erstarken von rechtspopulistischen Parteien oder vermasselten Volksentscheiden wie dem Brexit kommen konnte, resultiert auch aus verletzten Gemütern und einen über jahrzehntelange entstandenen Verdruss über Politik und die Landesführung. Viele fühlten sich von der etablierten Politik nicht repräsentiert und verstanden. Sie hatten das Gefühl bei politischen Alleingängen des Staates übergangen zu werden, wie im Beispiel der Flüchtlingskrise. Das hatte ein Teil der Bevölkerung satt. Protest wurde laut und wenn einzelne Stimmen nicht gehört werden, suchen sie sich einen, der ihnen eine Stimme gibt. Ungeachtet dessen, ob dieser dann auch in Gänze fähig und willens wäre, die Interessen dieser Stimmen durchzusetzen. Die jahrelang entstandene Wut verlangte nach Entladung und daher war und ist es ein leichtes für patriotische und rechte Parteien dieser Stimme Gewicht zu verleihen. Sie sprachen und sprechen dem wütenden Bürger mit ihren Worten und ihren Argumenten aus der Seele und bekommen den Zuspruch jener, die sich jahrelang nicht gehört und beachtet gefühlt haben. 

Diese Wähler mag man als wütend und verdrossen beschreiben, als dumm und ungebildet sollte man sie nicht betrachten. Sie wollten wieder eine Stimme haben, sie wollten etwas bewegen können, und sei es durch eine sehr kontroverse Entscheidung.

Statt der Mehrheit abzusprechen, wahlfähig zu sein geht es vielmehr darum, die Bürger ernst zu nehmen in ihrem Wunsch nach mehr Mitbestimmung. Man sollte sie mehr einbinden in politisches Tun und in demokratische Entscheidungsprozesse. Viel früher und transparenter und nicht erst dann, wenn nichts mehr zu retten ist. Eine Demokratie kann nur funktionieren, wenn alle Beteiligten eine Stimme haben und die Entscheidungen im Sinne der Mehrheit getroffen werden kann.

Direkte Demokratie als Alternative?

Wenn sich wichtige Teile des Volkes nicht richtig vertreten fühlen, rächen sie sich, und es ist an der etablierten Politik, ihr Vertrauen zurückzugewinnen. Aber wie kann das gehen? Könnte direkte Demokratie eine Lösung sein? Wie direkte Demokratie aussehen könnte, kann man sich am Beispiel der Schweiz ansehen. Die Stimmbürger aller Gemeinden, Kantonen und Bundesstaaten gelten als oberste Gewalt und entscheiden in Sachfragen abschließend. Viermal jährlich finden Volksabstimmungen statt, in welcher die Bürger in bis zu zehn Entscheiden über Sachfragen, Gesetze und auch über Haushaltsvorschläge abstimmen können. Diese Demokratieform gehört zu den beliebtesten Grundlagen des politischen Systems in der Schweiz. 

Direkte Demokratie wird attraktiv. Das Bedürfnis der Bürger nach mehr Selbstbestimmung in politischen Fragen wächst. Auch andere Länder lassen vermehrt Sachverhalte per Volksentscheid zu. Der deutsche EU-Parlamentsabgeordnete und Mitbegründer des Vereins „Mehr Demokratie”, Gerald Häfner (Grüne) befürwortet diese Entwicklung. Er sieht aber auch die Schwachstellen in den Volksentscheiden anderer Länder. Denn worüber abgestimmt wird, wird von oben entschieden, während in der Schweiz fakultative Referenden und Volksinitiativen von den Bürgern ausgehen. Über welche Themen abgestimmt wird, liegt hier nicht in den Händen der politischen Repräsentanten. Nach Häfner kann direkte Demokratie nur funktionieren, wenn sowohl der abzustimmende Sachverhalt als auch die Abstimmung vom Volk ausgeht oder ausgehen kann. Volksabstimmungen wie sie z.B. in Großbritannien durchgeführt wurden (Brexit), sind in seinen Augen nur ein taktisches Mittel zur Bestätigung der Machthabenden und haben mit wirklicher Mitbestimmung der Bürger wenig zu tun. Auch der Politikwissenschaftler David Altmann sieht in dieser Art der Volksabstimmung eher einen schädlichen als einen wirklich demokratischen Geist.

David van Reybrouck, ein belgischer Schriftsteller und Historiker, sieht im Brexit das demokratische Versagen der vorherrschenden Demokratie. Politiker, die politische Entscheidungen instrumentalisieren für ihre eigenen Zwecke, Medien, die nicht richtig aufklären und ein Volk, das frustriert ist von der vorherrschenden Politik. Sie lassen sich fangen von Populisten, die ihnen sagen was sie hören wollen, richtige Inhalte kommen aber nicht an bei den Wählern. So treffen sie eine Wahlentscheidung  auf ungenauer Wissensgrundlage. Van Reybrouck sieht in den vorherrschenden demokratischen Wahlen ein primitives Instrument. Er sieht die Macht nicht beim Volk, sondern bei den Medien und den Parteien. Die Medien beeinflussen und prägen die politischen Debatten und die führenden Parteien nutzen ihren Hoheitsanspruch aus. Mit Nähe zum Bürger hat das wenig zu tun, zumal Parteien und Bundespolitiker nicht vertrauenswürdig erscheinen. Das Vertrauen in die deutschen Spitzenpolitiker bewegt sich prozentual gesehen im einstelligen Bereich. Mehr Vertrauen wird den Landes- und Kommunalpolitikern entgegengebracht. Man kann mutmaßen, dass das auch an der größeren Nähe zum Bürger liegt. 

Auf Bundesebene werden Wähler in van Reybroucks Augen wie „Wahlvieh“ behandelt. Sie sollen ihre Stimme abgeben, werden aber den Rest der Legislaturperiode nicht für voll genommen. Wähler sollten aber wie Erwachsene behandelt werden, nur dann fühlen sie sich auch ernst genommen und es kann eine wirkliche Macht vom gesamten Volk ausgehen.

Das Wahlsystem G1000

David van Reybrouck hat ein Wahlsystem begründet, namens “G1000”, welches auf Rousseau und Montesquieu zurückgeht. Das System funktioniert durch Losentscheid. 

Van Reybrouck hat es bereits getestet. In einem offenen Verfahren, dass online ausgetragen wurde und an dem alle Bürger Belgiens teilnehmen konnten, wurde die Tagesordnung von allen Teilnehmern bestimmt. Die Punkte wurden somit mehrheitlich entschieden und nicht von den Organisatoren vorgegeben. Nach Abschluss der Umfrage wurden 1000 Menschen eingeladen, um auf einer Tagung über die beschlossenen Themen zu diskutieren. Ausgewählt wurden Menschen aus allen Schichten, ungeachtet welchen Hintergrund und Lebensweise sie hatten. Mediatoren leiteten die Diskussion, so das alle Meinungen gehört wurden und mit in die endgültige Entscheidung einfließen konnten. Es war ein erfolgreiches Unterfangen, auch wenn “nur” 700 der 1000 Ausgewählten erschien. Arbeiter, Akademiker und Obdachlose saßen zusammen und berieten über Themen wie den Sozialstaat, Migration und andere politische Themen und das in respektvollem Miteinander. Es war für die Teilnehmenden eine außergewöhnliche Erfahrung, die ihnen zeigte, wie Politik funktionieren kann.

Wenn Einzelne entscheiden, dass Dinge nur unter wenigen entschieden werden dürfen, ist es fast logische Schlussfolgerung, dass sich die Ausgeschlossenen auch ausgeschlossen fühlen. Sie für zu unfähig zu erklären, ohne Ihnen eine realistische Chance gegeben zu haben sich zu beteiligen, ist keine Option wenn man Bestand haben möchte. 

So kann man es mit Max Frisch sagen:

“Was alle angeht, können nur alle lösen.

Jeder Versuch eines Einzelnen oder einer Gruppe,

für sich zu lösen, was alle angeht,

muss scheitern.”

Moralfaschismus als Zeichen der Unsicherheit

“Weltverbesserer”. Ein Wort was so viel Hoffnung in sich birgt. Der Wunsch, diese Welt zu einem besseren Ort zu machen. Wer wünscht sich das nicht? Gerade in diesen unsicheren Zeiten. Die Welt scheint so verletzlich zu sein. Terroranschläge erschüttern die Menschen rund um den Globus. Große Machthaber machen aus der Politik eine Art Monopoly Spiel, schaut man sich beispielsweise das Handeln Donald Trumps oder die Ursachen des Brexits an.

Jene, die sich dieses Wort Weltverbesserer auf die Fahne schreiben, verfolgen ein ehrbares Ziel! Wenn jeder Einzelne etwas tut, ist der Schritt zu einer besseren Welt nicht mehr weit. Die Frage ist nur, ob die gestellten Forderungen dies tatsächlich bewirken können?!

Es ist zu einem Lebensgefühl geworden, dieses Weltverbessern. Von allen Seiten wird man dazu aufgefordert, ethisch zu denken und zu handeln. Der gute Zweck lockt von überall und ruft uns zu: Tust du etwas für andere, so tust du etwas für dich selbst! Wenn du weltoffen bist und dich um die Umwelt sorgst, so bist du ein besserer Mensch.

Aber nicht nur für andere soll man gut leben und handeln, auch für sich selbst wird die Art der Lebensweise immer wichtiger. “Lebe gesund” ist zur Verbindlichkeit geworden. Gesundheit ist schon lange keine reine Privatsache mehr. Nachdem das Rauchverbot, das 2008 erlassen wurde, einen so guten Verlauf genommen hat (laut Statistik hat die Anzahl der Raucher hat in den letzten 10 Jahren stetig abgenommen), sieht sich die Politik in der Verantwortung auch weiterhin für das Wohl der Bürger einzutreten (aktuell in der Diskussion um die die industrielle Beschränkung von Salz und Zucker).

Optimiert Euch selbst und wenn ihr das nicht wollt, machen wir es per Gesetz(!) scheint die unterschwellige Botschaft zu sein.

Selbstoptimierung. Ethisch wie gesundheitlich. Super! Viele wollen genau das. Aber so viel man auch versucht um all das zu erlangen, wirklich zufrieden ist man nie. Zu groß sind die Ansprüche, die gestellt werden. Jeder weiß, dass er auch mit der größten Anstrengung kein klimaneutrales Leben leben kann. Auch kann er es nicht vermeiden, dass auf der Welt Menschen oder Tiere für das eigene Leben ausgebeutet werden. Und auch die gesunde Ernährung gelingt den allermeisten nicht genau so, wie es all die Ratgeber empfehlen. Was bleibt, ist das schlechte Gewissen, “ich soll, aber ich kann nicht”. Man kann sich dagegen wehren und es in sein Unbewusstes verschieben, aber doch ist es da und nagt eine tiefe Kerbe ins Gewissen.

Die ermahnenden Aufforderungen an ein ethisches Leben fallen auf fruchtbaren Boden. Unsicherheit ist schon lange ein stetiger Begleiter in der Gesellschaft. Aber diese Unsicherheit entstand nicht erst, nachdem der Grundsatz der Selbstoptimierung Einzug gehalten hat. Sie ist nur ein Resultat davon.

Wir leben in einer Wirrwarr-Welt (www), mitbegründet durch den rasanten Fortschritt der Globalisierung und des Internets. Vieles, was lange Bestand hatte, verliert seinen Wert. Traditionen haben ihren Sinn verloren, auch durch den schwindenden Einfluss des christlichen Glaubens. Das religiöse Gerüst, das Werte und Moral solange vorgegeben hat, zerbröselt wie ein alter Keks.

Was bleibt, ist ein Moralvakuum, das die Gesellschaft in eine große Unsicherheit stürzt. Woran können wir glauben? Was ist zu tun? Diese Fragen werden nun nicht mehr von einem allwissenden Übervater beantwortet, sondern stehen in einem leeren Raum. An wen können diese Fragen nun gerichtet werden?

Solange es keine allwissende Instanz gibt, die diese Fragen beantworten könnte, gibt es genügend Menschen, die sich dieser Aufgabe annehmen. Sie erklären sich selbst dazu, die Richtigen für diese Fragen zu sein. Grundlage ihrer Überzeugungen sind Glaubenssätze, die sie sich im Laufe der Zeit angeeignet haben. Sie verstehen diese Glaubenssätze als Ersatz für die verloren gegangen Werte und bauen sich daraus eine Moralkeule. Die schwingen sie um sich, sobald ein Thema aufkommt, das in ihren Augen moralisiert werden muss. Dabei kümmern sie sich nicht darum, dass Moral etwas ist, was über Jahrhunderte in einer Gesellschaft wachsen muss, bevor es als allgemeingültig anerkannt werden kann.

Wo es an einer gesunden Grundlage fehlt, wächst schnell allerlei Unkraut. Die modernen Moralisierer schießen aus der Erde wie Pilze im Regen. Eine bedenkenswerte Entwicklung? Keineswegs! Moralisieren ist in diesen Tagen über alle Zweifeln erhaben, geht es doch um die sehr ernste Sache diese Welt zu einer besseren zu machen. Wer will und kann da schon widersprechen wollen? Hermann Lübbes sagte dazu: “Moralismus ist der Triumph der guten Gesinnung über die Gesetze des Verstandes.”

Da die Forderung auf Selbstoptimierung als selbstverständlich verstanden wird, gibt es für die Moralisierer keine Hemmungen, ihre Werte als ethische Standards zu betrachten und sie mit aller Härte zu verfolgen. Da diese Werte zu schnell gewachsen sind, entbehren sie einer stabilen Grundlage. So wird zur Sicherheit alles, was in irgendeiner Weise anstößig verstanden werden könnte, eliminiert und zensiert. Jeder Stein des Anstoßes soll verschwinden! Am besten sofort!

Große Klassiker werden aus Museen entfernt, Kruzifixe müssen aus den Schulen weichen, der Weihnachtsmarkt heißt ab jetzt Lichterfest und der Weihnachtsmann sowie Knecht Ruprecht sind ja auch längst überholt. Solche furchteinflößenden Gestalten darf man Kindern doch nicht zumuten! Genauso die Pfeife des Weckmanns. Die Gefahr, diese Pfeife könnte Kinder schon frühzeitig zum Rauchen verleiten, erscheint auf einmal zu groß. Die Zustimmung aller anderen wird vorausgesetzt.

Aber worum geht es den Moralisieren? Was treibt sie zu so einem verbissenen Feldzug des Moralisierens? Reinhard K. Sprenger schreibt in einem Artikel der NZZ: “Genaugenommen geht es den Moralisierern um Interessen. Sie gießen ihre Interessen einfach in «Werte» um. Dadurch verschleiern sie persönliche Vorteile und veredeln ihre Sozial-Imperative mit dem Glanz allgemeiner Zustimmung.”

Diese so entstehenden Werte sind erhaben über jeden Angriff, auch wenn sie völlig willkürlich sind. Das Argument der Willkür wird aber nicht akzeptiert, da es doch darum geht, das einzig Richtige zu tun. Sie handeln schließlich im Auftrag des Guten. Zweifler werden in die Ecke gestellt, da sie sich mit ihrem Widerspruch nur gegen die gute Seite stellen wollen.

Das Moralisieren beschränkt sich nicht mehr auf einige wenige Personen. Es ist zu einer Einstellung von vielen geworden. Alle folgen einem ähnlichen Muster, das man mit 6 Punkten zusammenfassen kann.

1.    Ordnung: Das vordergründige Anliegen ist Ordnung zu schaffen, um das Moralvakuum zu überwinden. Der werteleere Raum, der in dieser globalisierten Gesellschaft entstanden ist, muss überwunden werden!

2.    Abwertung anderer: Indem die eigenen Werte über die aller anderen gestellt werden, ergibt sich eine Abwertung aller anderen Vorstellungen. Das führt zu einer Erhöhung der eigenen Ansichten und somit zu einem Machtrausch, dem die Moralisierer erliegen. Sie sehen nicht nur das Recht auf ihrer Seite, sondern sie erfüllen, in ihren Augen, auch die Anforderungen, um als ein guter Mensch zu gelten. Also sind sie einfach die besseren Menschen. Dass sie damit das Recht auf Meinungsfreiheit aus hebeln, interessiert sie nicht.

3.    Antidemokratisches Denken: Andere Meinungen als die eigenen zählen nicht. Sie werden nicht nur ignoriert und abgetan, sondern erfahren auch Abwertung und Verurteilung. Damit widersetzen sie sich den Grundwerten der Demokratie: Freiheit auf eine eigene Meinung, die Gleichheit aller und die Gerechtigkeit, die sich gegen jede Art der Diskriminierung ausspricht.

4.    Führerkult: Ein wichtiger Bestandteil ist das Kollektivdenken hin zu einem Führer. Individuen gibt es nicht. Was zählt ist das Ziel der Gruppe, die selbsternannten Werte zu verbreiten und umzusetzen. Alle beugen sich dem Gebot des Führers, denn Führer ist die Sache selbst

5.    Herrschsucht: Unter dem Begriff Herrschsucht lässt sich die Verfolgung der eigenen Ideologien und deren missionarischer Durchsetzung subsummieren. Der herrschende Grundgedanke manifestiert sich in dem Wunsch: Nur ich habe recht, weil ich das will, was wirklich für alle gut und richtig ist!

6.    Aggressivität: Wer nicht hören will muss fühlen. Dieses Credo liegt in stärker oder schwächer ausgeprägter Form allen Moralisierern zu Grunde. Meist äußert sich dies als passiv-aggressives Verhalten. Der Gegner wird verachtet, beleidigt und angefeindet. Er ist prinzipiell schuld an den Zuständen, die der Moralisierer ablehnt. Jeder Versuch auf eine vernünftige Diskussion, wird ignoriert und endet im Streit.

Sucht man zusammenfassend für diese Punkte EINEN Begriff, landet man bei dem Wort Faschismus. All diese Attribute lassen sich auf eben das anwenden, was doch die Moralisierer so dringend zu verhindern suchen. Denn eines ihrer großen Feindbilder ist der Faschismus der Nazis. Nie wieder darf sich wiederholen, was nie hätte passieren dürfen. Dem kann ich nur zustimmen, aber ob es sinnvoll ist, den Teufel mit dem Belzebub auszutreiben?

So wird jeder, der sich tendenziell gegen eine große offene multi-kulti Gesellschaft ausspricht, quasi zum Vogelfreien erklärt. In den Augen der Moralfaschisten hat er damit jedes Recht auf ein soziales Leben verspielt und muss bekämpft werden. Auch Traditionalisten werden kategorisch in die Nazi-Schublade geschoben und verdienen es, angefeindet zu werden. Patriotismus, Tradition und das dritte Reich scheinen eine untrennbare Einheit zu sein und dürfen keinen Bestand haben.

Auch um die klassischen Geschlechterrollen wird viel gestritten. Die verstaubten und sexistischen Ansichten immer noch viel zu vieler fordern Erneuerung. Der Anspruch nach Gleichberechtigung aber hat orwellsche Züge angenommen. Alle sind gleich, aber manche sind gleicher. Der Neo-Feminismus schiebt sich nach vorne und beansprucht Alleinherrschaft. Männer sind prinzipiell verdächtig, haben sie doch Jahrtausende lang alles unterdrückt, was nicht eindeutig männlich ist. Für einige scheint das ein Freifahrtschein zu sein, nun die Männer dafür büßen zu lassen. Jedes Kompliment ist sexistisch, machistisches Verhalten wird öffentlich wochenlang angeprangert und besteht auch nur der leiseste Verdacht auf eine nicht einvernehmliche sexuelle Handlung, fühlen sich die Moralisierer dazu berufen diesen Menschen gesellschaftlich zu vernichten. Ursachenforschung, ob der gestellte Verdacht auch berechtigt ist, findet oft nicht statt. Zu schnell ist das Urteil gefällt und wird mit aller Härte verfolgt. Zeit sparen heißt Publikum gewinnen. Wer sein Urteil schneller fällt, kann eher damit beginnen die Zuhörer und Leser für sich zu gewinnen.

Weitere beliebte Themen, um die Moralkeule zu schwingen, sind der Umweltschutz sowie das Thema Ernährung. Der Schutz der Erde, der Tiere und der Menschen wird zum heiligen Gral erklärt. Dabei geht es vor allem um die Wehrlosen. Sie sind die dankbarsten Ziele, da sie nicht für ihre eigenen Interessen einstehen können. Also brauchen sie jemanden, der das für sie übernimmt. Da sich die Wehrlosen auch nicht gegen den selbsternannten Vormund wehren können, ist dieser vollkommen frei in seinen Entscheidungen.

Über allem steht der gute Zweck und die Forderung, nun endlich zu einer besseren Welt zu gelangen. Denn das ist das oberste Ziel. Zu lange musste die Welt unter der Schlechtigkeit der Menschen leiden. Nun soll alles besser werden. Die Erde haben wir doch nur von unseren Kindern geliehen und müssen alles daran setzen, dass wir sie für unsere Nachkommen erhalten, so der Grundtenor.

Da kommt ein Mädchen wie Greta Thunberg genau richtig. Sie prangert an, was alle längst wissen aber nicht ändern können. Sie verkörpert das leidenschaftliche Streben nach einer besseren Welt und unterstreicht das schlechtes Gewissen, was alle schon so lange mit sich herum tragen. Der Siegeszug der kleinen Greta liegt begründet in der Unsicherheit und dem damit verbundenen Gewissen der Menschen, die sich nichts sehnlicher wünschen als einen festen Rahmen, in den sie sich legen können, um endlich nicht mehr so verantwortlich zu sein. Da zeigt sie sich wieder, die Infantilität, die Sigmund Freud als Ursache für jeden Glauben gesehen hat. Der große Wunsch nach Trost und Hilfe von einem übermächtigen Vater, der die Geschicke der Welt leitet und lenkt und der die Verantwortung von den Menschen nimmt, damit sie niemals gänzlich die Schuld für all das Leid auf Erden tragen.

Genderwahn – Warum das Gendersternchen Quatsch ist

Stellen Sie sich vor, Sie hören das Lied von Rolf Zuckowksi „Wie schön, dass Du geboren bist“ aber mit folgendem Text:

„Alle Deine Freunde, Freundinnen und Kinder mit intersexuellem Hintergrund freuen sich mit Dir,

Alle Deine Freunde, Freundinnen und Kinder mit intersexuellem Hintergrund freuen sich mit Dir.“

So oder so ähnlich könnte sich der bekannte Vers anhören, wenn der sprachliche Genderwahn weiter fortschreitet. Oder das Lied wird gar nicht mehr gesungen, oder ausgetauscht, gegen ein gendergerechtes Kinderlied. Rolf Zuckowksi hält es für möglich, dass seine Lieder bald nicht mehr in öffentlichen Einrichtungen gesungen werden dürfen, da seine Texte nicht gegendert sind. Er argumentiert, dass die Kinder die das Lied singen vielleicht bald gar nicht mehr verstehen, dass mit Freund gleichzeitig auch Freundin gemeint ist und sich die Mädchen damit ausgeschlossen fühlen.

Noch ist offiziell nichts passiert aber der Stein des Anstoßes wurde bereits ins Rollen gebracht.

Unlängst hat der Rat für Rechtschreibung getagt, um über das Gendersternchen abzustimmen. Das Gendersternchen ist ein Satzzeichen, dass zwischen die maskuline und die feminine Schreibweise eines Wortes gefügt wird und dort als Platzhalter fungiert. Es würde dann beispielsweise nicht mehr Lehrer-/innen heißen sondern Lehrer*innen. Damit soll die Geschlechterneutralität des Begriffes deutlich gemacht werden, außerdem sollen damit interesexuelle Menschen angesprochen und mit einbezogen werden. Ausgelöst wurde die Diskussion durch eine Anfrage der Landesstelle für Gleichbehandlung in Berlin. Die wollten wissen, wie man „angemessen über Personen jenseits der beiden klassischen Geschlechter Mann und Frau schreiben kann.“ Als orthografische Möglichkeit kam nun das Gendersternchen auf den Tisch, dass die Vielfältigkeit der Geschlechter bedenken und somit die Gleichbehandlung jedes Geschlechts unterstützen soll. Damit folgt die Debatte dem Wahn sprachliche Gerechtigkeit würde zu real gelebter Gerechtigkeit führen.

Auch wenn das Gendersternchen vorerst nicht in den Duden aufgenommen wird, hat es dennoch bereits Einzug in das Leben genommen. Manche Studenten bringen das Gendersternchen sogar sprachlich zum Ausdruck, indem sie zwischen den Wortteilen eine Pause machen. Also beispielsweise: „Lehrer (Pause) Lehrerinnen“ und auch einige Politiker benutzen das Sternchen bereits in ihren Zeitungsbeiträgen und wollen damit ihre angebliche Weltoffenheit und Toleranz demonstrieren. Sie etablieren so ein nicht anerkanntes sprachliches Mittel, was zur Folge hat, dass die Gesellschaft denkt, es wäre richtig und wichtig das Gendersternchen zu nutzen. Die Tatsache, dass der Duden es ablehnt und die Gründe, die dieser dafür anführt, wird für die Befürworter keine Gewichtung mehr haben. Jeder Gegner wird von nun an in die Ecke der Intoleranz gestellt und somit nihiliert. Denn „Weltoffenheit“ ist mittlerweile gleichbedeutend mit der Bejahung und der uneingeschränkten Anerkennung jeder noch so kleinen Befindlichkeit einer Randgruppe.

Wenn man sprachlichen Mitteln aber die Macht gibt in einem Satz so zu tun, als würde man sich wirklich um die Belange von Unterdrückten bemühen, wieso sollte sich dann noch jemand in anderer Weise darum kümmern? Sich mit Toleranz schmücken ist angesagt wie selten zuvor aber diese auch zu leben, verkommt daneben zu einer blassen Randfigur, der niemand Bedeutung beimisst. Mit Dingen wie dem Gendersternchen erhält die Welt ein Mittel, dass Verständnis und Akzeptanz stärken soll, allerdings in den meisten Fällen nur dazu beiträgt, dass sich Diskussionen darüber auflösen, da man ja ein Wort dafür gefunden hat, mit dem man so tun kann, als hätte man sich gekümmert.

Die eigentlichen Probleme von Transgendern werden damit nicht oder kaum gelöst. Auch wenn man weiß, dass Sprache auch das Denken bestimmt, ergibt sich durch das Gendersternchen und das schriftliche Chaos was daraus resultiert, erst einmal eine Sonderstellung für die Betroffenen. Und Sonderstellungen haben meist eines zur Folge: Ausgrenzung und Diffarmierung. Dass das den Betroffenen eher schadet als nutzt liegt auf der Hand. Aber was wünschen sich Transgender eigentlich? Liest man sich beispielsweise durch die Beiträge der Transgender Germany – TGG in Facebook erhält man den Eindruck, dass es zu aller erst um Akzeptanz und Toleranz Transgendern gegenüber geht. Ein Leben führen, wie jeder andere Cisgender (also Menschen deren physische und psychische Geschlechteridentität übereinstimmt) auch. Ein selbstbestimmtes Leben ohne Einschränkungen, Anfeindungen und Beeinflussungen, die sie in eine festgelegte Geschlechterrolle hineinpressen will. 

Die Zeitschrift Emma hat Raewyn Connel interviewt. Raewyn ist eine australische Soziologin, die 60 Jahre als Mann lebte, bevor sie sich für eine Transition entschied. Sie wünscht sich, nicht als drittes Geschlecht klassifiziert zu werden. „Ich glaube, dass es eine wichtige Herausforderung für Feministinnen ist, transsexuelle Frauen nicht als eine Art drittes Geschlecht zu denken. Sondern als Teil der Vielfalt von Frauen, wie junge oder alte Frauen, Frauen mit Behinderung oder Frauen mit Migrationshintergrund.“ 

Mit der Einführung des Gendersternchens würde dieses dritte Geschlecht rein sprachlich sofort entstehen. Man würde einen Zustand für Transgender schaffen, der sie wieder in eine bestimmte Rolle presst. Ob das für alle wünschenswert ist, bleibt fraglich.

Dazu soll noch ein sprachliches System geändert werden, was überhaupt keiner Änderung bedarf! Das Genus-System der deutschen Sprache ist formal und richtet sich nicht generell nach dem biologischen Geschlecht. Ein gutes Beispiel dafür ist das Wort „Mädchen“, welches den Genus im Neutrum hat, obwohl ein Mädchen biologisch eindeutig weiblich ist. Wie dieses System im Laufe der Zeit entstanden ist, also wie welches Nomen seinen Genus bekommen hat, lässt sich heute nicht mehr einwandfrei nachvollziehen. Sicherlich haben auch die zur entsprechenden Zeit herrschenden Machtstrukturen zur Zuweisung der Geni geführt, wie es die Linguistin Luise Pusch anführt, aber warum man dieses System deswegen gänzlich in Frage stellen muss erschließt sich mir nicht. Was außer völligem Chaos erreicht man dadurch? Denn der Wunsch, mit dieser neuen Schreibweise mehr Gerechtigkeit und Sicherheit in diese Welt zu bringen ist ein Trugschluss. Zu oft wird versucht, die Misogynie des Altertums einfach auszulöschen, als hätte diese Zeit nie stattgefunden. Also darf auch in der Sprache nichts mehr daran erinnern, dass es einmal eine Zeit gab, in der Frauen in diesem Land unterdrückt wurden. Eine tatsächliche Änderung der Zustände erreicht man dadurch nicht. Im Gegenteil. Das Thema Gender wird von der breiten Masse nicht ernst genommen und kommt eher daher wie ein Emanzen-Kreuzzug, der all die dummen Unwissenden mit ihrer schier unermesslichen Weisheit belehren und bekehren will.

Die Vergangenheit lässt sich aber nicht ausslöschen, sie ist wie sie ist. Alles was man tun, kann um einen guten Umgang mit ihr zu finden, ist sie zu akzeptieren und den nachfolgenden Generationen zu erklären, warum war was war und warum es gut ist, dass es heute nicht mehr so ist. Mit Verboten und Zensuren erreicht man hauptsächlich, dass sich die Menschen dagegen auflehnen. Um Akzeptanz zu erreichen, muss man einen anderen Weg beschreiten.

Zu Unrecht verurteilt – kann der Lügendetektor helfen?

Ein Fall in Ferdinand von Schirachs Buch „Schuld“ handelt von einem jungen Ehepaar. Sie sind finanziell abgesichert und wünschen sich in naher Zukunft Kinder. Ein glückliches junges Paar. Bis der Mann der sexuellen Belästigung an einer Minderjährigen angeklagt und auch verurteilt wird. Er muss 2 Jahre ins Gefängnis, verliert seine Frau und all seine Perspektiven. Nachdem er wieder frei ist, rollt ein Anwalt seinen Fall erneut auf und es stellt sich heraus, dass das Mädchen und auch die Zeugin (ebenfalls ein junges Mädchen) eine Falschaussage gemacht hatten. Der Mann hatte ihnen nie etwas getan.

Dieser Fall zeigt eindrücklich, wie dramatisch es sein kann, wenn jemand zu Unrecht verurteilt wird. Gerade Sexualdelikte erregen immer wieder Aufsehen, da die Beweislage meist schlecht nachzuvollziehen ist.

Auch die #metoo Welle führt dazu, dass sich Gerichte vermehrt mit Strafverfahren wegen Verleumdung beschäftigen müssen, wie zum Beispiel im Fall der Frankfurterin Schwesta Ewa. Sie behauptet, während ihrer Zeit in U-Haft von mehreren Wärtern sexuell belästigt worden zu sein. Die Staatsanwaltschaft geht von Verleumdung der Wärter aus. Aber ist es nicht denkbar, dass diese Übergriffigkeiten wirklich stattgefunden haben? Im bestehenden System steht am Ende aber Aussage gegen Aussage und den Kürzeren zieht im Zweifel derjenige, dem der Richter schlicht nicht glaubt. Denn die Feststellung, ob eine Aussage wahr oder falsch ist, obliegt nach deutschem Recht allein dem Tatrichter.

Auch im Fall Dieter Wedel, der zu Beginn dieses Jahres mehrfach wegen sexuellen Missbrauchs bezichtigt wurde und deswegen auch mit wirtschaftlichen Einbußen rechnen musste, sind Anzeigen wegen Verleumdung möglich. Denn Belege für die Übergriffigkeiten wurden nicht gefunden.

Aber was tun? Wie kann man dagegen vorgehen, wenn die Beweismittel fehlen?

Eine Möglichkeit, die nie ganz verschwindet aber in Deutschland bisher nicht vor Gericht zugelassen wurde, ist der Polygraph auch Lügendetektor genannt.

In Deutschland hat der Apparat keinen guten Ruf. Zu groß sind die Bedenken, vor der Fehlhaftigkeit des Apparates und seiner Manipulierbarkeit. Denn wie kann der Polygraph bei einem Kriminellen funktionieren? Bei einem Menschen, der kein normales Verhältnis zu seinem Fehlverhalten hat und es ihm somit leicht fällt Straftaten zu begehen und keine Reue dafür zu empfinden?

Aber was ist mit den Fällen, in welchen kein klassischer Verbrecher auf der Anklagebank sitzt, sondern ein rechtschaffender Bürger, der zu Unrecht eines Verbrechens oder einer Straftat angeklagt wird, wie im Falle des Mannes von dem Schirach berichtete? Wenn es keine ausreichenden Beweise gibt, der Angeklagte aber dennoch unschuldig ist. Wäre es in einem solchen Fall nicht gut, eine Möglichkeit zu haben ihn zu entlasten?

In anderen Ländern, wie z.B. Belgien oder Polen, ist es vor Gericht jedem Angeklagten erlaubt sich eines physiopsychologisches Tests mittels eines Polygraphen zu unterziehen. Das Resultat wird anschließend ebenso behandelt, wie jedes andere Beweismittel.

Hierzulande wird die Option des Lügendetektors seit 1954 vom BGH wiederholt nicht akzeptiert. Die Gründe dafür beziehen sich auf die Wahrung der Menschenwürde und auf die Falsifizierbarkeit des Gerätes. Der Nutzen eines Polygraphen verdient kaum Beachtung.

Bisher ist man in Strafverfahren ja auch ohne dieses weitere Beweismittel ausgekommen. Wieso an einem Stuhl rütteln, der sich so schön eingesessen hat und so bequem geworden ist? Aber darf man deshalb die unschuldig Verurteilten außer Acht lassen? Der BGH-Richter Ralf Eschelbach geht davon aus, dass jedes vierte Urteil ein Fehlurteil ist. Statistiken dazu gibt es keine. Das System hält zusammen und will sich die Butter nicht vom Brot nehmen lassen. Den Betroffenen aber hilft es nicht, wenn man, wie in jedem System mit X % Verlusten rechnet. Justizirrtümer zerstören Leben!

Aber es gibt auch Gerichte, die sich von diesem Urteil nicht beeindrucken ließen und den Polgraphen im Verfahren eingesetzt haben, sowie das OLG Dresden und das AG Bautzen. Beide setzten den Polygraphen zur Entlastung in Familienstreitigkeiten ein. Der erste Schritt für die Zulassung von Polygraphen ist also getan, aber es gilt die Sensibilität für dieses Thema zu schärfen.

Ich selbst war jahrelang der Ansicht, dass man Lügendetektoren nicht trauen kann, schon gar nicht vor Gericht. Sie sind fehleranfällig, manipulierbar und sicher nicht dafür geeignet Kriminelle zu überführen. Aber in welchen Fällen ein solcher Apparat durchaus sinnvoll sein kann, das wurde mir erst klar, als ich einen befreundeten Anwalt zu einem Streitgespräch in die Kanzlei “verte” in Köln begleiten durfte. Hier fand am 25.05.2018 eine Diskussion zum Thema Polygraphen statt.

Teilnehmende waren die Dipl. Psychologin Dr. Gisela Klein, die führende Sachverständige für Polygraphen in Deutschland, Prof. Dr. Thomas Fischer, ehemaliger Vorsitzender des 2. Strafsenats des BGH und Prof. Dr. Holm Putzke, Rechtswissenschaftler mit einer Lehrprofessur für Strafrecht in Passau.

Das Gespräch wurde eröffnet von Dr. Gisela Klein, die eine Einführung in Entstehung und Verfahren des Polygraphen gab. Der Polygraph, der 1935 von C. G. Jung und M. Wertheimer erfunden und in diesem Jahr auch zum ersten Mal getestet wurde, findet auch heute noch Verwendung.

Das Prinzip beruht auf den Messungen physiologischer Reaktionen des Befragten, die Rückschlüsse auf den Wahrheitsgehalt der Aussage haben sollen. Die Messungen des Polygraphen werten Atmung, Puls, Butdruck und elektrische Leitfähigkeit der Haut aus und geben Aufschluss über die unwillentlichen körperlichen Aktivitäten des Probanden.

Somit wird mittelbar auf den Wahrheitsgehalt der Aussage rückgefolgert. Die Annahme ist, dass Menschen in bestimmten Situationen bestimmbare physiologische Reaktionen zeigen, z.B. dass Menschen nervös werden, wenn sie lügen. Auch wenn diese Nervosität dem Gegenüber unbemerkt bleiben kann, so reagiert das vegetative Nervensystem des menschlichen Körpers doch und wird somit messbar, so die Theorie. Reaktionen äußern sich in einer Veränderung der überprüften Areale. Der Puls steigt, die Atmung wird schneller, ebenso können Schwitzen und Zittern auftreten.

Gemessen werden mehrere Reaktionen gleichzeitig bei verschiedenen Fragestellungen. Diese Fragen erstrecken sich von normalen alltäglichen Fragen, bis hin zu den gezielten Fragen, deren Wahrheitsgehalt es zu überprüfen gilt.

Frau Dr. Klein berichtete auch von mehreren Studien, bei welchen der Polygraph mit sehr guten Ergebnissen abgschnitten hatte. Diese kann ich leider nicht aufführen, da ich die Quellen dazu nicht finden konnte.

Nach der Einführung zum Polygraphen, diskutierten Prof. Dr. Fischer auf der Contra Seite und Prof. Dr. Holm Putzke auf der Pro Seite über den Nutzen des Lügendetektors. Im Wesentlichen wurden alle Punkte aufgeführt, die ich zu Beginn dieses Artikels ausgeführt habe.

Was mir am Ende fehlte, war eine konkrete Aussicht auf dieses Thema. Wenn die Falsifizierbarkeit eines solchen Gerätes so maßgeblich ist, der Nutzen aber unumstritten, wieso scheint die Motivation ein geeigneteres Verfahren zu finden so schleppend? Der Contra Sprecher, Prof. Dr. Fischer führte selbst an, dass die heutige Wissenschaft zuverlässigere Verfahren anbietet, wie die Messung von Hirnströmen (EEG) oder auch die Mimkiforschung. Sucht man aber nach Forschungen zu diesem Bereichen, wird man hierzulande nicht fündig. Dazu muss man über den großen Teich schauen, wo bereits der Polygraph seit Jahrzehnten Verwendung findet. Sichtbar wird hier, dass Verfahren erst dann tiefergehend erforscht werden, wenn sie Anwendung finden. Das die Polygraphen Forschung in Deutschland so stiefkindlich behandelt wird, verwundert nicht, wird der Polygraph doch in juristischen Fragen kaum angewendet. Damit ist aber nicht gesagt, dass der Polygraph ein schlechtes Gerät sein muss. Gibt es doch genügend andere Bereiche, in dem er Verwendung findet. Was dem Polygraphen fehlt ist eine gute Lobby und die wird er unter den herrschenden Bedingungen nicht finden.

Bleibt zu hoffen, dass sich in Zukunft mehr Gerichte ein Beispiel an dem OLG in Dresden und dem AG in Bautzen nehmen werden und es so irgendwann möglich wird, das BGH davon zu überzeugen, dass Lügendetektoren, ob in Form eines Polygraphen, eines EEGs oder eines sonstigen Apparates, sinnvoll für die Beweisentlastung sein können.

Gerechtigkeit-ein Definitionsversuch

Um sich dem Thema Gerechtigkeit anzunähern, braucht es zuerst einen Ausgangspunkt. Wie kann man ein gerechtes Leben und Sein definieren, wenn doch jeder unterschiedlich damit umgeht? Um eine Definition zu finden, habe ich mir philosophische Ansätze angeschaut. Ich habe mich für zwei Theorien entschieden, die sich in meinen Augen gut ergänzen und leicht verständlich sind.

Da gibt es zum einen den Konstruktivismus und zum anderen John Rawls, ein amerikanischer Philosoph, der mit seiner „Theorie der Gerechtigkeit“ ein einflussreiches Werk der politischen Philosophie verfasst hat. Beide Theorien sind in meinen Augen wichtig, um sich klar zu machen, welche Sachverhalte für die Gerechtigkeit eine Rolle spielen.

Der Konstruktivismus geht in seinen Grundregeln davon aus, dass ein Weltbild immer subjektiv ist und sich jeder seine eigene Wirklichkeit kreiert. Eben so, wie es Pippi Langstrumpf sang: “Ich mache mir die Welt, widewidewie sie mir gefällt”. Eine Wirklichkeit, die für alle gleich ist, gibt es nicht. In dieser Definition der Wirklichkeit geht es aber weniger um das “Was” als vielmehr um das “Wie”. Denn ein Apfel ist optisch und haptisch für jedermann ein Apfel. Aber der Sinn eines Apfels, kann für jeden verschieden sein. Ein Apfel kann für den einen Evas Sündenfall bedeuten, ein anderer sieht darin die Basis für einen Apfelkuchen, den seine Oma immer gebacken hat. So kann ein Mensch, der das alte Testament sehr ernst nimmt, in einem Apfel eine Teufelsfrucht sehen, während ein anderer nicht im Entferntesten daran denkt, dass an einem Apfel irgendetwas Schlechtes sein könnte.

Sollte ein Apfel zwischen diesen beiden Menschen einmal zu einer Diskussion führen, kann man absehen, dass sich beide in diesem Punkt niemals einigen würden, da beide Ansichten ihre Berechtigung haben, aber doch völlig verschieden sind und auch keine Schnittmengen haben. Nur wenn man sich darauf einigt, dass ein Apfel sowohl als auch sein kann, kann man eine endlose Diskussion umgehen.

Man muss also festhalten, dass die Wahrheitsfindung immer durch ein individuelles Weltbild geprägt ist und somit auch immer einzigartig ist. Eine absolute Wahrheit existiert nicht. Jedenfalls nicht, wenn es um den Sinn von Dingen geht.

Wenn es keine absolute Wahrheit gibt, wie kann man dann Gesetze entwickeln, die für jeden gelten?

John Rawls kreierte dafür das Gedankenexperiment um den Schleier des Nichtwissens. Nur ein absolut neutraler und objektiver Mensch kann Entscheidungen treffen, die für alle gelten. Mit dem Schleier ist also ein kognitiver Zustand gemeint, der alle Gedanken und Überlegungen ausschließt, die sich um den Ausgang einer Entscheidung drehen. Mit diesem Zustand ist es möglich eine Entscheidung absolut neutral zu treffen, da man alle eigenen Belange ausklammern kann. Dazu ein Beispiel.

Es muss eine Entscheidung gefällt werden über einen Baum der zwischen zwei Nachbarn steht. Die eine Partei möchte, dass der Baum gefällt wird, die andere Partei will, dass der Baum stehen bleibt. Da der Baum genau in der Mitte wächst, hat keiner der beiden Parteien ein mehrheitliches Vorrecht.

Damit derjenige, der die Entscheidung in diesem Fall trifft, diese Entscheidung auch wirklich unter dem Schleier des Nichtwissens treffen kann, darf er in keinem verwandtschaftlichen oder freundschaftlichen Verhältnis zu den beiden Parteien stehen. Dieser Grundsatz ist durch die Befangenheits Klausel (Recherche) abgedeckt. Weiterhin darf der Entscheidende selbst niemals so einen Fall erlebt haben, da ihn ein solches Erlebnis in seiner Neutralität beeinflussen könnte. Auch darf er keinen Nutzen durch die Entscheidung, die er trifft, haben. Dieser Nutzen ist manigfaltig auslegbar. So darf es keinerlei Bestechung geben, die die Entscheidung beeinflusst, auch das ist in unserem Rechtssystem berücksichtigt. Aber es darf auch keinen gedanklichen Nutzen geben, der den Entscheidenden beeinflussen dürfte. So wäre eine kleine Sympathie mit einer der Parteien schon zu viel, um den Schleier des Nichtwissens wahrlich aufrecht zu erhalten. Es würde schon ausreichen, dass der Entscheidende ein Sympathie für Bäume hätte und schon könnte er nicht mehr objektiv entscheiden.

Der Entscheidende dürfte auchnicht wissen, ob sich, nachdem er die Entscheidung getroffen hat, irgendetwas für ihn ändert und mag die Veränderung auch noch so winzig sein.

Durch den Schleier des Nichtwissens sind alle Bedeutungen, die der Entscheidende sich selbst zuschreibt vergessen, denn nur wenn man keine eigenen Belange in jedweder Art mitbedenken muss, kann man wirklich objektiv und fair beurteilen.

Die Theorie klingt gut aber wenn man alle eigenen Belange ausklammert

keine Bedeutung für sich selbst hat, kann man den Dingen an sich dann noch Bedeutung beimessen? Wie kann ich mir vorstellen, was ein Baum für jemanden bedeutet, wenn ich selbst keine persönliche Bedeutung für ihn habe? – noch bearbeiten

Es gibt also keine absolute Wahrheit und somit kann es auch keine absoluten Gesetze geben. Gerechtigkeit ist also immer nur ein Ausschnitt dessen, was zur Zeit der Definition von den Definierenden in Betracht gezogen wurde. Nur das, was zu dieser Zeit vorstellbar war und auch diejenigen selbst betraf oder schon mal betroffen hatte, konnte zum endgültigen Gesetz führen.

Gerechtigkeit ist also bestimmt von den Erfahrungen eines jeden. Was für mich nicht vorstellbar ist, kann ich auch nicht gerecht bewerten.

Hierin zeigt sich implizit das Drama der modernen globalisierten Welt. Zum einen wird natürlich immer mehr vorstellbar, was kein Drama sondern auch ein Gewinn ist, aber zum anderen heißt das auch, dass Urteile gefällt werden, deren Tragweite man nicht einschätzen kann, da man gar nicht alles kennen was dazu führt. So sagte schon Aristoteles, dass der Maßstab, nach dem eine Gruppe urteilt, von den sozioökonomischen Bedingungen, in welcher sie sich befinden, abhängt.

Wie kann ich beispielsweise gerecht über eine Kultur urteilen, die ich nicht kenne oder von der mir nur oberflächliche Fakten bekannt sind?

Existenziell wichtig für eine Gerechtigkeitsfindung ist es also, möglichst viele Fakten zu kennen und auch selbst ein möglichst offener und auch erfahrener Mensch zu sein, da ein Urteil sonst nicht gerecht ausfallen kann.

#notheidisgirls – warum GNTM sexistisch ist

Warum GNTM sexistisch ist
#notheidisgirls

Wir schreiben das Jahr 2018, #metoo und damit auch die negative Objektivierung der Frau, die in aller Munde ist. Gedichte, die bewundern werden wegen Sexismus Vorwurf entfernt und auch klassische Kunstwerke sollen aus Museen verbannt werden, da zu viel nackte Haut oder anrüchige Szenen gezeigt werden. Man kann sagen, dass extreme Zustände herrschen, die auch nicht davor halt machen, die Freiheit der Kunst in Frage zu stellen. Hauptsache man erreicht eine sexistisch einwandfreie Umwelt.

Aber es gibt auch TV-Formate, deren Beliebtheit keinerlei Abbruch erleben, obwohl sie vor Sexismus nur so triefen. Hier möchte ich mich aber einer bestimmten Sendung widmen. Denn ich verstehe nicht, warum dieser Sendung, unter den momentanen Zuständen nicht gleich der Saft abgedreht wird, obwohl sie junge Mädchen behandelt wie ein Stück Fleisch. Die Kritik an dieser Sendung wird zwar mit #notheidisgirls lauter aber bisher niemals so laut, dass es wirklich bis zur breiten Masse durchgedrungen wäre. Weder haben namhaften Magazine auch in ihren Printausgaben darüber berichten, noch hat eine Bombendrohnung im Finale dazu führt, dass der Aufschrei  um diese Sendung wirklich laut wurde.

Vielleicht liegt es daran, dass diese Sendung von einer Frau geführt wird. Diese Frau allerdings ist ein Beispiel für weibliches paternalistisches Verhalten. Sie besteht ausschließlich aus übersteigertem Selbstbewusstsein, Selbstverliebtheit, Business- und Machthunger und somit zeigt sie die gleichen Charakterzüge wie Harvey Weinstein, Donald Trump und Co. Auch bei ihr kann man psychopathische Züge vermuten, denn Mitgefühl scheint diese Frau ebenso wenig zu kennen wie besagte Herren. Nur das, was Erfolg verspricht wird gefördert. Alles andere, egal wie groß das menschliche Schicksal dahinter ist, zählt nicht. Schlimmer noch, was nicht in ihr Weltbild passt, wird bloßgestellt, verspottet und “ausgelacht”. Dabei helfen ihr 2 Juroren, deren bornierte Blödheit und kindischen Affekte das Ganze als schlechten Slapstick ins Bodenlose stilisieren.

Die Rede ist von Heidi Klum und dem Format Germanys next Topmodell. Eine Sendung, die sehr junge Frauen dazu zwingt eine Puppe zu sein, ohne Willen, ohne Bedürfnisse und ohne Respekt vor sich und den eigenen Grenzen. Nun kann man sagen, die Mädels entscheiden sich selbst dazu bei diesem Format mitzumachen. Was ist gegen den Traum Model zu werden einzuwenden? Wenn jemand Spaß daran hat als lebende Anziehpuppe zu arbeiten, dann soll er das auch tun können!

Aber diese Sendung produziert keine Models. Die Maschinerie um Heidi Klum und die Model Agentur OneEins, die von Günther Klum geführt wird, will ihre Models gar nicht auf den Laufstegen sehen. Vielmehr sollen sie an jeglicher Art Werbeveranstaltung teilnehmen, wie Einweihungen von Einkaufszentren oder ähnlichem. Und diese dienen wiederum nur dem Image von GNTM und Heidi Klum. Die Mädels sind die Aushängeschilder der Show und sollen selbige im Gespräch halten. Ähnliche Mechanismen findet man auch bei Sendungen wie DSDS, The Voice oder ähnlichen Shows. Keinem dieser Formate geht es wirklich darum Künstler oder echte Models hervorzubringen. Die Sieger dürfen einige Zeit im Namen der Shows durch diverse Städte tingeln oder an Marketing Produktionen teilnehmen. Sie sind quasi die Vertriebsleute der Shows, die dem kleinen Mann das Gefühl geben, dass er Teil nehmen kann an dieser Show, mit dabei sein kann.

Die Erwartungen, die die jungen Menschen an diese Show haben werden nicht erfüllt und hatten auch nie vor sie zu erfüllen. Von diesem Standpunkt aus betrachtet, wissen die Teilnehmer eben oft nicht worauf sie sich einlassen.

Die Macher hingegen erwarten und verlangen Höchstleistungen von den Teilnehmern. Wer diese nicht erfüllt fliegt. Und in keinem Format ist der Erwartungsdruck höher und gnadenloser als bei GNTM.

So erwartet Heidi von ihren “Mädchen” ein so großes “Selbstbewusstsein”, dass sie sich bereits am 2. Drehtag der neuen Staffel nackt am Strand ausziehen müssen. Das Ganze soll ohne Hemmungen und ohne Scheu geschehen, damit die Mädels sich dann vor allen anderen sexy und lasziv wie Lolita im Sand räkeln. Aber bitte nicht zu sexy! Sonst sieht es nach Playboy aus und das ist so gar nicht on vogue und geht in den Augen der Juroren dann doch zu weit. So jedenfalls äußern sich Heidi und ihre beiden Lakaien Thomas Haio und Michael Michalsky. Ein Mädel, dass ihnen zu sehr nach Playboy aussieht, wird in der Entscheidungsrunde für diesen Sachverhalt abgestraft, in dem man ihr mitteilt, als wirkliches Model könnte sie nie arbeiten. Vielleicht für Sportmode. Dass die selbsternannte Übermutter der Models, Heidi, selbst ihre größten Erfolge als Sportmodel einheimste und die großen Laufstege der Pretaporte nie gesehen hat, interessiert nicht. Sie ist schließlich das Gesetz in dieser Schmierenkomödie.

Klum, die rappeldürre wannabe MILF, die in jeder Situation ihre Erhabenheit ausnutzt, dabei mit geheuchelter Mütterlichkeit versucht den jungen Frauen den letzten Funken ihres Selbstrespekts zu nehmen, ist der Inbegriff des weiblichen Sexismus und der Menschenverachtung. Eine Frau, die Äußerlichkeiten zum heiligen Gral erhebt und die nicht dazu in der Lage zu sein scheint, irgendetwas anderes wahrnehmen zu können, ist das Idol und Vorzeigemodel einer Nation.

Diese Verlogenheit dieser Show, die in jedem zweiten Schnitt erkennbar wird, die mit den Emotionen und Gefühlen dieser jungen Dinger spielt, wie die Katze mit der sterbenden Maus, scheint auch die Anziehungskraft dieses Formates auszumachen. Extreme prallen aufeinander. In einer wunderschönen Kulisse, kämpfen optisch perfekte kleine Mädchen um den zweifelhaften Ruhm, das beste TV Model Deutschlands zu werden. Dabei sind viele bereit mehr zu geben, als sie jemals bereit waren zu tun.

In diesem Alter, zwischen 16 bis Mitte 20 fällt es vielen leicht ihre Grenzen zu überschreiten. Vor allem wenn sie damit ihren infantilen Traum einer Modelkarriere wahr machen können. Dass sie dabei auch ihre Würde opfern ist Ihnen erst mal egal. Denn sie erlangen den Ruhm den sie wollten, werden bewundert von tausenden Girlies, die diesen Traum teilen. Die auch anfangen von so einem schlanken (klapperdürren) Körper zu träumen und bereit sind, viel dafür zu tun. Wie viele junge Dinger sich für diesen Traum in Bulimie oder Magersucht gestürzt haben? Obwohl man sagen muss, dass es mittlerweile auch einige normal proportionierte  oder Plus Size Mädels gibt. Das soll dazu dienen, einen toleranten und weltoffenen Ruf zu ernten, damit sich die Macher selbstgefällig auf die Schulter klopfen können. Es ist aber einfach nur kalte Berechnung und hat mit wirklicher Toleranz Andersheit gegenüber soviel zu tun wie eine Seegurke mit Ballett.

Das von Klum geforderte Selbstbewusstsein, ist eher vergleichbar mit dem Verhalten eines Boderliners, der seine Grenzen regelmäßig soweit überschreitet, dass er sich selbst zerstört. Promiskuitives Verhalten, dass gar keine eigenen Grenzen und somit auch kein Problem mit deren Überschreitung kennt, wird gefördert und belohnt. Mädels, die ein vollkommen normales Bewusstsein zu sich selbst und auch zu ihren Grenzen haben, werden verachtet und runtergemacht. Nur wer regelmäßig seine eigenen Grenzen überschreitet und bereit dazu ist die Hilferufe seiner Physis und Psyche zu ignorieren erhält Anerkennung. 

Um ein Beispiel zu nennen: Ich weiß nicht mehr welche Staffel das war, jedenfalls mussten die Mädels in der Vorhalle eines alten Schlosses Dessous präsentieren. In dieser Halle herrschten eisige Temperaturen. Ein Mädel das schon den Tag zuvor von einem Arzt krankgeschrieben wurde, wegen einer Lungenentzündung, hustete sich die Seele aus dem Leib, wollte dieses Shooting aber unbedingt machen. Also erzählte sie ihren Model-Vormündern nichts davon. Thomas Hayo hörte sie allerdings husten und fragte, ob alles in Ordnung sei. Soweit so menschlich. Das Mädel antwortete, dass der Arzt ihr eine Lungenentzündung attestiert habe, sie dieses Shooting aber unbedingt machen wolle. Da antwortete dieser Kerl doch wirklich: “Ok, aber wenn es schlimmer wird, hörst du auf.”

Schlimmer? Soll sie dazu tot umfallen? Ich weiß noch wie ich mich über diese Szene aufgeregt habe und darüber, dass sowas auch noch ausgestrahlt wird. Was soll das den Zuschauern suggerieren? Wie unfähig und unmenschlich dieser Mensch ist oder wie wenig Verständnis man für Krankheiten haben sollte?

Was diese Sendung eindrucksvoll klarmacht, sind die Zustände, die im Modebusiness vorherrschen müssen. Denn Klum ist nur die Schaufensterpuppe einer Industrie, die genau das ist; sexistisch und menschenverachtend. Die Modebranche erschafft auch in einer aufgeklärten Zeit wie heute nur ein einziges weibliches Bild; das der ewig lustvollen und willigen Frau mit perfekter Optik, die aber außer ihrem oberflächlichen Äußeren nicht viel zu bieten hat. 

Musste sich jede andere Branche bereits dem Aufruf zur Gleichberechtigung beugen, so bleibt die Modebranche davon unberührt und erfährt keinerlei Einbußen durch Debatten wie #metoo. Sie ist sogar noch unendlich stolz auf ihre herzlose Ausprägung und erhebt sich dafür selbst in den Olymp der Götter. 

Diese Zustände sind bekannt und werden alle paar Jahre mal wieder hinter dem Ofen hervorgekramt, wenn ein Mädchen an ihrer Magersucht oder einem anderem Raubbau an ihrem Körper gestorben ist. Die Pluse Size Models, die mittlerweile über den Laufsteg geprügelt werden, sollen zeigen wie offen diese Branche nun geworden ist. Aber Sendungen wie GNTM oder auch das nachahmende Format Curvey Super Models  zeigen, wie wenig sich wirklich geändert hat. Denn es geht nicht nur um dick oder dünn, es geht vor allem darum, wie wenig sich diese Branche um den Menschen schert, nämlich überhaupt nicht.

Was mich bei all dem besonders wütend macht, ist dass in der heutigen Zeit, in der all das um #metoo geschieht, eine Sendung wie GNTM davon völlig unberührt bleibt. Wie kann das sein? Geht es bei #metoo nicht gerade um frauenverachtende bzw. menschenverachtende Zustände? Wie Frauen zu Objekten gemacht werden und andere diese Objektstellung ausnutzen? Genau das geschieht fast in jeder Minute bei GNTM, wo bleibt der große Aufschrei um diese Zustände? Nur weil eine Heidi Klum nicht grabscht und eine Frau ist, kann sie nicht menschenverachtend und sexistisch sein? Kann sie ihre Machtstellung nicht ausnutzen und junge Dinger zu etwas zwingen, das jedem guten Anstand widerspricht? Wo bleiben die empörten Eltern, die dieses Format mit ihren Protesten in die Knie zwingen?

Die Empörungskultur macht vor nichts halt aber bei dieser Sendung scheinen alle auf Stand-by zu schalten und geflissentlich zu übersehen, wie sehr diese Sendung die Emanzipation der Frau mit Füßen tritt. Das eine Frau eben keine Anziehpuppe ist, ohne Willen oder Gefühle, Grenzen oder Bedürfnisse.

Wie kann es sein das herausragende Kunstwerke wegen #metoo eliminiert werden, aber aktuelles Zeitgeschehen davon unberührt bleibt? Wieso werden Männer, die angeblich ihre Machtposition vor vielen Jahren ausnutzten, wie Dieter Wedel, regelrecht gejagt, eine Heidi Klum wird dafür aber quasi gefeiert wird? Ist die #metoo Debatte wirklich so kurzsichtig? Ich denke man kann diese Frage ganz klar mit “Ja” beantworten, denn es ist viel einfacher den offensichtlichsten Sündenbock zum Schafott zu tragen, anstatt ein kleines Stück weiterzuschauen und wirkliche Missstände aufzudecken und zu ändern.

Ein weiteres Mal schaue ich enttäuscht auf eine Debatte, die so viel Gutes bewirken könnte aber der es doch eigentlich nur darum geht, eine Hexenjagd auf leichte Beute zu machen und diese dann möglichst medienwirksam zu Grunde zu richten.

Feminismus als Lehre vom Opfer?

Frauen sollten keine Opfer sein, vor allem sollten sie nicht durch eine Debatte zu Opfern gemacht werden! Aber das Frauen im Allgemeinen für sich selbst sprechen können, scheint keine Relevanz mehr zu haben, betrachtet man die derzeitigen Geschehnisse. Die #metoo Bewegung erschuf ein überempfindliches Umfeld, in dem sogar die Bewunderung an eine Frau mit dem Sexismus Stempel versehen wird. Und dieser Stempel ist vergleichbar mit dem zwangsvollsteckerischen Kuckuck, denn ist er einmal aufgebracht ist die Pfändung bzw. Eliminierung nicht mehr weit.

Jüngst geschehen mit einem Gedicht an der Fassade einer Berliner Hochschule. An der Fassade der Alice Salomon Hochschule in Berlin steht seit 2011 das Gedicht des Lyrikers und Gewinners des Alice Salomon Poetik Preises Eugen Gomringer. Das Gedicht “avenidas” lautet in deutscher Übersetzung wie folgt:

“Alleen / Alleen und Blumen / Blumen / Blumen und Frauen / Alleen / Alleen und Frauen / Alleen und Blumen und Frauen und ein Bewunderer”

Dieses Gedicht soll nun entfernt werden. Der Studierendenrat sieht darin eine Provokation durch klassisch patriarchale Klischees, in welcher ein männlicher Künstler von einer Frau zu Kunst inspiriert wird. 

Alleine dieser Sachverhalt macht mich ziemlich sprachlos. Was daran ist sexistisch? Ist es die Inspiration? Ist es die Bewunderung? Vermutet werden kann viel, dass die Hochschule diesem Antrag aber wirklich statt gibt, lässt mich schier verzweifeln.

Wie nur kann eine Hochschule einen kruden Gedanken und den Hype um Sexismus einem Grundrecht vorziehen? Den was hier geschieht ist eine klare Einschränkung der Kunst und somit ein Verstoß gegen das Grundrecht der Kunstfreiheit Artikel 5 Absatz 3 des Grundgesetzes.

Wie nur kann es dazu kommen? Die Ursache hierin mag in dem überpolitischen Ansinnen liegen nur ja niemanden zu verletzen, der es vermeintlich schwer genug hat. Das sind momentan die Frauen, welche durch die #metoo Debatte als Generalopfer dargestellt werden. Jede Frau hat bereits ein #metoo erlebt und muss mit allen Mitteln vor möglichen weiteren #metoos bewahrt werden. Wenn es sein muss auch mit Zensur und Einschränkung der Freiheit.

Ob nun wirklich alle Frauen derart beschützt werden wollen, diese Frage ist an mir vorbei gegangen. Aber darum scheint es auch nicht zu gehen. Es geht zunehmend um Macht. Die #metoo Sympathisanten suchen mit allen Mitteln nach männlichem Machtmissbrauch und werden selbst mehr und mehr zum Machtmissbrauchenden. Denn mit der Offenlegung ist es längst nicht mehr getan. Es geht um mediale Hetze und um Ausmerzung von allem, was auch nur im Entferntesten einen Hauch Sexismus an sich trägt. Man bekommt eine Ahnung davon, was die Leute im Mittelalter an der Hexenverfolgung fanden, nämlich den Spaß daran einer guten Sache zu dienen und seine Wut an den Schuldigen auszulassen, bis man sie vernichtet hatte. Die dramatischen Folgen so einer Hexenjagd verlieren sich in der Euphorie der Hatz.

Das die #metoo Debatte dabei gänzlich aus dem Ruder gelaufen ist und ihrem eigentlichen Ansinnen nur noch schadet, dürfte klar sein. Vor allem schadet sie dem Ansehen des Feminismus, der in den letzten Jahrzehnten bereits Schaden genommen hat. Nun dürfte der Ruf gänzlich dahin sein. Denn der heutige Feminismus, ich möchte ihn Neo-Feminismus nennen, sieht in den Frauen nur eines: Opfer. Ein Opfer ist nicht in der Lage sich selbst zu schützen und muss folglich beschützt werden. Somit sind es auch nicht die eigentlich Betroffenen, die den größten Wirbel machen, sondern es sind die selbsternannten Beschützer, man könnte sie auch Helikopter-Beschützer nenne, die sich aufspielen und alles kurz und klein machen, was ihren Schützlingen eventuell schaden könnten. Und eben dieser Umstand macht die ganze Sache so bodenlos.

Liebe Neo-Feministen, bitte hört auf in allen Frauen Opfer zu sehen. Eure gedanklichen Großmütter würden sich im Grabe umdrehen, wenn sie sehen würden was ihr aus ihrem Erbe macht. Durch Euch verkommt der Feminismus mehr und mehr zum Schreckgespenst der Neuzeit. Das, was Frauen zu so viel verholfen hat, verkommt zu einem schlechten Spuk, der allen Angst machen soll und dabei Zorn und Hass schürt.

Der ursprüngliche Gedanke von Feminismus ist eine Theorie der Freiheit und nicht der Einschränkung! Er hat Frauen einst dazu verholfen keine Opfer mehr zu sein und nun erklärt er sie zu genau dem: zu Opfern. Das darf nicht sein und vor allem darf es nicht so bleiben!

Feminismus darf nicht die Lehre vom Opfer werden! Feminismus sollte für ein gleichberechtigtes Miteinander stehen oder wie Johanna Dohnal es ausdrückte

„Die Vision des Feminismus ist nicht eine ‚weibliche Zukunft‘. Es ist eine menschliche Zukunft. Ohne Rollenzwänge, ohne Macht- und Gewaltverhältnisse, ohne Männerbündelei und Weiblichkeitswahn.“

Was ist Gerechtigkeit?

  1. Was ist Gerechtigkeit? Was auf den ersten Blick wie eine einfache Frage erscheint, erweist sich beim genaueren Hinsehen als Elferfrage. So hat zwar jeder direkt eine Vorstellung, wenn man ihn nach Gerechtigkeit fragt, aber die eigene Gerechtigkeit lässt sich nicht pauschal verallgemeinern und auch die Gerechtigkeit die von den Gesetzen eines Staates ausgehen, gelten nicht immer als gerecht (man denke an die sogenannten Rechtsverdreher). Wie also kann man hier zu einem Schluss kommen?

Die Frage nach der Gerechtigkeit flammte in mir auf, als ich einen Artikel über einen jungen Beamten namens Ronny las, der wegen einem Bore Out vom Dienst freigestellt wurde und ein Ruhegehalt von 1400 € erhält. Ronny engagiert sich in dieser freien Zeit ehrenamtlich und macht eine Fortbildung, um irgendwann einmal einem Job nachgehen zu können, der für ihn besser ist. Die Überschrift des Artikels lautete „Beamter – Ich spare für meine Beerdigung“.

Mein erster Impuls, bereits während dem Lesen: „Dir würde ich gern mal was vom harten Leben erzählen und ich glaube 1 Millionen andere auch!“ Wut stieg in mir hoch. Die Kommentare unter dem Artikel zeigten, dass es anderen auch so erging wie mir aber es mindestens genau so viele gab, die für Ronny in die Bresche sprangen und ihn nach Leibeskräften verteidigten. Für den Verlauf will ich die beiden Parteien mit Hater (jene, die sich gegen Ronny aussprachen) und Gooder (jene, die sich für Ronny aussprachen) bezeichnen. Ganz besonders interessant fand ich die Kommentare der Gooder, die den Hatern empfahlen doch auch Beamter zu werden, wenn sie mit ihrem Gehalt (z.B. als Pflegekraft) so unzufrieden sind. Auf die Frage, wie sie sich das denn vorstellen, wenn plötzlich alle Pflegekräfte Beamte würden, kam keine wirkliche Antwort mehr.

Nun saß ich da mit meiner Wut und es kam noch mehr Wut dazu, denn ich verstand die Position der Gooder nicht. Wie konnte man nicht sehen, dass es doch zum Himmel schreit, wenn ein Mensch für´s Nichts Tun soviel Geld bekommt, wie beispielsweise eine Pflegekraft für einen Fulltime Job? Da kann der arme Ronny nichts dafür, aber er ist in diesem Moment das Medium für meine Wut. Natürlich sollte man ihn nicht unter Hass Kommentaren begraben, aber sein Schicksal in Frage zu stellen und dabei auch nach anderen Schicksalen zu fragen und darüber zu diskutieren, halte ich sehr wohl für legitim. Aber das scheinen die Gooder anders zu sehen.

Es scheint ein neues Phänomen der Social Media Portale zu sein, dass alle Gooder vereint um ungebremst gegen jeden Hater vorgehen, mag er auch noch so gut argumentieren. Alles, was auch nur im Geringsten nach Hater aussieht, wird angegriffen und scheinbar entkräftet mit Verständnis und Solidarität für die angefeindete Person. Prinzipiell ist das auch eine gute Sache, nachdem die Hater in den letzten Jahren so viel Aufmerksamkeit bekommen haben, aber was mir immer sauer aufstößt, wenn ohne Sinn und Verstand drauf los gepostet wird. Da verbündet sich dann eine Gruppe gegen eine Meinung und jede Personen, die diese Meinung anschließend vertritt, wird zusammen niedergemacht. Da geht es dann nämlich um vieles aber nicht um Gerechtigkeit. Dabei, denke ich mir, ist das Ansinnen vieler Gooder nämlich gerade  die Gerechtigkeit wieder herzustellen, die durch die Hater aus dem Ungleichgewicht geraten zu sein scheint. Was ihnen dabei nicht auffällt ist, dass sie die selben Mittel anwenden wie die Hater und sie sich somit auf die gleiche Stufe stellen wie jene, die sie versuchen zu bekämpfen.

Gerechtigkeit ist ein großes Thema und jeder beschäftigt sich implizit so gut wie jeden Tag damit. Im Job, im Privatleben, einfach in jeder Situation die eine Interaktion mit anderen Menschen erfordert. Permanent wird abgewogen, ob alles auch gerecht oder fair zugeht. In den meisten Fällen wird man sich mit der Umwelt auch schnell einig, wenn es um augenscheinlich „offensichtliche“ Gerechtigkeitsbelange geht. Beispielsweise wenn es darum geht, das ein Kollege im Büro immer bevorzugt wird, obwohl weder seine Leistungen noch sein Verhalten besser ist als das aller anderen. Hier wird man schnell Verständnis von anderen Personen bekommen und ist somit mit seinem Gerechtigkeitsempfinden nicht mehr alleine. Wenn man erst andere gefunden hat, die einen unterstützen, kann man auch leichter seine Gerechtigkeit einfordern. Hat man allerdings einen Punkt gefunden, der einem unfair erscheint, den aber kein anderer nachvollziehen kann, steht man ziemlich alleine da mit seinem Gerechtigkeitsbedürfnis. So ging es wohl lange Zeit vielen Frauen, die sexuelle Übergriffe ertragen mussten. Vielleicht erzählten sie jemandem davon aber sie fanden nicht genügend Personen, die ihr Ungerechtigkeitsempfinden nachvollziehen konnten, also war es auch keine Ungerechtigkeit. Man kann fast sagen, dass Gerechtigkeit erst dann entsteht, wenn viele das Gleiche sehen.

So kam ich zum Thema Gerechtigkeit und musste feststellen, dass es allenfalls eine subjektive Gerechtigkeit gibt. Dennoch möchte ich versuchen, eine Annäherung an das Thema zu finden und werde das mit mehreren Texten tun. „Was ist Gerechtigkeit“ wird eine Serie, in der ich mich mit verschiedenen Themen im Bezug auf Gerechtigkeit beschäftigen möchte.

 

 

Weiblicher Sexismus

Sexismus ist männlich! Oder? Verfolgt man die momentane Debatte über den Hollywoodproduzenten Harvey Weinstein, bekommt man diesen Eindruck. Ein wütender, keifender Mob zieht durch die virtuellen Straßen und zerrt die sexistischen Altlasten hervor, um sie im Tageslicht zu präsentieren und sie medienwirksam zu zerfleischen. Aber das dürfen wohlgemerkt nur Frauen. Jedenfalls behaupten das einige von ihnen und so mancher Mann hebt zaghaft den Finger, um vielleicht doch ein Wort dazu zu sagen. Und das ist gut so. Diese Zaghaftigkeit wäre nicht nötig, denn diese Debatte betrifft alle, Männer wie Frauen. Das Argument vieler Frauen, Männer könnten ja gar nicht nachempfinden, wie es ist, sexuell belästigt zu werden, ist Blödsinn. Dürften jeweils nur die Betroffenen über ein gesellschaftliches Problem reden, käme es nie zu einer umfassenden Debatte, geschweige denn zu einem Konsens oder einer Lösung. Hinter dieser Forderung steckt, was die Äußernden so vehement verhindern wollen: Sexismus! Hier ist es allerdings weiblicher Sexismus, der Männern aufgrund ihres Geschlechtes verbieten will, eine Meinung zu diesem Thema haben zu dürfen oder sich an der Diskussion zu beteiligen. Aber das wird gar zu gerne übersehen, denn es gehe ja um Jahrtausende lange Unterdrückung, da sei Moralextremismus erlaubt. Und manche Frau bemerkt gar nicht, dass ihr die Borniertheit und Verbohrtheit, die sie den Männern vorwirft, selbst anhaften.

Sexismusdebatten beflügeln alle feministischen Unrechtsbekämpferinnen bei der Forderung, dass Jahrtausende währende Misogynie innerhalb weniger Wochen komplett ausgemerzt werden soll, inklusive einer Generalentschuldigung, die alle Männer leisten sollten. Männer sind die Täter und alle Teil des Problems und müssen sich ändern, damit endlich Gerechtigkeit herrschen kann. Aber kann man es sich wirklich so einfach machen? Sexismus im Sinne von Diskriminierung und Unterdrückung findet täglich statt. Und zwar gegen Männer und gegen Frauen. Die Beispiele der Frauenunterdrückung sind hinreichend bekannt, die Diskriminierung gegen Männer befindet sich in einer Grauzone. Sicher hat der Sexismus gegen Männer nicht die Methode wie jener gegen Frauen, dennoch ist er für die Betroffenen nicht weniger quälend.

Beispiele für weiblichen Sexismus
Es fängt bei der Behandlung von Jungen in der Grundschule an. Jungs sind in diesem Alter häufig schwieriger als Mädchen, daher erhalten Mädchen den Vorzug. „Beim Übergang auf das Gymnasium müssen Jungen eine deutlich höhere Leistung erbringen. Der Weg in die Berufsausbildung ist für Jungen erschwert”, kritisierte Universitätspräsident Dieter Lenzen (damals FU Berlin) schon vor Jahren. „Von allen Schulabgängern ohne Abschluss sind 62 Prozent Jungen.“ Die Ursachen dafür liegen nach Untersuchungen des Bundesbildungsministeriums auch in einer Vorherrschaft von weiblichen Lehrkräften. Jungen würden von ihnen häufig schlechter bewertet und behandelt.
Warum gerade in Kindergarten und Grundschule häufig Frauen arbeiten, liegt auf der Hand. Zum einen, weil sie traditionell die Erziehung der Kinder übernehmen, und zum anderen, weil männlichen Erziehern der Pauschalverdacht des sexuellen Missbrauchs an Kindern anhaftet. Manche Eltern haben schon ein Problem damit, dass ein Erzieher ihr Kind auf den Schoß nimmt. Was diese Eltern davon halten, wenn ein Erzieher ihr Kind wickelt, dürfte klar sein. Der Erzieher-Beruf ist sicher per se kein Berufsschlager für Männer, aber die wenigen, die sich dazu berufen fühlen, lassen sich sicherlich auch durch diesen Generalverdacht abschrecken.
Dabei sind Männer in einer Kita existenziell wichtig, gerade für die Beaufsichtigung der Jungen. Sich keilende Jungs lassen sich von einem Mann mit einem Wort auseinander bringen. Eine Frau schafft das oft nur mit Mühe. Diese Erfahrung habe ich in meinem Freiwilligen Sozialen Jahr im Kinderhort selbst machen dürfen und bekam sie auch von meinen Kolleginnen und Kollegen bestätigt.
Auch im Streit um das Sorgerecht für ein gemeinsames Kind haben Männer das Nachsehen. Männer erhalten vor Gericht nur in jedem siebten bis achten Fall den Zuspruch, Frauen in jedem Zweiten. Generell hat der Mann in zerbrochenen Beziehung gerne das Nachsehen. Eine Vielzahl von Männern verlieren nach einer Trennung nicht nur ihre Frau, sondern auch Haus und Kinder – und erhalten im Gegenzug die Pflicht zur Unterhaltszahlung. Ich kenne solche Geschichten aus dem Freundeskreis zur Genüge. Auch die Geschichten, in denen Männer jahrelang nichts von der Existenz ihres Kindes wissen und dann aufgefordert werden Unterhaltszahlungen zu leisten. In puncto Familie liegt die Vorteilsstellung, auch gesetzlich, bei der Frau und viele Männer leiden stark darunter. Den Aufschrei darüber vermisst man allerdings. Ob es an fehlender Aufschrei-Neigung der Männer liegt oder am mangelnden Interesse der Medien, man weiß es nicht. Fakt ist, dass auch Frauen Männer unterdrücken.

Fazit: Gleichberechtigung für Mann und Frau
Aber warum das alles? Warum grabe ich die Ungerechtigkeiten der Frauen aus, wo es doch darum gehen soll, Männern ihren Sexismus klar zu machen? Ist es nicht gut, dass Frauen endlich Gehör bekommen, und berichten können, was ihnen tagtäglich angetan wird? Ja und nein. Denn aller Aufschrei bringt nichts, wenn danach nur alles schlimmer wird. Denn was momentan erzeugt wird, sind Unsicherheit und Unmut. Viele können die Sexismusdebatte nicht mehr ernst nehmen und verbinden damit nur noch keifende Frauen, die Männer in ihrem bisherigen Leben und Handeln einschränken wollen. Und darum darf es nicht gehen! Bei der Emanzipation sollte es um Gleichberechtigung und zwar beider Geschlechter gehen, in der niemand eine Sonderstellung einnimmt. Diese Sonderstellung der Frau wird durch die einseitige Diskussionsführung, die momentan vorherrscht, allerdings erreicht.
Natürlich ist es richtig, Alltagssexismus, Diskriminierung und Unterdrückung von Frauen zu thematisieren, damit diese Zustände verbessert werden können. Aber das erlangt man nicht, indem man nur dem Mann pauschal die Schuld an allem gibt. Die weibliche Opferrolle, die einige Frauen für wünschenswert halten, mag zwar eine einfache Rolle sein, die einem das Mitgefühl anderer sichert, die einem die Schuldfrage abnimmt und in welcher man sich die Selbstreflexion sparen kann. Aber wie lange kann man sich vor der Verantwortung drücken und sich darauf beschränken andere für die Probleme verantwortlich zu machen?
Wer ernst genommen werden will, muss über die Selbstbemitleidung hinaus wachsen und dazu bereit sein sich selbst neu zu erfinden.
Ungerechtigkeit kann man nur mit Gerechtigkeit begegnen und Gerechtigkeit ist keine Einbahnstraße.

 

Anmerkung: Dieser Text erscheint auch bei Novo Argumente für den Fortschritt

#metoo

 

Derzeit ist der Aufschrei der Medien wieder groß, nachdem die sexuellen Machenschaften des Harvey Weinstein öffentlich gemacht wurden. Unzählige Frauen bekennen mit #metoo ihre Erfahrungen mit sexueller Gewalt und es wird deutlich, dass sexueller Missbrauch und Alltagssexismus präsent wie eh und je sind. Dieser reicht von Anmachsprüchen auf offener Straße, über tätliche sexuelle Belästigungen im Job, bis hin zur tätlichen sexuellen Gewalt. Die Medien überschlagen sich mit Artikeln zu diesem Thema. Berichte von betroffenen Frauen und aus welchem Bereich sie stammen bis hin zu Verhaltensregeln, die Männer befolgen sollten . Die Liste der in den letzten 2 Wochen erschienen Artikeln ist lang, sehr lang. Noch länger sind die Kommentarleisten unter den Artikeln, mit empörten und betroffenen Lesern.

Der Mann immer noch ein Höhlenmensch?
Das Thema ist wieder omnipräsent und zeigt die Brisanz die dahinter steckt. Sexismus existiert und vor allem der männliche Sexismus hat eine ungeheure Schlagkraft wenn es darum geht im Gespräch zu bleiben. Der böse Mann lebt mit seinem Denken eigentlich immer noch in der Höhle und sieht in der Frau nur die Gebährmaschine und den sexuellen Lustgewinn. Emanzipation hat also eigentlich noch gar nicht stattgefunden und der Mann muss mit Biegen und Brechen dazu gebracht werden, Frauen respektvoll zu behandeln. Wie es so ist mit den schnellen Medien heutzutage, haftet jedem Artikel ein gewisses Drama an, nichts verkauft oder klickt sich schließlich besser als ein Hauch Überemotionalität.

Wer hat recht?
Die Kommentare unter den Artikeln haben zwischen sich meist einen Graben. Da sind die Frauen, die moralextremistisch laut trommeln, dass jeder blöde Spruch auf der Straße sexuelle Belästigung ist und damit fast unweigerlich auch zur Vergewaltigung führen muss und da sind die Männer, die sich über die Übertreibung des Themas aufregen und das ganze nicht mehr wirklich ernst nehmen können. Tja, und wer hat nun recht? Wie immer liegt die Antwort irgendwo dazwischen.

#metoo Debatte
Ich finde diese #metoo Debatte eher verstörend, denn hier werden Flirt und sexueller Missbrauch in einem Atemzug genannt. Diese Dinge können vielleicht fließend sein aber dennoch kann man ein „Hey Schätzchen“, was einem jemand auf der Straße zu ruft, nicht mit dem Missbrauch von widerstandsunfähigen Personen oder sexueller Gewaltanwendung gleichsetzen! Ich empfinde es auch als empörend, eine vergewaltigte Frau auf eine Stufe zu stellen mit einer Frau die mal einen doofen Kommentar auf der Straße zu hören bekommen hat. Das verhöhnt die Opfer und trägt in puncto Ernsthaftigkeit nur dazu bei, dass dieses Thema zu einer Debatte von Pseudo Betroffenen verkommt.

Flirt oder sexuelle Belästigung?
Die Frauen die ich kenne, empfinden es in der Regel als schmeichelnd, wenn sie auf der Straße angflirtet werden. Natürlich gibt es Grenzen und man kann ein Hinterherpfeifen nicht vergleichen mit einer schmierigen Anmache, bei welcher der Flirter weder die Regeln des Mindestabstandes noch des guten Anstandes einhält. Ich kann nicht von mir auf andere schließen aber auch ich bin jahrelang in einer deutschen Großstadt tagtäglich mit Bus und Bahn unterwegs gewesen und habe so einiges in Sachen Anmache miterlebt. Es gab lustige Momente und auch Momente in denen ich mich lautstark verteidigt habe. Dazwischen lagen Welten und die lustigen Momente haben definitiv überwogen. Es mag auch eine Einstellungssache sein, aber man sollte einen Flirtversuch auch erst einfach mal als das stehen lassen was es ist und nicht gleich zu einem riesigen Ding aufbauschen und jedem Flirtwilligen gleich bösen Sexismus unterstellen. Ich denke das ist ein Punkt über den sich viele männliche Leser aufregen, vielleicht flirten sie selbst gern mal ein/e Mädchen/Frau auf der Straße an und wollen sich diese harmlose Sache auch nicht verbieten lassen. Warum auch? Wenn man hier anfinge, wo müsste man dann aufhören? Flirten nur noch nach vorheriger offizieller Absegnung? Ich weiß nicht was sich manche Frauen vorstellen, die fordern jegliches Flirten sollte verboten werden und Männer sollten sich ausschließlich an die Benimmregeln aus oben genannten Artikel halten, um mit einer Frau Kontakt aufzunehmen. Ich kann aber auch die Frauen verstehen, die in der allzu aufdringlichen Form des Flirtens einen Nährboden für Respektlosigkeit Frauen gegenüber sehen. Allerdings muss man dann auch einen netten Flirt von einer sexistischen Anmache unterscheiden. Sexuelle Belästigung ist definiert als: geschlechtsbezogene entwürdigende bzw. beschämende Bemerkungen und Handlungen, unerwünschte körperliche Annäherung, Annäherungen in Verbindung mit Versprechen von Belohnungen und/oder Androhung von Repressalien“. Ein Kompliment im Sinne von: „Ich finde du siehst gut aus“ ist also nicht gleichzusetzen mit „Ey Schlampe, du siehst fickbar aus“ oder sonstigen unflätigen Bemerkungen. Und die meisten Männer sind sich dieser Unterscheidung wohl bewusst und machen so etwas auch nicht. Der Nährboden für sexuellen Missbrauch ist also nicht der harmlose Flirt, sondern die sexuelle Belästigung!

Alltagssexismus
Und dann ist da noch der Alltagssexismus. Die Selbstverständlichkeit von Männern, Frauen als minderbemittelt darzustellen, sie als unwichtig abzutun und sie als Freiwild zu betrachten. Ich arbeite in einer Männerdomäne, ich kenne die Verhaltensweisen und kämpfe immer wieder dagegen an. Dennoch habe ich diese Tatsache als eine Herausforderung im Leben angesehen und nicht als Grund dafür mich permanent diskriminiert und schlecht behandelt zu fühlen. Ich finde Wege um das zu erlangen was ich will, das hat bisher immer geklappt und ich habe es noch nie für nötig befunden mich an eine Gleichstellungsbeauftragte wenden zu müssen, die mir mein Recht im Zweifel einklagt. Was hätte ich auch davon? Die Missgunst aller Kollegen und das blöde Gefühl das ich jeden Tag hätte, wenn ich zur Arbeit ginge. 
Aber es ist schwierig das aus Sicht einer jeden Frau zu beurteilen. Ich bin in einem Männerhaushalt groß geworden und kenne es gar nicht anders, als mich gegen Ignoranz gegen Frauen durchsetzen zu müssen. Aber ich habe es doch sehr oft verflucht, das es so ist. Aber so ist das Leben eben. Man kann sich das Wenigste aussuchen und muss mit vielem klar kommen, ob es einem passt oder nicht. 

Aber es gibt auch den hässlichen Sexismus der mir Kopfzerbrechen bereitet, keine Frage. Kurioser Weise erlebte ich ihn fast ausschließlich im Privaten, von Partnern und Freunden. Da war Beispielweise ein guter Bekannter der sehr zudringlich wurde und dem ich mich schließlich nur entziehen konnte, in dem ich den Kontakt abbrach. Ich erzählte Freunden davon, die uns beide kannten. Sie gaben mir die Schuld daran, ich hätte mich ja auch nicht so aufreizend kleiden dürfen. Und auch in Partnerschaften habe ich viel erlebt, was erniedrigend, demütigend und zerstörend war. Ich sollte die Frau sein, die funktioniert, die ausschließlich für den Partner da zu sein hatte und die kein Recht auf eigene Bedürfnisse hatte. Auch diesen Zuständen konnte ich nur durch Flucht entkommen. Verständnis und Einsicht konnte ich von den Herren nicht erwarten, denn am Ende war ich es ja die sich anstellte und sich aufregte. Im Nachhinein frage ich mich, wie ich in diese Strukturen geraten könnte aber das ist ein anderes Thema. Auf jeden Fall weiß ich was es heißt Alltagssexismus und auch Missbrauch ausgesetzt zu sein und ich erkenne die Unterschiede zwischen Klischee-Dummheit und wirklichem bösartigen Sexismus. Beides ist nicht schön aber nur der wirklich bösartige Seximus ist verurteilungswürdig. Die Klischee-Dummheit sollte man mit einem guten Spruch oder einem müden Lächeln abtun, denn mehr Emotion und Aufwand sollte man dabei nicht verschwenden. Das ist es einfach nicht wert.

Fazit: Nobody is perfect
Als Fazit möchte ich schließen, kein Mensch ist perfekt und auch Frauen sind sexistisch. Sie machen es anders, subtiler aber deswegen ist es nicht besser und Frauen werden dafür auch nicht an den Pranger gestellt und massenwirksam fertig gemacht. Lasst die Kirche im Dorf und unterscheidet zwischen nett gemeint, Dummheit und Bösartigkeit. Wir alle haben die Antennen um das eine vom anderen zu unterscheiden, wir müssen es nur wollen. Hysterie bringt niemandem etwas. Es geht doch darum ernst genommen zu werden, gehört zu werden und darum das sich wirklich etwas ändert. Mit Moralextremismus und Polemik erreicht man nur, dass mehr und mehr Leute das Thema belächeln und als hysterische Emanzen Debatte abtun und das sollte nicht passieren. Es ist gut, dass darüber gesprochen wird, auch dass dieses Thema diesen Hype erlebt denn nur so gelangt es in die Köpfe der Menschen. Aber dann sollte es auch als das hängen bleiben was es ist: Als Debatte um Gleichberechtigung, dass man niemanden einfach benutzen kann wie es einem passt, dass jeder den gleichen Respekt verdient hat und als ganzer und vollwertiger Mensch betrachtet werden sollte, ungeachtet welches Geschlecht er hat oder welche Nationalität, wie er sich kleidet oder aussieht.

Leben wir in einer Demokratie?

Ist die Demokratie der westlichen Welt noch glaub- und vertrauenswürdig? Nach dem Brexit und der Wahl Donald Trumps zum neuen Präsidenten der USA hat die Demokratie in den Augen vieler an Wert verloren. Trotz demokratischer Wahlen, in der sich die Mehrheit für den Brexit und Donald Trump entschieden haben, schlagen allerorts Menschen die Hände über dem Kopf zusammen und beschwören angesichts dieser Ereignisse den Niedergang der Demokratie herauf. Wie nur konnten die Wähler es zulassen, dass solch unvernünftige Entscheidungen getroffen wurden, heißt es.

Auch in Deutschland hadert man mit den Meinungen von Teilen der Bevölkerung, insbesondere den AfD-Wählern. Wenn sich so viele Wähler auf diese „Bauernfänger“ einlassen, kann man ihnen dann überhaupt noch eine Wahl anvertrauen? Manche Politiker zweifeln an der Mündigkeit der Wähler oder appellieren an sie, die eigene Stimme nicht zu verschenken an eine Partei wie die AFD.

Schon vor Jahren hatte der damalige Frankfurter FDP-Chef Dirk Pfeil seine Zweifel an der Wahlmündigkeit der Wähler artikuliert. In einem Interview sagt er der Frankfurter Neuen Presse: „Es ist schlimm, dass die Mehrheit der Bevölkerung keine politische Bildung genossen hat. Die Masse ist meinungslos, sprachlos.” Auf die Frage, ob die Wähler zu ungebildet sind, um die FDP zu verstehen, antwortet er: „Die Masse ja.” Außerdem verzweifle er „am mangelnden Willen der Wähler, sich ein bisschen schlauer zu machen.

Zunehmend gilt der Wähler als wahlunmündig. Er informiert sich nicht und verschenkt seine Stimme an Populisten. Dabei sind es meist nicht alle Wähler, die in Verdacht stehen, „falsch“ zu votieren. Es sind bestimmte Gruppen die verantwortlich gemacht werden für das Übel. Schuld sind die Alten und Ungebildeten, sowohl an der AfD als auch am Brexit und an Donald Trump. Analysen, die Aufschluss darüber geben, wer wen wählt, sind populär wie nie. Das Interesse daran wächst und es scheint, als würde verzweifelt nach einem Sündenbock gesucht, der für diese politischen Entwicklungen verantwortlich gemacht werden kann.In sozialen Netzwerken und auch in der Öffentlichkeit ist das Bashing der vermeintlich Schuldigen groß. AfD-Anhänger werden von Profilen in den Sozialen Medien verbannt und bei öffentlichen Veranstaltungen der AfD beschimpft und bedrängt.7Trump- Anhänger werden erst recht geächtet, so wie im Falle eines Essener Burgerbuden-Betreibers. Ihm gehen die Kunden aus, seit er öffentlich Trump seine Sympathie erklärt hat.8Es gibt in den Augen vieler zwei Arten von Wählern: gute und schlechte. Die Guten klopfen sich auf die Schulter und loben sich dafür, das einzig Richtige zu tun. Die Bösen werden beschimpft, ausgeschlossen und zur nationalen Bedrohung hochstilisiert. Mittels eines Sündenbocks lassen sich alle Probleme leicht erklären. Wie es allerdings zu den Problemen gekommen ist und was sich dagegen tun ließe, bleibt dabei aus. Die Ursachen für genannten Wahlentscheidungen werden zwar von den Medien immer wieder thematisiert, ein Umgang damit aber nicht oder nur zögerlich gefunden.9Sowohl bei der amerikanischen Präsidentschaftswahl wie auch beim Brexit resultierte die Entscheidung auch aus verletzten Gemütern und einen über jahrzehntelange entstandenen Verdruss über Politik und die Landesführung. Viele fühlten sich von der etablierten Politik nicht repräsentiert und verstanden. Sie hatten das Gefühl bei politischen Alleingängen des Staates übergangen zu werden, wie im Beispiel der Flüchtlingskrise (die auch genutzt wurde, um in Großbritannien und in den USA Stimmung gegen Einwanderer zu machen).10Das hatte ein Großteil der Bevölkerung satt. Protest wurde laut und wenn einzelne Stimmen nicht gehört werden, suchen sie sich einen, der ihnen eine Stimme gibt. Ungeachtet dessen, ob dieser dann auch in Gänze fähig und willens wäre, die Interessen dieser Stimmen durchzusetzen. Die jahrelang entstandene Wut verlangte nach Entladung und daher war es sowohl für die Brexit-Frontleute als auch für Donald Trump ein Leichtes, dieser Stimme Gewicht zu verleihen. Sie sprachen dem wütenden Bürger mit ihren Worten und ihren Argumenten aus der Seele und bekamen den Zuspruch jener, die sich jahrelang nicht gehört und beachtet fühlten.

Die jeweilige Wählermehrheit mag als wütend und verdrossen beschreiben, als dumm und ungebildet sollte man sie nicht betrachten. Sie wollten wieder eine Stimme haben, sie wollten etwas bewegen können, und sei es durch eine sehr kontroverse Entscheidung.

Statt der Mehrheit abzusprechen, wahlfähig zu sein geht es vielmehr darum, die Bürger mehr in demokratische Entscheide mit einzubinden. Viel früher und transparenter und nicht erst dann, wenn nichts mehr zu retten ist. Eine Demokratie kann nur funktionieren, wenn alle Beteiligten eine Stimme haben und die Entscheidungen im Sinne der Mehrheit getroffen werden.

Wenn sich wichtige Teile des Volkes nicht richtig vertreten fühlen, rächen sie sich, und es ist an der Politik, ihr Vertrauen zurückzugewinnen. Aber wie kann das gehen? Jeder Staat legt Demokratie anders aus. In der Schweiz gibt es eine direkte Demokratie. Die Stimmbürger aller Gemeinden, Kantonen und Bundesstaaten gelten als oberste Gewalt und entscheiden in Sachfragen abschließend. Viermal jährlich finden Volksabstimmungen statt, in welcher die Bürger in bis zu zehn Entscheiden über Sachfragen, Gesetze und auch über Haushaltsvorschläge abstimmen können. Die direkte Demokratie gehört zu den eine der beliebtesten Grundlagen des Schweizer politischen Systems.

Direkte Demokratie wird attraktiv. Das Bedürfnis der Bürger nach mehr Selbstbestimmung in politischen Fragen wächst. Auch andere Länder lassen vermehrt Sachverhalte per Volksentscheid zu. Der deutsche EU-Parlamentsabgeordnete und Mitbegründer des Vereins „Mehr Demokratie”, Gerald Häfner (Grüne) befürwortet diese Entwicklung. Er sieht aber auch die Schwachstellen in den Volksentscheiden anderer Länder. Denn worüber abgestimmt wird, wird von oben entschieden, während in der Schweiz fakultative Referenden und Volksinitiativen von den Bürgern ausgehen. Über welche Themen abgestimmt wird, liegt hier nicht in den Händen der politischen Repräsentanten. Nach Häfner kann direkte Demokratie nur funktionieren, wenn sowohl der abzustimmende Sachverhalt als auch die Abstimmung vom Volk ausgeht oder ausgehen kann. Volksabstimmungen wie sie z.B. in Großbritannien durchgeführt wurden, sind in seinen Augen nur ein taktisches Mittel zur Bestätigung der Machthabenden und haben mit wirklicher Mitbestimmung der Bürger wenig zu tun. Auch der Politikwissenschaftler David Altmann sieht in dieser Art der Volksabstimmung eher einen schädlichen als einen wirklich demokratischen Geist.

Ein gutes Beispiel hierfür ist der Brexit. David Cameron, ein Mann dem sein politischer Aufstieg mit Hilfe seines Europa Skeptizismus gelang, der aber eigentlich ein Modernisierer sein wollte. Seine europaskeptische Partei hat ihm zu dem verholfen was er geworden war, mit Parteivorsitz in Brüssel. Er konnte nicht einfach kehrt machen und sagen “Europa ist eine super Sache”. Er war seiner Partei etwas schuldig. Als der Druck zu hoch wurde, tat er was wohl jeder tut, der in die Enge getrieben wird. Er versuchte sich daraus zu befreien und das tat er mit einem, in seinen Augen, sicheren Mittel, denn es war nicht damit zu rechnen, dass dieser Umstand wirklich jemals eintreten würde. Er gab das Versprechen, sollte er alleiniger Entscheider sein, würde er ein Referendum aufstellen über den Verbleib Großbritanniens in der EU. Aber es kam alles anders. Er hatte weiterhin Erfolg, die Konservativen gewannen die absolute Mehrheit und Cameron war Alleinentscheider. Nun musste er sein Versprechen einhalten und das Referendum zu lassen.

Als es Cameron zu viel wurde, sprang Boris Johnson auf den Brexit auf und auch er nutzte diesen für seine Zwecke. Beide, Cameron und Johnson hatten nicht damit gerechnet dass ihr Volk  wirklich mit einem “Ja” stimmen könnte. Aber sie taten es!

David van Reybrouck, ein belgischer Historiker und Gegner des westlichen Wahlsystems, sieht im Brexit das demokratische Versagen der momentanen Form der Demokratie. Politiker die politische Entscheidungen instrumentalisieren für ihre eigenen Zwecke, Medien die nicht richtig aufklären und ein Volk das frustriert ist von der herrschenden Politik. Sie lassen sich fangen von Populisten, die ihnen sagen was sie hören wollen, richtige Inhalte kommen aber nicht an bei den Wählern. So treffen sie eine Wahlentscheidung  mit ungenauer Wissensgrundlage. Van Reybrouck sieht in den vorherrschenden demokratischen Wahlen ein primitives Instrument. Er sieht die Macht nicht beim Volk, sondern bei den Medien und den Parteien. Die Medien beeinflussen und prägen die politischen Debatten und die führenden Parteien nutzen ihren Hoheitsanspruch aus. Mit Nähe zum Bürger hat das wenig zu tun, zumal Parteien und Bundespolitiker nicht vertrauenswürdig erscheinen. Das Vertrauen in die deutschen Spitzenpolitiker bewegt sich prozentual gesehen im einstelligen Bereich.14Mehr Vertrauen wird den Landespolitikern entgegengebracht. Man kann mutmaßen, dass das auch an der direkten Nähe zum Bürger liegt.

Auf Bundesebene werden Wähler in van Reybroucks Augen wie „Wahlvieh“ behandelt. Sie sollen ihre Stimme abgeben, werden aber den Rest der Legislaturperiode nicht für voll genommen. Wähler sollten aber wie Erwachsene behandelt werden, nur dann fühlen sie sich auch ernst genommen und es kann eine wirkliche Macht vom gesamten Volk ausgehen.

Mit G1000 hat van Reybrouck ein Wahlsystem gegründet, was auf Rousseau und Montesquie zurückgeht. Das System funktioniert durch Losentscheid. Van Reybrouck hat es bereits getestet. In einem offenen Verfahren, dass online ausgetragen wurde und an dem alle Bürger Belgiens teilnehmen konnten, wird die Tagesordnung bestimmt. Die Punkte werden somit mehrheitlich entschieden und nicht von den Organisatoren vorgegeben. Nach Abschluss der Umfrage wurden 1000 Menschen eingeladen, um auf einer Tagung über die beschlossenen Themen zu diskutieren. Ausgewählt wurden Menschen aus allen Schichten, ungeachtet welchen Hintergrund und Lebensweise sie hatten. Mediatoren leiteten die Diskussion, so das alle Meinungen gehört wurden und mit in die endgültige Entscheidung mit einfließen konnten. Es war ein erfolgreiches Unterfangen, auch wenn nur 700 der 1000 Ausgewählten erschien. Arbeiter, Akademiker und Obdachlose saßen zusammen und berieten über Themen wie den Sozialstaat, Migration und andere politische Themen und das in respektvollem Miteinander. Für alle Teilnehmer war es eine außergewöhnliche Erfahrung, die sie sicher zum Nachdenken brachte.15Mit der Politik ist es ein bisschen wie mit der Schule. Lernen ist etwas ganz Natürliches,was jeden Menschen erfüllt und erfreut, wenn er es in einem anregenden Umfeld tun kann. Politik und somit Entscheidungen die über die Geschicke der Gemeinschaft abstimmen ist ebenfalls etwas ganz Natürliches und Spannendes, wenn man alle Beteiligten mit einbezieht, ihnen eine Stimme gibt. Wenn man die Stimmen aber kastriert und sie immer wieder enttäuscht, dann verlieren sie ihre Lust daran, konstruktiv mitzuwirken, wie es von ihnen verlangt wird. Es geht also darum, den Ausgangszustand wieder herzustellen. Jeder sollte tun dürfen was ihm zusteht. Nur so ist es möglich die Gesellschaft als Ganzes zu heilen, wie es der Philosoph Kwasi Wireda ausdrückt.

1https://www.welt.de/politik/deutschland/article157651667/Wie-die-AfD-von-der-Panik-der-Parteien-profitiert.html

2

3http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/brexit/wahl-analyse-die-alten-waehlten-den-brexit-14301861.html

4http://www.spiegel.de/politik/ausland/ergebnis-us-wahl-2016-jung-waehlt-clinton-alt-waehlt-trump-a-1120396.html

5http://www.spektrum.de/news/wer-waehlt-die-afd-und-warum/1423189

6https://causa.tagesspiegel.de/politik/wie-zuverlaessig-sind-meinungsumfragen-noch/gute-meinungsforschung-schlechte-meinungsforschung.html

7https://www.welt.de/politik/deutschland/article162542799/Wahlkampf-Auftakt-wird-zum-Spiessrutenlauf-fuer-AfD-Anhaenger.html

8http://www.focus.de/kultur/kino_tv/geht-er-bald-pleite-nach-trump-bekenntnis-essener-burger-laden-chef-laufen-die-gaeste-davon_id_6651335.html

9http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/kanzlerin-angela-merkel-will-staerker-auf-afd-waehler-zugehen-14212858.html

10http://www.stern.de/politik/deutschland/angela-merkels-alleingang-in-der-fluechtlingspolitik-und-seine-folgen-7033820.html

11http://www.planet-wissen.de/kultur/mitteleuropa/urlaubsland_schweiz/pwiedirektedemokratieinderschweiz100.html

12http://www.luzernerzeitung.ch/nachrichten/schweiz/Direkte-Demokratie-liegt-im-Trend;art9641,955343

13https://www.welt.de/politik/ausland/article156514452/Wie-David-Cameron-versehentlich-Europa-opferte.html

14https://de.statista.com/statistik/daten/studie/191776/umfrage/vertrauen-in-politiker/

15http://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/sonntag/david-van-reybrouck-die-rolle-der-lobbyisten-in-bruessel/9941860-2.html

Was Männer “wollen”


Wenn man einen Mann will muss man sich über 2 Dinge klar werden: will ich nur Spaß oder will ich mich binden? Ein “Vielleicht” wird nicht funktionieren, denn Männer verstehen nur das eine oder das andere. Wer keine klaren Angaben macht und sich leicht zum Spaß hinreißen lässt, der wird für eine Beziehung nicht mehr in Betracht. Denn, reicht man einem Mann erst den kleinen Finger in Sachen Sexualität, reißt er gleich den ganzen Arm und den Rest auch noch an sich. Und ein Zurück gibt es dann nicht mehr.

Männer funktionieren einfach, dass weiß jeder seit langem, aber Frauen neigen dazu mehr in das Verhalten der Männer hinein zu interpretieren als da ist. Sie denken zu sehr in ihren eigenen Mustern. Sie suchen die eigenen Wünsche und Träume im männlichen Gebaren, werden aber oft enttäuscht weil nicht eintrifft was sie sich vorstellen.

Männer funktionieren nicht wie Frauen, sie sind nicht gut darin viele Dinge zu vereinen. Ein Mann ist in der Regel klar strukturiert und braucht somit klare Angaben. Die versteht er und kann dann auch damit umgehen.

Was er hingegen nicht kann, ist sich wirklich klar darüber zu sein was er will. Männer wünschen sich eine Mutterfigur, beste Freundin und eine geile Schlampe mit der es im Bett keine Grenzen gibt. Das Problem ist nur, sie wollen nicht eine einzige Frau dafür, nur das gestehen sich die wenigsten wirklich ein.

Männer teilen Frauen gerne in 2 Kategorien ein: Jungfrau Maria und Mata Harie. Die Frau die ihre Kinder bekommen soll, muss anständig sein und ihr soziales Leben sichern, gleicht also einer Jungfrau Maria. Die Mata Harie symbolisiert das Abenteuer und die geistige Herausforderung. Hier wollen sie spielen und sich ausleben. Als Frau ist man entweder das eine oder das andere und darüber sollte Frau sich bewusst sein.

Wenn man einem Mann frühzeitig zeigt, dass man Spaß am Sex und das auch nach außen zeigt und lebt wird er wahrscheinlich nicht mehr die Jungfrau Maria in einem sehen und somit sind die Weichen gestellt. Ist man einmal einsortiert in eine Schublade ist es schwer dort wieder rauszukommen. Menschen lieben ihre Schubladen und tun sich schwer damit sie erneut zu öffnen und neu zu sortieren, gerade dann wenn eine Verknüpfung mit einem emotionalen Moment bereits gegeben ist. Und, wie jeder weiß, ist Sex ein starker Impuls des Mannes und mit viel Leidenschaft verknüpft. Und einen liebgewonnen Gedanken lässt man nicht mehr gern los.

 

Ich glaube viele Männer sind in ihrem Denken noch sehr viel altmodischer als sie jemals zugeben würden. Sie verurteilen zwar religiöse Denkweisen wie die des Islams, die aus ihren Frauen ein Objekt konstruieren das bestimmten Regeln folgen muss um akzeptiert zu werden und alle, die diesen Regeln nicht folgen ein Verstoß droht, aber im Prinzip betreiben sie nur eine entschärfte Variante der Symbolisierung der Frau. Das Ergebnis unterscheidet sich nur im Ausmaß des Umgangs. Hier werden die Mata Haries zwar als Menschen akzeptiert aber als Frauen an sich missachtet und benutzt. Sie haben die Rolle des illustren Zeitvertreibers, des Aufmunterers, der Hure, des Zuhörers, des Psychologen. Sie sollen all das ausgleichen, was im Alltag fehlt, werden aus dem realen Leben aber ausgeschlossen. Sie sind die Traumreisen in ein perfektes Leben, in denen der Mann der Kerl sein kann, der er insgeheim gerne wäre. Wo ihm keiner vorschreibt was er zu tun und zu lassen hat. Wo er einfach  tun und lassen kann wonach ihm ist, ohne Rücksicht auf Verluste. Hier findet er seine Katharsis, seine Entladung von all dem Ärger und Unterdrücktem aus dem Alltag. Flucht vorm ständigen Benehmen müssen, vorm Zusammenreißen, vorm Ärger Runterschlucken, vorm Tun was einem gesagt wird, vorm nicht ernstgenommen werden, vorm Funktionieren müssen. Und da eine Mata Harie in seinen Augen keine richtige Person ist, da sie zum Objekt symbolisiert wird, gelten für sie auch nicht die gleichen Regeln, die für andere Frauen gelten. Verpflichtungen gibt es nicht und auch das Benehmen ändert sich. Es geht ihm schließlich nicht um sie, sondern darum seinen Spaß zu haben, was auch immer dafür nötig ist.

Es hört sich böse an, denn in den Momenten in denen Mann mit Mata Harie zusammen ist oder an sie denkt, ist sie ihm wichtig, sehr sogar aber mehr als irrealer Traum nicht als Realität. Sie bleibt für ihn die Flucht, denn er weiß im Alltag kommt es auf andere Dinge an. Und für den Alltag hat er seine Jungfrau Maria, die reine Frau, die seine Kinder gebärt und die ihm ein sozial anerkanntes Leben bietet und auch für ihn organisiert. Das er dabei seine Männlichkeit über Bord wirft nimmt er in Kauf, da ihm die soziale Anerkennung vordergründig wichtiger ist als sein persönliches Wohlbefinden. Der schöne Schein mit gutem Job, Kinder, Haus, Hund und Frau ist ihm eingeimpft und so in Mark und Bein übergegangen, dass er meistens gar nicht merkt, wie sehr im die Selbstverwirklichung fehlt. In seinen schwachen Momenten begehrt dieses Gefühl in ihm auf, verlangt Beachtung und will befriedigt werden. In diesen Momenten wendet er sich an eine Mata Harie, ist wie er es eigentlich immer gerne wäre, umgarnt sie, ist aufmerksam, damit sie ihm das gibt, was er in seinem Alttag nicht erhält. Es ist wie ein Rausch in dem sich diese kurzen Beziehungsmomente vollziehen. Manchmal dauern sie nur einige Minuten, manchmal auch Stunden oder sogar Tage. Aber sie sind vorübergehend und genau darauf kommt es ihm an. Denn er schafft es gar nicht solange er selbst zu bleiben. Sobald sich seine Großhirnrinde und somit sein Bewußtsein wieder einstellt, fällt ihm wieder ein woraus sein Leben denn eigentlich besteht. Das er gar nicht dazu in der Lage ist auf seinen ganz eigenen Füßen zu stehen, dass es soviel in seinem Leben gibt von dem er abhängig ist und das ist maßgeblich auch seine Frau. Somit wird er sich wieder entziehen und reumütig zu seiner Frau zurück kriechen um einige Tage oder Wochen den perfekten Ehemann zu geben. Teils aus Schuldgefühl, teils aus Dankbarkeit, dass alles so weitergeht wie gehabt. Aber es wird nicht ewig dauern, bis sein Begehren zurückkehrt und er sich nach seiner Mata Harie zurücksehnt.

 

Für alle Mata Haries: lasst Euch nicht ausnutzen, benutzt und spielt selbst! Lasst Euch nicht einreden ihr seid falsch, nur weil ihr dem gesellschaftlichen Zwang eines längst überholten monotheistischen und patriarchalischen Konstruktes nicht folgen wollt!! Und grämt Euch nicht wenn ihr keinen Mann an eurer Seite habt. Ihr seid stark!! Viel stärker als die meisten anderen um Euch herum. Denn ihr schafft, was Nietzsche zu Recht forderte: werdet Euer eigener Übermensch! Seid unabhängig und verantwortlich für Euch und Euer Leben. Habt kein Verlangen nach einem Gott oder anderem, der über Euer Leben richtet und Euch sagt was Richtig oder Falsch ist. Alles was ihr braucht tragt ihr in Euch selbst. Ihr seid Euch selbst genug. Vielleicht nicht immer, aber doch soviel dass Euch Eure Überzeugung wichtiger ist, als irgendwelche gesellschaftlichen Regeln. Seid stolz, dass Ihr so seid und lasst Euch nicht einreden Ihr macht etwas falsch. Ihr seid konsequent und stark genug Eurer Überzeugung zu folgen und alleine das sollte Euch immer wieder zeigen, wer hier einem Irrweg folgt!

 

Abschließend möchte ich noch die Allgemeingültigkeit meiner Ausführung ausschließen. Nicht alle Männer sind so! Aber ich wollte diese Art männlichen Verhaltens einmal ausführen, da es doch viele Männer gibt die sich so verhalten und Frauen damit in den Wahnsinn treiben. Auch Frauen haben ihre kuriosen Seiten und bei Zeiten werde ich auch dieses Verhalten ausführen aber mit irgendwas muss man ja anfangen nicht wahr :).

Quälen

An manchen Tagen ist es einfach verhext! Obwohl, eigentlich gibt es Zeiten da ist es an allen Tagen so und man kann die Tage zählen, an denen einfach mal alles ok ist.

Jeden Tag plagen mich extreme Kreislaufschwankungen, bestialische Kopfschmerzen, meine Augen flirren und ich muss ständig blinzeln und die Augen zusammenkneifen um irgendwas zu sehen. Die Bildschirmarbeit macht es natürlich nicht besser. Dann kneift der Bauch und ich kriege Krämpfe, wenn ich irgendwas esse was der Magen oder Darm nicht mag. Aber was ich nicht vertrage, ändert sich täglich wenn nicht sogar stündlich. Momentan traue ich mich auf der Arbeit kaum noch etwas Gescheites zu essen. Morgens ´ne Waffel und dann nur noch was zu knabbern. Salzstangen, Tuc Kekse, Butterekse. Selbst mein halbes belegtes Brötchen am Mittag geht nicht mehr. Sogar bei einem trockenen halben Brötchen mit ein paar Körnern hab ich so unglaubliche Bauchkrämpfe bekommen, echter Horror. Und sowas passiert dann natürlich auch gerne mitten in der Stadt. Herrlich!

Durchfall gibt’s auch, klar, aber ganz ehrlich, ausser das Arschbrennen stört der mich am Wenigsten. Diese ständigen Temperaturschwankungen, zwischen Schwitzen und Zittern, dazu der ständige Schwindel und die Angst vor einem Fußweg der länger als 10 Minuten ist, das ist schlimm! Da kann ich dann schon mal in den Unterzucker rutschen oder mir wird so schwindelig, dass ich kaum noch gut laufen kann. Aber was soll ich machen. Ich gehe trotzdem jeden Tag brav zur Arbeit und versuche auch immer meine Laune zu behalten. Nur die ersten 2 Stunde morgens sind fies. Das aus dem Bett quälen trotz bleierner Müdigkeit und Kopfbrummen vom Feinsten. Dann auf der Arbeit die erste Schmerztablette und das Heulen unterdrücken, weil ich eigentlich weder will noch gut kann. Bis ich mich dann überwunden und mir ein Lächeln ins Gesicht getackert habe und versuche alle Symptome so weit auszublenden wie es eben geht.

Und trotz all dem lasse ich mich immer wieder verunsichern. Ach, so schlecht geht es mir doch gar nicht. Noch kann ich aufstehen und sitzen ohne dabei umzufallen. Aber manchmal wünsche ich mir genau das, umfallen! Die Verantwortung abgeben, nicht mehr darüber nachzudenken was geht und was nicht. Denn irgendwie geht es ja tatsächlich meistens. Aber wenn man mal umfallen würde, dann weiß man untrüglich jetzt geht’s nicht mehr. Jetzt hilft nur noch eine Auszeit oder sonst was aber kein Weitermachen mehr.

Dieses gesunde Maß die eigenen Ressourcen einzuschätzen, das fehlt mir irgendwie total. Auch getrieben von dem Anspruch der anderen. Auch wenn ich weiß, die sind nicht ich und ich sollte mich nicht mit ihnen vergleichen, tue ich es doch immer wieder und versuche mich anzupassen. Aber natürlich nur an die leistungsorientierten Eigenschaften. Die Macken und Unzulänglichkeiten blende ich aus. Für mich gilt nur High End als Grundstandard.

Immerhin habe ich es geschafft, auch mal offen zu zeigen wenn irgendwas weh tut oder ich den Kopf nicht mehr gerade halten kann, ohne ihn auf meine Hände abzustützen. Aber es bleibt dieses Gefühl, mich anzustellen. Keine Berechtigung dafür, dass es mir wirklich schlecht geht, mir das alles nur einzubilden.

Es ist zum aus der Haut fahren und ich weiß auch nicht so richtig weiter. Ich hätte so gerne jemanden, der mir sagt, was ich tun soll. Und nicht nur irgendwelche Medis verschreibt. Sondern ganz klar und deutlich: Mach dies sonst das! Aber in unserer Ärztelandschaft wäre das wohl zuviel verlangt. Hier kommt man nur weiter, wenn man genau weiß was man will und braucht.

Jetzt warte ich auf den nächsten Arztbesuch und hoffe, der findet mal was, was mir hilft. Und mir vielleicht ein bisschen mehr das Gefühl gibt, mich nicht anzustellen. Der mich ernst nimmt und mir beisteht. Aber ich fürchte, darauf warte ich vergeblich.

Grenzüberschreitung

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Wieder ein Jahr, in dem ich über meine Grenzen gegangen bin, in dem ich zu selten auf meinen Körper gehört habe, ihn übergangen habe, dachte ihn übergehen zu müssen. Wenn man nun einfach sagen könnte, macht nichts, nächstes Jahr mache ich es einfach anders, dann wäre das auch gar nicht so dramatisch. Aber so einfach ist das nicht. Denn der Körper merkt sich sehr vieles. Vor allem das, was nicht gut war. Er speichert alles ab und findet seinen eigenen Umgang damit und der gefällt dem Inhaber des Körpers selten so gut. Denn für den Inhaber heißt das, sein eigener Körper funktioniert nicht mehr so, wie er das gerne hätte. Der Körper hat sich seine eigenen Regeln gemacht. Und wie man da wieder rauskommt, das ist ein großes Problem. Denn haben sich Automatismen erst einmal eingespielt, ist es so unglaublich schwierig, sie wieder los zu werden.

Schwierig wird vor allem das richtige Verständnis, was ist wann wie zu verstehen. Wann heißt der alltägliche Gedanke am Morgen „Ich will nicht aufstehen“ wirklich, man sollte besser liegen bleiben? Wann sind Depressionen wirklich ein Zeichen sich zurückzuziehen? Das mag sich für all jene, die niemals mit Depressionen zu tun hatten oder haben sehr merkwürdig anhören. Depressionen sollten doch immer ernst genommen werden. Und genau da ist eben der Knackpunkt; NEIN!! Man darf sich nicht bei jeder kleinen Depression zurückziehen und die Decke über den Kopf ziehen. Denn Depressionen haben stets ein Spiralen Prinzip und zwar sind es Abwärtsspiralen. Ist man erst einmal drinnen, kommt man unheimlich schwer wieder raus. Die Gedanken verselbständigen sich und so sehr man es auch versucht auf seine Gedanken einzuwirken, jeder einzelne gute Gedanke wird gemeuchelt und in null Komma nichts in einen ganz schrecklichen Gedanken verwandelt. Und genau das beweist einem dann, dass wirklich alles sinnlos ist, wenn sogar die guten Gedanken so schnell zu schlechten werden.

Wenn depressive Gedanken aufkommen, ist es also auch oft ganz gut sich abzulenken oder abgelenkt zu werden. Dann kann man sich gar nicht diesen Gedanken hingeben.

Ist ja ganz einfach sollte man meinen. Sobald man blöde Gedanken bekommt, einfach ablenken und schon ist alles gut. Haha, schön wär’s. Nein, denn manchmal sind diese depressiven Gedanken auch ein Warnsignal des Körpers. Meist genau dann, wenn man alle anderen Signal erfolgreich übergangen hat. Dann kommt die Gedanken-Keule und legt den Verstand lahm. Und genau dann ist es allerhöchste Zeit sich zurückzuziehen, denn eigentlich ist es dann schon fast zu spät.

Wie man sehen kann, ist es alles andere als leicht genau zu wissen, was wann der Fall ist und wenn man es nicht weiß und einfach macht, kann das sehr leicht zu einer richtigen Strafe werden. Lege ich mich ins Bett, obwohl ich Ablenkung nötig hätte, ertrinke ich in Depressionen und wenn ich einfach weiter mache, kommt es auf kurz oder lang richtig Dicke und mich ereilt ein neuer Schub meines „heiß geliebten“ Crohn.

Und als ob das alles nicht schon genug wäre, hat man da ja immer noch das Prinzip der Leistungsgesellschaft im Hinterkopf. Nicht zu oft krank sein, sei einsatzbereit, zeige dich standhaft! Da will man auch nicht wegen jedes Zipperleins zu Hause bleiben. Aber wann ist ein Zipperlein nur ein Zipperlein? Ich finde es unglaublich schwer zu wissen, wann ich wirklich so krank bin, dass ich nicht arbeiten gehen kann. Fieber ist zum Beispiel ein super Maßstab. Mit Fieber bleibt man zu Hause und im Bett. Aber Fieber hat man eben auch nicht immer, wenn es einem schlecht geht. Schmerzen sind auch ein guter Maßstab aber auch nur wenn sie permanent sind und wann hat man schon wirklich ununterbrochen richtig starke Schmerzen? Durchfall, naja da kann ich nur drüber lachen. Ich weiß noch, wie ein Kollege sich unterhielt und erzählte er hätte ja Durchfall gehabt, da hätte er ja nicht arbeiten können. Klar, ist ja für jeden der keine CED hat völlig normal. Würde ich nach diesem Prinzip gehen, wäre ich das halbe Jahr krank.

Aber was ist bei all den anderen Symptomen? Schweißausbrüche, Schwäche, Kopfschmerzen, Bauchkrämpfe, allgemeines Unwohlsein? Auch das sind für mich keine Gründe zu Hause zu bleiben, da es einfach so oft vorkommt. Aber wann bleibt man dann zu Hause? Denn auch wenn es mir richtig mies geht und ich zu Hause bleibe, habe ich ein so schlechtes Gewissen nicht arbeiten zu sein, dass ich mich auch nicht richtig erholen kann. Dieses Gefühl, einfach das Richtige zu tun…. Das ist irgendwie schon lange her. Es bleibt dieses ewig bohrende Gefühl, doch das Falsche zu tun.

Und wieder einmal, wird mir klar, dass Körper und Geist untrennbar voneinander sind. Wie soll man gesund werden, wenn man immer das Gefühl hat das Falsche zu tun? Aber wie wird man das am Besten los? Wie findet man Selbstsicherheit, wenn man sich und seines Körpers nicht mehr sicher ist?

Ich habe nicht die geringste Ahnung, aber ich hoffe ich werde im neuen Jahr eine Antwort darauf finden.

Wieder leben dürfen

Wenn man einmal drin steckt in diesem Gedankenkarussell vom Kranksein, kommt man so schnell nicht mehr heraus. Ständig wird der ganze Körper und das Befinden gescannt, jede Kleinigkeit wird analysiert und ausgewertet. Und wenn man es doch mal schafft nicht darüber nachzudenken, gibt es einen Schmerz oder eine andere Missempfindung und schon geht das Karussell wieder von vorne los. Und manchmal bedingt das Denken auch die Missempfindung. Vor allem, wenn die Depressionen los gehen. Ich glaube jeder, der lange Zeit krank ist, hat früher oder später mit Depressionen zu tun. Man stellt alles in Zweifel, ist frustriert und glaubt nicht mehr daran je wieder gesund zu werden. Dazu sieht man all die anderen, die keine Probleme mit ihrem Körper haben und wenn dann nur ganz kleine. Man sieht ihr Leben, dass sie sich nie einschränken müssen, dass sie auch mal über die Stränge schlagen können, ohne ewig dafür büßen zu müssen. Und man beneidet sie! Soo sehr! Man wünscht sich genau das, einfach Leben ohne ständig darüber nachdenken zu müssen. Dinge im Voraus zu planen, ohne Angst es doch wieder absagen zu müssen.

Es ist unglaublich anstrengend ständig mit dem Gedanken zu leben, von dem was man sich vorgenommen hat, doch kaum was zu schaffen. Eigentlich wollte ich mir gar nichts mehr vornehmen aber das macht sowas von einsam. Weil man sich ausschließt vom Rest der Welt. Natürlich haben die meisten Verständnis dafür aber ich hasse es trotzdem absagen zu müssen. Und ich hasse es auch, jede Einladung ablehnen zu müssen. Absagen zu müssen ist ein kleines Versagen. Jedesmal. Denn wer weiß, wie lange sich jemand vertrösten lässt, bevor er sich gar nicht mehr meldet. Bevor er oder sie einfach keine Lust mehr hat, dieses ständige Vertrösten zu dulden. Diese ständige Angst, wieder jemanden zu enttäuschen weil man sich nicht gut fühlt.

Ich will mal wieder eine Woche erleben, in der ich alles schaffe was ich mir vornehme, ohne vorher dauernd Angst zu haben, es nicht zu schaffen. Denn diese Angst verselbständigt sich. Sie bringt einen dazu sich schlecht zu fühlen, ohne das bereits irgendetwas passiert wäre. Schon Tage vorher fange ich an zu planen, werte alle Daten aus, die ich bis dahin zur Verfügung habe. Alles wird wieder und wieder zerdacht. Wenn es dann soweit ist, hat man sich schon so hinein gesteigert, dass man schon ganz kirre ist und es ganz logisch ist, dass es einem nicht gut geht.

Einfach mal machen können ohne es vorher ins Kleinste vorgedacht zu haben…. Das wär’s. Aber es ist wie einen Sucht und lässt sich fast nicht abstellen. Denn selbst wenn man nicht bewusst darüber nachdenkt, geht es im Unbewussten weiter.

Ruhe im Kopf, einfach nur Ruhe.

Manchmal frage ich mich, ob ich all diese Panik im Kopf nur da ist, weil ich nicht genug habe, was mich erfüllt. Denn wenn ich eine Aufgabe habe, die mich fesselt, dann ist mein Kopf ruhig und dann läuft auch nichts im Untergrund ab. Dann gibt es einfach nur eins. Ich, in Symbiose mit meiner Tätigkeit. Aber wenn ich nicht ganz gefesselt bin, dann gibt es immer Zweierlei; meine Gedanken und das was ich gerade tue und beides ist losgelöst voneinander. Geht es dann nicht generell darum mehr eins zu sein? Sich nicht dauernd gespalten zu fühlen? Vielleicht bedingt dieses Gespaltensein ja auch einfach die Krankheit? Weil die Erfüllung fehlt und ohne erfüllt zu sein, fehlt dem Organismus etwas. Dem einen mehr dem anderen weniger. Und mir scheint es derweil extrem zu fehlen. Denn wenn ich erfüllt bin, dann habe ich kaum Missempfindungen. Bin ich es nicht und bin eher gelangweilt, beginnt dieses Gedankenkarussell und kreist und kreist, vielleicht auch nur um etwas zu haben, worum es kreisen kann.

Ich manövriere mich schon oft selbst hinein. Weil mich Krankheiten aber generell auch wahnsinnig interessieren! Ich liebe es, darüber zu recherchieren, Zusammenhänge zu finden, Rätsel zu lösen. Und es muss um einen konkreten Fall gehen, damit mich die Recherche interessiert. Und da ich nicht so viele andere Fälle um mich herum habe, nehme ich immer wieder meinen Fall, an dem ich weiter rätsele. Aber das macht es leider oft schlimmer als besser. Aber es ist fast schon ein Automatismus geworden. Es ist so selbstverständlich jedem Gedanken nachzugehen, dass ich erst viel zu spät merke, wann ich schon wieder viel zu tief drin bin.

Das Zauberwort heißt wieder mal „bewusst werden“! Folge nicht jedem Impuls, sondern höre erst einmal in dich hinein. Muss das jetzt sein? Gibt es nicht noch etwas anderes was du tun kannst? Würde dir das nicht vielleicht auch besser helfen? Und wenn da ein fieser Gedanke ist, was kannst du tun, um ihm zu entkommen?

Ich denke diese vier Fragen werde ich mir für die nächste Zeit mal auf die Fahne schreiben. Vielleicht hilft es ja etwas.

Die Probleme der anderen

Es ist schon erstaunlich wie unterschiedlich Menschen in ihren Empfindungen sind. Vor allem der Unterschied zwischen kranken und gesunden Menschen klafft seeehr weit auseinander. Aber gerade den Kranken wirft man vor, sie sollen sich nicht so reinsteigern und ruhig bleiben. Dabei haben doch gerade die wirklich was zu meckern.

Als ich 5 Monate nach der OP die ersten Anzeichen für einen neuen Crohn Schub bekam (dabei heißt es, nach einer OP hat man 1 Jahr Ruhe vom Crohn), war ich doch latent verzweifelt. Aber das Einzige was ich zu hören bekam war „ach quatsch bestimmt nicht“ „steigere dich da nicht so rein“ und „mach dich nicht verrückt, wird schon nicht so schlimm“. NICHT SO SCHLIMM?????? Wollt Ihr mich verarschen? Und außerdem, seit wann kennt ihr meinen Körper besser als ich??? Wenn ich fühle, dass diese Scheisse wieder da ist, dann ist das auch so!

Na gut, Ruhe bewahren und sich denken, wer so redet reißt sich sicherlich auch genug zusammen. Aaaaber weit gefehlt. Denn gerade die, die so reden, sind mit den kleinsten Unebenheiten in deren Leben richtig überfordert. Der eine klagt darüber wie schlecht es ihm geht, weil er eine Nacht nicht gut geschlafen hat. Da kann ich irgendwie nur müde drüber lachen. Ich bin froh, wenn ich mal eine Nacht ohne Störungen schlafe! Ich werde ständig wach, weil mich entweder irgendein Albtraum aufweckt, ich dauernde innere Unruhe habe, den Alltag nicht bewältigen zu können oder weil ich einfach Schmerzen oder solche Luft im Bauch habe, dass ich fast verrückt werde.

Ruhe bewahren echt! Ich geb Euch Ruhe bewahren! Wenn ich für jedes Mal, in dem ich nicht verzweifelt zusammengebrochen bin, wie ich es eigentlich hätte tun können, einen Euro bekommen hätte, bräuchte ich ein paar Jahre nicht mehr arbeiten zu gehen.

Und dann die Leute, die zwar ein körperliches Leiden haben, aber es wirklich so leicht hätten etwas daran zu ändern, es aber einfach nicht tun. Und dann den großen Dramatiker mimen, wiiiie schlecht es ihnen doch geht. Da möchte ich eigentlich am Liebsten laut drauf los lachen. Was würde ich dafür geben, ich hätte die Patentlösung für meine Krankheit. Einfach jeden Abend ein paar Übungen machen und dies oder das zu sich nehmen und alles hätte sich erledigt. Hach, da träume ich von. Ich kann tun und lassen was ich will, es gibt nichts was wirklich hilft. Mal hilft das eine, mal das andere. Aber das ändert sich ständig und so ist man ewig auf der Suche, erhascht hier und da einen Blick auf den heiligen Gral aber sobald er greifbar erscheint, verschwindet er wieder in Nebel und absoluter Dunkelheit und man steht wieder ganz am Anfang.

Dann gibt es natürlich noch die, die einen auf super hart machen, es auf den ersten Blick vielleicht auch sind, aber wenn man sie genauer kennen lernt merkt man, dass sie die kleinsten Kleinigkeiten auf die Palme bringen und sie ihrem Ärger dauernd und ständig Luft machen. Aber einen vom Zusammenreißen erzählen.

Besonders gern habe ich auch jene, die einfach nur inkonsequent sind und dann ständig über ihre eigene Inkonsequenz jammern. Da sind die nörgelnden Morgenmuffel. Ständig heißt es, sie hätten zu wenig Schlaf aber gehen trotzdem jeden Abend zu spät ins Bett. Dann die mit chronisch hohen Blutdruck, die über Herzrasen und die damit verbundenen Leiden klagen aber partout nicht zum Arzt gehen um sich Beta Blocker verschreiben zu lassen. Außerdem noch die Hypochonder die sich in jede mögliche Krankheit reinsteigern aber noch nicht 1x beim Arzt waren, um irgendwas abklären zu lassen. Das sind nur mal ein paar Beispiele, die Liste lässt sich ewig fortführen.

Chronische Inkonsequenz ist ein Massenleiden! Aber oft leiden nicht die Betroffenen selbst darunter, sondern ihre Angehörigen. Denn sie selbst machen ja ihren Sorgen und Nöten oft genug Luft. Da setzt sich oft gar nichts fest im Kopf was Ärger machen könnte. Aber die, die daneben stehen, die haben es schwer. Denn Anfangs versuchen sie gut zuzureden. Irgendwann merkt man dann, der will ja gar nichts ändern. Dann setzt die kopfschüttelnde Resignation ein und irgendwann würde man sich am Liebsten bei jedem neuen Jammeranfall ein Loch ins Knie schießen, weil dieser Schmerz wenigstens vorbei gehen würde.

Tja und was bleibt am Ende? Diese Welt ist voll von schwachen Menschen. Nur, die meisten verbergen ihre Schwäche und sind sich sehr oft selbst nicht darüber bewusst. Weil sie auch nicht ständig damit konfrontiert werden. Woran das liegt, steht auf einem anderen Blatt. Kranke Menschen werden ständig mit ihrem Leid konfrontiert, ob sie wollen oder nicht. Normalität gibt es oft nicht, bzw. sieht sie gänzlich anders aus, als die Normalität gesunder Menschen. Wer krank ist muss unheimlich stark sein, weil einen die Krankheit sonst auffrisst. Man bewahrt ständig die Nerven, weil ein annähernd normales Leben sonst gar nicht möglich wäre. Und ruhig bleibt man auch. Dauernd, ständig, weil man weiß, wenn man jetzt die Ruhe verliert, wird es noch viiiiel anstrengender. Wie oft findet man neue Denkwege, einfach um sich gar nicht erst aufregen zu müssen. Und erstaunlich oft gelingt das auch. Denn wir sind, was wir denken. Kranke Menschen erfinden schnell Wege, die es ihnen leichter machen, weil sie es einfach oft genug schwer haben. Wenn man schon den Körper nicht unter Kontrolle bringen kann, so doch wenigstens die Gedanken. Und so erscheinen einem die Probleme der anderen, die ihre Gedanken nicht unter Kontrolle haben, weil sie es einfach nicht so lernen mussten, als so banal und lachhaft, auch wenn das oft sicher nicht richtig ist. Denn jeder findet nun mal seinen Umgang mit dem Leben, jeder wird von anderen Dingen geprägt und jeder ist und denkt auf bestimmte Art und Weise, weil das die beste Art für ihn war, um zu überleben.

Es ist auch nicht meine Absicht hier irgendjemanden schlecht zu machen, manchmal muss man seinen Frust nur einfach mal loswerden. Das tun alle anderen ja schließlich auch J

Der Crohn und ich

Nachdem ich nun 1 Jahr non stop mit diesem verfluchten Morbus Crohn zu tun habe, habe ich beschlossen darüber zu bloggen. Darüber schreiben, um all das greifbarer zu machen. Es nicht verdrängen zu wollen und zu müssen. Die Dinge beim Namen nennen können und einfach los zu werden, was mich immer wieder fertig macht. Denn im Alltag, auf der Arbeit bei Freunden, da will man nicht ständig jammern. Ich will nicht nur dieses eine Thema haben. Ich versuche es so gut wie es geht außen vor zu halten. Sicher rede ich auch darüber und jammere mal aber immer nur dann, wenn ich schon echt am Anschlag angekommen bin. Wenn ich gar nicht mehr anders kann, als ständig in Tränen auszubrechen. Und dann schäme ich mich dafür. Soo sehr. Dass ich geheult habe, mich nicht mehr zusammen reissen konnte. Weil ich es hasse andere Leute mit meinen Leiden belasten muss. Das ist verrückt ich weiß, Freunde sind ja auch dafür da einem beizustehen. Aber obwohl ich das weiß, mache ich es äußerst ungern.

Warum das so ist? Tja gute Frage, sicher so ein Kindheits- Familiending, man kann eben nicht raus aus seiner Haut. Aber darum geht es jetzt auch gar nicht. Ich suche einfach einen Weg meinen Gedanken Ausdruck zu verleihen und das möchte ich jetzt hier versuchen.

Ich weiß, mein Krankheitsverlauf ist sicherlich keiner von den ganz schlimmen. Aber diese Krankheit beeinflusst mich tagtäglich.

Nun mal zu den Fakten:

Ich bin 34 und leide seit ich 19 bin unter Morbus Crohn. Für alle die das nicht kennen, dass ist eine „Autoimmunerkrankung“ (ich setze das in Anführungszeichen, da die Forschung sich hier noch nicht ganz einig ist. Man nennt es Autoimmunkrankheit, da sie auf Immunsuppressiva anspricht aber nach neuesten Erkenntnissen vermutet man, dass der Körper sich hier nicht selbst angreift, was normalerweise ausschlaggebend für eine Autoimmunkrankheit ist. Momentan nimmt man an, dass es sich um eine Barrierestörung der Darmwand handelt. Für alle die es interessiert hier ein LINK.

Aber wirklich sicher ist man sich nicht. Kurz man weiß einfach nicht genau, warum Menschen Morbus Crohn bekommen. Sicher ist, dass es diese Krankheit nur in westlichen Zivilisationen vorkommt.). 10 Jahre habe ich mich nicht wirklich mit der Krankheit beschäftigt. Weil es immer auch so ging. Aber dieses verfluchte Cushing Syndrom mit dem aufgequollenen Gesicht und der restlichen Gewichtszunahme bäääääh, das hab ich gemieden wie die Katze das Wasser. Ich musste mich aber auch nicht darum kümmern, denn wenn es mir nicht gut ging, bin ich einfach im Bett geblieben. Während der Uni war das auch kein Problem. Erst als ich vor 5 Jahren ins Berufsleben einstieg, gingen die richtigen Probleme los. Ständig müde und kaputt, immer wieder bestialische Schmerzen von den Koliken und dann immer dieses „Du darfst nicht krank sein“! Denn ich musste ja arbeiten und krank schreiben war nicht erwünscht.

Mittlerweile bin ich zwar in einer Firma, die das nicht so eng sieht aber krank schreiben ist für mich immer noch gleichbedeutend mit Versagen. Also auch wenn ich krankgeschrieben bin, fühle ich mich schrecklich elend, weil ich das Gefühl habe gerade zu versagen. Wie das dann mit der Erholung ist kann man sich überlegen.

Aber in diesem Jahr war es richtig schlimm. Von Anfang an. Also ging das Programm los; Kortison Therapie die mal so rein gar nichts brachte, dann neue Therapie mit Azathioprin, davon hab ich ´ne Bauchspeicheldrüsenentzündung bekommen. Mein Gastro wollte mir dann Spritzen geben, jede Woche aber ich hatte die Nase voll. Ich wollte nur noch die OP. Also nahmen sie mir im Mai 20 cm Darm raus.

Nach einer OP hat man 1 Jahr Ruhe mit dem Crohn heißt es, aber dem war nicht so. Ich kämpfte nach wie vor mit Beschwerden und im November waren dann alle Symptome wieder da. Aber ich habe keine Lust mehr auf diesen Ärztemarathon und all die Medikamente. Diesmal will ich mein eigener Herr bleiben.

Vom verlorenen Körpergefühl und vom inneren Kapitalismus

Was ist mit den Menschen der westlichen Welt geworden? Oder eher aus ihrem Gefühl zu sich selbst? Das eigene Körpergefühl scheint aus der Mode geraten zu sein (wenn es überhaupt jemals in Mode war). Es geht nicht mehr darum sich wirklich wohlzufühlen, sondern darum möglichst viel zu tun, was den Stempel Wohlfühlcharakter hat. Immer getreu nach dem Motto; je mehr, je besser.

Dazu habe ich heute morgen in der Süddeutschen gelesen: „Todesursache Wasser trinken“ und „Gereizt, gerissen, verspannt-Trendsport Yoga und seine Risiken.“

Beide Artikel belegen grandios wie gerade angeblich Körper bewusste Menschen sich und ihr eigenes Wohlbefinden völlig aus den Augen verloren haben. Im 1. Artikel ging es um Marathon Läufer, die so viel Wasser trinken, dass ihr Körper überschwemmt wird vom Wasser. Durch den so entstehenden Salzmangel kann Wasser ungehemmt in die Zellen schwemmen und diese anschwellen lassen. In Fachsprache nennt man das Hyponatriämie. Wenn diese Flüssigkeitsverschiebung auch das Gehirn betrifft, kann es zu einem Hirnödem mit steigendem Hirndruck kommen, was zum Tod führen kann.

Im anderen Artikel ging es darum, dass Menschen durch Yoga starke Schmerzen bekommen. Durch entzündete Nerven und überstrapazierte Bänder. Yoga als exzessiv Sport. Exzessiv zur Entspannung und inneren Gelassenheit quasi. Dass das ein Trugschluss ist, sollte jedem klar sein – ist es aber nicht.

Beide Artikel beschäftigen sich mit sportbegeisterten und gesundheitsbewussten Menschen. Denn beide Gruppen handeln im festen Glauben etwas Gutes für ihren Körper zu tun. Der Marathon Läufer will durch die extremen Mengen Wasser der Entwässerung des Körpers, durch die Extrembelastung vorbeugen. Denn wir alle haben ja gelernt, dass man dem Körper viel Wasser zuführen muss und das vor allem bei besonderen Belastungen. Wenn der Körper einer Extrembelastung ausgesetzt wird scheint dann die logische Schlußfolgerung zu sein: Lieber zu viel als zu wenig.

Ein ähnlicher Ansporn scheint auch jene Yoga-Begeisterte gepackt zu haben, die sich statt der erhofften Erholung und Entspannung, Muskelrisse und Verspannungen zuziehen. Sie können den Sport nicht mehr als das betrachten, was er eigentlich sein soll. Sie finden in ihm nicht den Weg zur geistigen und körperlichen Mitte, sondern erleben in ihm nur das Gleiche was bereits im Alltag vorherrscht – nur was man exzessiv betreibt, kann auch den erwünschten Nutzen bringen. Und in beiden Fällen ist den Menschen etwas ganz Entscheidendes abhanden gekommen: ihr eigenes Körpergefühl! Der gesundheitsbewusste Mensch von heute hört nicht mehr auf sich selbst, sondern auf das, was ihm Ratgeber, Fachzeitschriften, Life Style Magazine oä. anpreisen. Viel trinken ist gesund also kann noch mehr ja absolut nicht verkehrt sein. Die eigene Stimme, eigene Signale werden ausgeblendet und übergangen: „Körper halt die Klappe, ich tu dir gerade was Gutes.“

Mir bleibt immer die Luft weg, wenn ich von Fällen wie diesen höre oder lese. Gerade wenn es um Leute geht, die im festen Glauben sind sich gerade etwas Gutes zu tun. Es ist ein Sinnbild unserer Leistungsgesellschaft, in der es vor allem darum geht eben nicht auf sich selbst zu hören, sondern auf das, was einem gesagt wird. Blindes Befolgen von Regeln, die einem gesetzt werden.

Das Perfide ist, dieser Leistungsdruck kommt heute nicht mehr nur noch aus den Mündern der anderen. Es geht nicht mehr nur noch darum, was andere von einem erwarten sondern vor allem was man von sich selbst erwartet. Dazu braucht es keine Chefs, Kollegen, Freunde oder Familie die einem diesen Floh ins Ohr setzen. Nein, das ganze spielt sich mehr und mehr in den eigenen Köpfen ab. Getrieben vom medialen Wahn der individuellen Optimierung. „Ich will nicht nur eine gute Arbeit mit super Aufstiegschancen haben, ich will auch selbst immer weiter aufsteigen, mit meinen Hobbys mit meinen Kindern, mit meinem Körper, mit meinem Geist.“ Das Credo des Kapitalismus ist auch in den Köpfen der Menschen angekommen – nur durch stetiges Wachstum kann das System bestehen. Stillstand kann nicht geduldet werden, bzw. bringt das System zum Erliegen. Also muss man sich weiter optimieren, weiter wachsen und weiter konsumieren und genau wie im Kapitalismus bleiben grundlegende Ressourcen auf der Strecke; in diesem Fall das Gefühl für sich selbst. Geopfert für den stetigen Aufstieg. Anfangs ist es leicht dieses Opfer zu bringen, denn es wehrt sich nur zaghaft. Erst mit der Zeit wird es massiver, bis es sich in die Unerträglichkeit hineinsteigert. Aber bis dahin verbindet man dieses Unerträgliche schon gar nicht mehr mit seiner eigentlichen Ursache. Man hat dann also eine Wirkung dessen Ursache einem gänzlich fremd ist und schon sind wir angekommen, bei den Leiden des 21. Jahrhunderts. Da braucht es gar keine akuten Manifestationen wie eine Hyponatriämie oder eine gerissene Sehne. Hier geht es um die Volkskrankheiten der heutigen Zeit Depressionen, Migräne, Süchte und was man noch alles auf Überanstrengung und Überreizung zurückführen kann.

Was also tun um einen Weg zu sich zurückzufinden, wenn selbst die eigentlichen Entspannungsbringer wie Yoga nicht mehr funktionieren? Es ist eigentlich ganz einfach und doch scheint es für viele unerreichbar. Es geht hier eben nicht darum, Leistung zu bringen! Kontakt zu sich selbst herstellen sollte das Ziel sein. Aber vielleicht ist es auch genau das, wovor viele Angst haben. Denn das hieße, dass sie sich unter Umständen ändern müssten und sie haben doch alles dafür getan, um sich dahin zu bringen, wo sie jetzt sind. Und so schließt sich der Kreis aus Wachstum und Selbstoptimierung der vergessen will, dass alles endlich ist und zum Wachsen auch öfter mal die Stagnation gehört.

 

Die Angst vor Weiblichkeit

“Weiblichkeit ist die Eigenschaft, die ich an Frauen am meisten schätze.”

Oscar Wilde

Oscar Wilde bringt so treffend auf den Punkt, was viele völlig vergessen zu haben scheinen. Denn wahre Weiblichkeit mit all ihren Facetten, ist nicht gerne gesehen. Man kann sogar sagen, dass sie gefürchtet ist. Diese Gesellschaft hat Angst vor Weiblichkeit! Das mag zwar keiner offen zugeben aber erst am Wochenende durfte ich mal wieder eine gänzlich andere Erfahrung machen. Denn wenn ich ausgehe, liebe ich es mich zurechtzumachen. Kleidung anzuziehen, um mich selbst mit Blicken vor dem Spiegel wieder auszuziehen. Ich liebe es einfach eine Frau zu sein und ich weiß nicht, warum ich mir das verbieten sollte. Aber es gibt viele, die das anders sehen.

Ich ging mit einer Freundin in eine Bar und irgendwann stand ein Typ neben uns und quatschte uns an. Durch diesen Umstand lernten wir auch seine beiden Freunde kennen und verfielen mit allen Dreien in ein sehr anregendes Gespräch. Irgendwann kam dann das Thema auf mein Äußeres, was an diesem Abend sehr körperbetont war aber bis auf den verlängerten Hals alles bedeckte. Es war also noch nicht mal wirklich ein freies Dekolleté zu sehen. Aber mein Gesprächspartner, nennen wir ihn Alex, war sichtlich irritiert über die Kombination meines Äußeren und meinem offensichtlichem Intellekt. Man kann sagen, dass er fast empört war, weil diese beiden Attribute so gar nicht zueinanderpassten in seinem Weltbild. Er verfiel dann in einen Appell an mich, ich müsste mich doch anders kleiden, um auch von intelligenten Menschen ernst genommen zu werden. Ich konnte nur erwidern, dass die Menschen, die mich kennen lernen schnell merken, dass ich nicht dem gängigen Klischee entspreche attraktiv und sexy = blöd. Und auch das ich stolz darauf bin, dass es genau so ist. Aber das schien ihm nicht Argument genug zu sein. Er bewunderte das zwar auf eine Weise aber wirklich annehmen konnte er es nicht, hatte ich das Gefühl.

Es ist schon ein Phänomen, in einem so aufgeklärtem Zeitalter zu leben und immer noch mit solchen altertümlichen Klischees konfrontiert zu werden. Und das ist absolut kein Einzelfall sondern, soweit ich das einschätzen kann, immer noch die Regel und das auch weltweit. Emanzipation hat zwar so weit stattgefunden, dass Frauen wirtschaftlich und intellektuell akzeptiert werden aber auch nur so lange sie sich an die Konventionen der Männer halten. Und dieser Umstand macht mich wirklich traurig, denn daran sind sowohl Männer als auch Frauen mitschuldig. Männer haben die Regeln vorgegeben und Frauen halten sich daran, ohne diese Regeln in Frage zu stellen.

Die Frauen haben sich emanzipiert. Das ging aber nur durch Anpassung an die Männer. Sie haben ihre Kleidung angepasst, ihre Ernsthaftigkeit und auch die Ausdrucksform ihres Intellekts. Nur so konnten sie sich eine Gleichstellung erarbeiten. Frauen erhalten jetzt ihre Gleichstellung aber nur solange sie ihre Weiblichkeit zu Hause lassen, oder am besten gar nicht mehr raus holen. Es ist faszinierend aber so läuft es wohl nach wie vor in vielen Teilen der Welt. In Kulturen in denen Frauen zu ihrer Weiblichkeit stehen und sie offen zeigen, werden sie nicht gleichberechtigt behandelt, so zum Beispiel in Russland. Verstecken Frauen aber ihre Weiblichkeit, werden sie akzeptiert und können am großen Weltenspiel mitmischen, wie es beispielsweise hier in Deutschland der Fall ist.

Weibliche Attribute zur Schau stellen, wird immer noch als Instrumentalisierung gewertet. Frauen zeigen aus keinem anderen Grund ihre Vorzüge, als sie als Waffe einzusetzen. Um einen Mann zu ködern, um die Sinne der Männer zu vernebeln. Eine Frau wird auf ihre Optik reduziert, sobald sie ihre Reize zur Schau stellt.

Aber warum muss das denn so sein? Kann man in einer aufgeklärten Zeit wie heute solche Konventionen nicht über Bord werfen? Anscheinend gelingt das nach wie vor nur wenigen. Denn das Bild einer Frau ist klar definiert und das seit Jahrtausenden. Nicht erst das Christentum hat ein Bild für Frauen kreiert, dass sie in 2 Lager aufspaltete. Wollte eine Frau anerkannt sein, sollte sie der Jungfrau Maria gleichen. Keusch, sittsam, bescheiden, mütterlich und ohne eigene Bedürfnisse. Ihr gegenüber stand das Bild der frivolen, leidenschaftlichen, sexuellen und somit alles verschlingenden Frau. Dieses Bild könnte man mit Lilith vergleichen. Ein zügelloser Dämon, der Männer verführt und Kinder tötet. Denn die weibliche Sexualität war gleichgesetzt mit dem Bösen. So mussten Frauen ihre Weiblichkeit verdrängen so weit es möglich war, um Anerkennung zu erlangen in einer Männer dominierenden und bestimmenden Welt.

Die Lust erfuhr sehr früh einen Affront und als Verursacher der Lust galt die Frau. Ihre weiblichen Reize erregten den Mann und lenkten ihn von seinem „eigentlichen“ Wirken ab. Der Mann aber galt als das Ebenbild Gottes, sein Dasein galt einem höheren Sinn. Sokrates prägte in diesem Zusammenhang den Begriff der Mäeutik, der Hebammenkunst. Damit war das Hervorbringen von Erkenntnissen gemeint und die wurden mit geistigen Kindern verglichen (diese Kinder waren unsterblich, die der Frau dagegen nicht). Männer hatten in diesem Weltbild den Sinn geistig zu wirken, die Frau galt dem Nachwuchs. Übertragen hieß das auch, der Mann stand für das Unsterbliche, die Frau für das Sterbliche. Sie war es, die zwischen ihm und der Gottgleichheit stand und sie war es auch, die ihn dazu bringen konnte schwach zu werden. Indem sie ihn durch ihre Reize anzog und ihm die Sinne betäubte. Was galt es also einzudämmen? Die Macht der Frau über den Mann und die lag eindeutig in der Lust, die sie in ihm erzeugen konnte.

Dieses ganze Spiel der weiblichen Unterdrückung ist ein Spiel um Lust und Macht. Die Lust wurde verbannt und somit auch ein Teil des Menschen an sich. Die Lust bahnte sich ihre Wege aber die Auswüchse ihrer Unterdrückung sind für uns alle noch spürbar, auch wenn schon ein langer Weg ihrer Befreiung hinter uns liegt. Was wir aber noch nicht überwunden haben, ist die Lust als Teil eines Ganzen zu begreifen. Wenigstens nicht in ihrer Visualisierung. Denn was offensichtlich Lust zeigt, erhält nach wie vor den Stempel des „Bösen“ oder des nicht Kontrollierbaren. Und es erfährt eine Objektivierung. Was erregt kann nicht menschlich sein. Es wird abgespalten und zu etwas erklärt, was mit dem realen Leben wenig zu tun hat. Es wird in eine Traumwelt verbannt, auf die jeder zugreifen darf, die aber niemand gänzlich in sein Leben lassen darf. Menschen, die diese Traumwelt besiedeln, also jene die sich zu Objekten der Lust machen (machen lassen) werden aus der Realität verdrängt, haben in den Augen vieler keine wirkliche Daseinsberechtigung als Mensch. Als Lustobjekt ja, aber nicht als Mensch mit Bedürfnissen.

Und da das Lustobjekt Nr. 1 nach wie vor die Frau ist, gilt dieses Prinzip vor allem für uns Frauen. Wir haben also immer noch die Wahl, wofür wir uns entscheiden. Entweder wir eifern der Jungfrau Maria nach oder Lilith. Das heißt gleichzeitig, dass wir uns entscheiden müssen für Gleichberechtigung und Anerkennung oder dafür nur als Objekt angenommen zu werden. So ist es auch nicht verwunderlich, dass Frauen in diesem Land darauf verzichten ihre Reize offen zur Schau zu tragen. Und die „Verhüllungsquote“ steigt mit der Bildung und dem Intellekt. Denn intelligente Frauen wollen nicht zum Objekt „degradiert“ werden. Sie wollen ernst genommen werden und das werden sie, wenn sie sich an die Jahrtausende alten Konventionen halten.

Und ich finde diesen Zustand wirklich und wahrhaftig zum Kotzen und dulde es weder, noch halte ich mich an diese Konvention!!! Ich lasse mir nicht verbieten, mich zu entschärfen, nur damit ich in das Bild einer Patriarch geprägten Gesellschaft passé! Die Menschen sollten begreifen, auf welchen Konstrukten ihre Überzeugungen aufgebaut sind, dann würden sie vielleicht nicht so zwanghaft daran festhalten. Das Neue wirkt oft bedrohlich aber im besten Fall bietet es eine Befreiung des Selbst.